Spanien-Experte checkt Bayerns Gegner

Philosophie, Stadion, Spielidee: So tickt Atlético Madrid

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Bereit für den FC Bayern: Antoine Griezmann und Atletico Madrid haben im Vierteflinale der Champions League den FC Barcelona ausgeschaltet.

München - Atlético Madrid steht also zwischen dem FC Bayern und dem Champions-League-Finale in Mailand. Ein Spanien-Experte nimmt den Klub für die tz unter die Lupe.

Atlético also ist der Halbfinal-Gegner des FC Bayern in der Champions League. Aber wer ist diese Mannschaft, die im Viertelfinale Barça ausgeschaltet hat? Wie spielt sie? Und welche Rolle spielt Simeone? Was genau die Bayern nun im Halbfinale erwartet, verrät Alvaro de la Rosa, Redakteur beim spanischen Sportblatt AS und ein Experte, was die Philosophie und Spielidee des kommenden FCB-Gegners angeht. Die tz-Analyse:

Wie sieht die Philosopie aus?

Alvaro de la Rosa von der AS.

Sie lässt sich mit einem Wort definieren: Cholismus! Was Diego Pablo Simeone, genannt "El Cholo", sagt, wird nicht infrage gestellt. Seit Dezember 2011 nimmt er auf dem Trainerstuhl der Rotweißen Platz und ist der große Achitekt von Atlético. Es gibt einen Satz, den der Argentinier immer wieder aufs Neue wiederholt. Sie erklärt den Cholismus. "Spiel für Spiel", lautet er. Sie spielen jedes Spiel so, als ob es ihr letztes wäre. Und zwar mit höchster Intensität, die ihre Gegner erstickt. Und all das nur, um gegen die zwei Riesen aus Barcelona und Madrid zu kämpfen - und viele dieser Schlachten zu gewinnen. Real ist es diese Saison in keinem der beiden Ligaspiele gelungen, sie zu bezwingen. Wer Atlético als Durschnitts-Team bezeichnet, hat wenig Ahnung.

Welche Rolle spielt Simeone?

"El Cholo" ist der sichtbare Anführer Atléticos, aber nicht der einzige. In seinem Trainerteam finden sich zwei unersetzliche Hilfskräfte: Germán Burgos, Ex-Keeper der "Rojiblancos", steht für den Charakter, die Kraft und die Leidenschaft. Letztens im Bernabeu mussten sie ihn zurückhalten, damit er dem Schiedsrichter nicht an die Gurgel geht. Dazu benötigte es fünf bis sechs Mann von der Bank. Der zweite ist Professor Ortega, der Fitnesstrainer, der dafür sorgt, dass die Spieler 90 Minuten über wie Motorräder unterwegs sind, egal ob im Mai oder Oktober.

Welche Spielidee verfolgt er?

Seine eigentliche Stärke ist die Verteidigung. In 32 Ligapartien kassierte er gerade mal 16 Tore - elf weniger als Barcelona, drei weniger als Real. Und hinten ragt ein Spieler heraus: Diego Godín. Er ist der Anführer dieser Mannschaft, Simeones verlängerter Arm auf dem Rasen. Er dirigiert, fängt Bälle ab und ist ein Titan in der Luft. Wenn Robert Lewandowski zu BVB-Zeiten schon gegen Sergio Ramos leiden musste, soll er sich bei Godin schon mal auf was gefasst machen. Godin ist ein ganzer Uru und lässt sich auch nicht von Ellbogen-Checks seines Landsmanns und Barca-Stars Luis Suárez kleinkriegen, wie man im Rückspiel gegen die Katalanen sehen konnte.

Wer ist der Star?

Antoine Griezmann, der Torjäger. Er kommt nicht an das Niveau von Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi heran, aber er ist derart in Form, dass man sich schon in Frankreich nicht mehr darum schert, dass Karim Benzema nicht zur EM mitfährt. "Wir haben ja Grizzi", sagte man sich dort. In dieser Saison hat er bereits 29 Tore auf seinem Konto, sechs davon in Europa, von denen zwei Barcelona aus der Königsklasse warfen.

