Beziehung zwischen Bayern und Real

Augenthaler: „Früher gab es Fouls wie Mordversuche“

Klaus Augenthaler
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„Die haben mich zusammengetreten“: Augenthaler war selbst ein harter Spieler, Real aber war ihm zu hart.  

Als die Rivalität zwischen dem FC Bayern und Real Madrid in den achtziger Jahren ihren Höhepunkt erreichte, war Klaus Augenthaler mittendrin.

München – Im Interview erinnert sich der 59-Jährige – und blickt auf heute Abend: „Die Bayern können das Unmögliche möglich machen.“

Herr Augenthaler, war das 1:2 am vergangenen Mittwoch ein typisches Bayern-Real-Spiel? Eines, das alles hatte?

Augenthaler: Genau das war es. Denn in einem Spiel zwischen dem FC Bayern und Real Madrid hängt es immer von Kleinigkeiten ab. Wenn man ein Geschenk wie den Elfmeter nicht annimmt, dann ist man ein Stück weit auch selber Schuld. Wenn Bayern 2:0 geführt hätte, wäre es jetzt eine ganz andere Situation. Das ist bitter, aber es hilft ja nichts. Nun muss man halt versuchen, das 1:2 umzubiegen. Unmöglich ist das nicht! Aber wenn man zu Hause verliert, ist es schon sehr, sehr schwer gegen Real.

Was wiegt nun schwerer: Der Rückstand oder die Tatsache, dass die Abwehr der Bayern ohne Javi Martinez auskommen muss und verletzungstechnisch gebeutelt ist?

Da kommt jetzt natürlich alles zusammen. Martinez außer Gefecht, Hummels nicht fit, das ist schon ein extremes Handicap gegen einen Sturm wie den von Real Madrid. Und trotzdem stirbt die Hoffnung zuletzt. Die Bayern können doch auf jeden Fall in der Formation, in der sie antreten, ein Tor schießen, warum sollen sie nicht auch zwei machen?

Das Bernabéu hat seinen eigenen Ruf

Sie selbst hatten in den K.o.-Spiele 1987 und 1988 gegen Madrid jeweils einen Vorsprung aus dem Hinspiel und haben in Madrid immer verloren. Wie schwer ist ein Spiel im Estadio Santiago Bernabéu?

Sehr, sehr schwer. Es ist ja allein der Name, der Begriff, es hat einen eigenen Ruf, einen ganz anderen als das Stadion in Mailand oder früher das Olympiastadion in München. Auch schon die Lage, die sechsspurige Straße, die Paseo de la Castellana, die direkt vorbei geht. Von außen sieht man nur das Stadion, aber nicht die Dimension. Die merkt man erst von drinnen. Es ist schon etwas Besonderes, aus den Katakomben in dieses Stadion zu gehen.

Ist es furchteinflößend?

Früher war es das eher, weil wir aus der Bundesliga keine reinen Fußballstadien gewohnt waren. Wir kannten das nur aus Dortmund und Kaiserslautern. Aber heute kennen die Spieler diese Arenen ja, die Bayern waren überall in Europa und auf der ganzen Welt. Zumindest der Faktor der Kulisse hat sich relativiert. Und den Rest – die hitzige Atmosphäre, die Stimmung gegen das Auswärtsteam – muss man versuchen, auszublenden.

Die Rivalität der beiden Klubs hat Ihren Ursprung in den achtziger Jahren. Sie waren damals mittendrin.

Das stimmt. Und ich kann Ihnen sagen, dass sich beide Seiten auch noch erinnern. Erst vor Kurzem war ich mit dem Allstar-Team in Madrid, und der Präsident Florentino Perez hat mich gefragt, ob ich immer noch sauer sei.

Der Platzverweis 1987? Nur eine kleine Watsch! 

Was haben Sie geantwortet?

Damals war ich natürlich sauer, dass die mich so zusammengetreten haben, heute aber nicht mehr. Er hatte das Foul von damals, aus dem Hinspiel des Halbfinals 1987, auch noch genau im Kopf. Die Szene, in der mich einer mit beiden Beinen mehr oder weniger an der Brust trifft. Das war hart, deshalb habe ich damals die Hörner gezeigt, um zu betonen, dass wir nicht in der Arena beim Stierkampf sind, sondern auf dem Fußballplatz.

Das Spiel in München ging 4:1 aus. In Madrid sind Sie damals nach einer Watschn an Hugo Sanchez vom Platz geflogen.

Ach, das war doch nur eine kleine Watschn (lacht).

War es die wert?