Welche Rolle spielt Fernando Torres?

"El Niño" erlebt in diesem Saisonfinale eine Art Renaissance. Sechs der acht Tore, die er diese Saison erzielt hat, schoss er in den vergangenen Monaten. Er hatte große Angst, dass sein Platzverweis im Camp Nou Atléticos Aus in der Königsklasse besiegeln würde, als seine Mannschaft dann aber doch durchmarschierte, atmete er auf den Rängen des Vicente Calderon tief durch. Jetzt träumt er davon, die Ziele zu erreichen, die er bereits als kleines Kind verfolgte: mit Atlético Titel zu gewinnen. Dass er von Milan ausgeliehen ist, spielt dabei keine Rolle.

Welche Rolle spielt das Stadion?

Das Stadion Vicente Calderon.

Das Calderon ist ein Hexenkessel. Die Bayern sollten sich über das Rückspiel in der Allianz Arena freuen, denn die Fans von Atlético sind traditionell leiderprobt und lassen ihre Mannschaft niemals im Stich. Das Calderon kann ohne weiteres das lauteste Stadion Spaniens sein, was auch ein wenig mit Simeone zu tun hat. Während der Spiele beschränkt er sich nicht darauf, Anweisungen zu geben, sondern heizt parallel dazu die Zuschauer an. Ganz im Stile eines Ultras. Und er hört nie auf damit, genauso wenig wie die Fans, die ihrem Boss natürlich folgen. Aus dem Calderon etwas Positives mit nach München zu nehmen, wird nicht gerade einfach für Bayern.

Warum nennt man sie Matratzen und Indianer?

Die Matratzen haben einen geschichtlichen Hintergrund. Die Trikots von Atlético waren stets rot und weiß gestreift, genauso wie der Stoff, mit dem die Matratzen in der Nachkriegszeit überzogen waren. Den Spitznamen gibt es schon sehr lang und er ist auch nicht despektierlich gemeint. Bei den Indianern gibt es verschiedene Theorien: Eine davon besagt, dass es mit den vielen Südamerikanern zu tun hat, die Atlético in den 70er- und 80er-Jahren verpflichtet hatte. Andere wiederum meinen, der Kosename habe mit der Lage des Stadions direkt am Ufer des Flusses Manzanares zu tun, das alles in allem einem Indianer-Stamm ähnle. Auch dieser Spitzname wird von den Fans geduldet, auch wenn die Fans des Stadtrivalen diesen gern despektierlich gebrauchen. Das Maskottchen heißt zudem Indy.

Welche Rolle spielt das Landesmeisterfinale 1974 gegen Bayern?

Seitdem ist Atlético als Unglücksrabe angesehen. Luis Aragonés erzielte das 1:0 in der Verlängerung, ein gewisser "Katsche" Schwarzenbeck sorgte jedoch mit einem Distanzschuss für das Wiederholungsspiel, das für Atlético böse mit 0:4 endete. Seitdem sind die "Rojiblancos" der Meinung, Europa wäre ihnen was schuldig. Und seit der 93. Minute vor zwei Jahren in Lissabon sind es sogar zwei. Möglich, dass das Schicksal dieses Halbfinale als Krisenbewältigung auserkoren hat. Vielleicht aber auch als das neue Kapitel einer leidgeplagten Geschichte, die jeder Atlético-Fan am liebsten vergessen würde.

Das ist Atlético Madrid

Erfolge: 10x spanischer Meister (zuletzt 2014), 10x spanischer Pokalsieger (zuletzt 2013), spanischer Supercup-Gewinner 1985 und 2014, Europapokalsieger der Pokalsieger 1962, Europa-League-Sieger 2010 und 2012, UEFA-Supercup-Gewinner 2010 und 2012, Weltpokalsieger 1974.

Platzierung in der abgelaufenen Saison: Dritter.

Stars: Antoine Griezmann (Frankreich), Koke, Fernando Torres.

Trainer: Diego Simeone (Argentinien/seit 2011).

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