Nein, denn ich habe die Mannschaft ja damit auch geschwächt, stand wie Martinez heute – damals allerdings im Endspiel – nicht zur Verfügung. Und für mich war es außerdem eine richtig schlimme Zeit in den Katakomben des Bernabeu. Wir lagen 0:1 hinten, und wenn du da 100 000 Leute brüllen hörst, denkst du bei jeder Szene: So, jetzt ist das 2:0 gefallen, jetzt das 3:0, jetzt sind wir dann draußen. Aber anscheinend waren es doch immer nur Chancen, die die wie verrückt bejubelt haben. Denn wir haben das Spiel ja mit 0:1 überstanden.

Stimmt es eigentlich, dass Sie damals in der Kabine alle Duschen aufgedreht haben, um nichts mehr zu hören?

Nicht alle, aber einige. Zehn, zwölf Duschen gab es in dem Duschraum. Das hat schön geplätschert (lacht). Und trotzdem habe ich immer noch etwas gehört. Als die Kollegen reinkamen, war ich wahrscheinlich glücklicher als nach dem WM-Titel drei Jahre später.

Damals haben Typen wie Hugo Sanchez und Juanito das Real-Team geprägt. Sind die harten Kerle von heute – Sergio Ramos, Marcelo, Pepe – mit ihnen zu vergleichen?

Nicht wirklich, weil sich einfach das Regelwerk geändert hat. Die Schiedsrichter pfeifen ja ganz anders. Auch die beiden Fouls von Martinez wären früher nicht zwingend mit Gelb und Gelb-Rot bestraft worden. So wie der Schiedsrichter aber letzte Woche gepfiffen hat, gehen die Karten schon in Ordnung.

Fünf Mal Halbfinale, kein Titel für Auge

Ist der Fußball verweichlicht?

Nein, das ist ja gut so. Aber obwohl man so gerne von „internationaler Härte“ spricht, ist das etwas ganz anderes als früher. Wenn man sich mal Videos anschaut von Spielen zwischen Real und dem FC Barcelona zu unserer Zeit: Das war schon grenzwertig, da gab es teilweise Fouls wie Mordversuche.

Sie waren ein harter Hund auf Bayern-Seite. Wer verschafft sich heute am meisten Respekt beim Gegner?

Ich sehe da zum Beispiel Arturo Vidal. So wie der aussieht, spielt er auch. Der Name Krieger passt perfekt zu ihm. Auch im Hinspiel hat der geackert für Zwei. Aber ein Cristiano Ronaldo und ein Karim Benzema haben auch Respekt vor Javi Martinez oder Jerome Boateng. Wenn dieses Kraftpaket vor dir steht, dann schreckst du schon zurück.

Sie selbst standen fünf Mal im Halbfinale, haben aber nie den Titel geholt. Wie sehr schmerzt es, immer kurz vor dem Gipfel zu scheitern?

Das ist bitter, sehr bitter. Ich stand auch noch zwei Mal im Finale, habe aber nie gewonnen. Jedes Jahr versucht man, alles richtig zu machen, bei null zu starten, sich alles zu erarbeiten. Und dann kriegt man wieder einen Gegner, der an diesen beiden Tagen der Glücklichere ist. Auch in den letzten Jahren war das halt nie der FC Bayern, sondern immer die anderen.

Den letzten Titel haben die Bayern unter Jupp Heynckes geholt, der auch Ihr Förderer war. Er wird oft mit Carlo Ancelotti verglichen. Sehen Sie Parallelen?

Ja. Heynckes war eher wie Ancelotti als wie Pep Guardiola. Mit seiner Art hat er wahnsinnig viel bewirkt bei Bayern. Wenn man mal sieht, was der aus Franck Ribery und Arjen Robben gemacht hat, die bis dahin ja vollkommene Egoisten waren, dann muss ich sagen: Hut ab! Auch für mich als Spieler war Jupp, zu dem ich übrigens heute noch guten Kontakt habe, eine väterliche Figur. So wirkt Ancelotti auf mich auch. Wie der neulich dem Ribery ein Küsschen gegeben hat nach seiner Auswechslung – da war viel Herz dabei.

Lediglich daran, Ihnen das Rauchen abzugewöhnen, ist Heynckes kläglich gescheitert.

Das stimmt. Dabei hat er es einige Male versucht. Und zwischendurch dachte er auch, dass er erfolgreich war.

Aber?

Ich hatte ihm gesagt, dass ich nicht mehr rauche. Aber dann habe ich das Pech gehabt, dass ich auf dem Weg zum Training an der Säbener Straße an einer Ampel halten musste. Ich hatte gerade die letzte Zigarette vor dem Training in der Hand und hinter mir hält ein weiteres Auto . . .

. . . in dem Jupp Heynckes saß?

Genau! Wir haben uns dann darauf geeinigt, dass ich weniger rauche. Das hat er hingenommen (lacht).

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Interview: Hanna Raif

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