tz-Interview mit Olympiaarzt Dr. Volker Smasal

Boateng in der Reha: Das sind die Risiken

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Jerome Boateng mit Teamarzt Volker Braun (rechts).

München - Adduktorenabriss, Muskelbündelriss – Jerome Boateng hat es voll erwischt. Was in der Reha auf ihn zukommt, wo die Risiken liegen, das haben wir Dr. Volker Smasal gefragt, den ehemaligen deutschen Olympiaarzt. Das tz-Interview:

Herr Smasal, die Fans bangen um Jerome Boateng. Wie lautet Ihre Meinung: Schafft er es bis zur EM?

Dr. Volker Smasal.

Smasal: Wenn es ein Muskelriss ist, gilt: Unterhalb der Drei-Monats-Grenze ist nichts zu schaffen, eher überhalb. Wäre es nur ein Muskelbündelriss, wäre es in einem Zeitraum von acht bis insgesamt zwölf Wochen machbar. Dabei muss man aber differenzieren: Sprechen wir über die allgemeine Ausheilung, über die Sportfähigkeit oder Leistungsfähigkeit auf Spitzenniveau? Für Letzteres muss das Muskelkonstrukt dieselbe Funktion bekommen wie das ehemals gesunde, und das nimmt noch einmal mehr Zeit in Anspruch. Um Ihre Frage zu beantworten: Es wird eng. Sehr eng.

Was kann Boateng selbst dazu beisteuern, um den Heilungsverlauf zu beschleunigen?

Smasal: Indem er sich beispielsweise sportartspezifisch ernährt, was er seinem Erscheinungsbild zu urteilen aber ohnehin schon so handhabt. Und dann geht es letztlich darum, dass er seinen Rehaplan konsequent einhält. Nicht mehr und nicht weniger. Beten hilft nicht.

Inwieweit kann sich ein verfrühter Rehabeginn negativ auswirken?

Smasal: Dann droht der Rückschlag, das sieht man öfter. All das muss dosiert erfolgen, aber bei Müller-Wohlfahrt ist er in guten Händen. Einer Verletzung sollte man immer die längstmögliche Ausheilungszeit geben, denn manchmal sind ein paar Tage mehr viel besser zur schnellstmöglichen Rückkehr in den Leistungssport. Bei vielen Trainern ist es ja so, dass sie ihre Spieler so schnell wie nur möglich zurück bei der Mannschaft haben wollen. Und wenn jemand wie Pep Guardiola seine Spieler anheizt, dann gibt auch ein Spieler, der noch nicht bei hundert Prozent ist, hundert Prozent und gefährdet sich dadurch möglicherweise selbst.

Nach der Reha muss Boateng auch noch auf EM-Form getrimmt werden...

Smasal: Die Faustregel besagt, dass Sie die Muskulatur dreimal schneller verlieren als dass Sie sie wieder zurückgewinnen. Will heißen, dass auch ein Profifußballer wie Boateng nach der Reha noch einmal vier bis sechs Wochen benötigen wird, um vollends leistungssportfähig zu sein. Und selbst dann ist er ja noch nicht in der Übung und im Spielfluss, als Fußballer muss er ja dazu in der Lage sein, plötzliche Gegenbewegungen von null auf hundert zu absolvieren, was den Muskel nochmal gefährdet.

Sehen Sie Parallelen mit dem Fall Sami Khedira?

Smasal: Natürlich, Khedira hat die Prügel in Form von Verletzungen ja im Nachhinein bekommen, und jetzt kann er sich selbst ausrechnen, ob es sich gelohnt hat oder nicht. Es war stets ein fragwürdiges Unterfangen, ob er es zur WM schafft. Die Gefahr war einfach viel zu groß. Aber er ist eingesetzt worden und hat später wohl dafür gebüßt.

Das gleiche Schicksal könnte also auch Boateng widerfahren?

Smasal: Es ist völlig legitim, sich das Ziel zu setzen, den Höhepunkt der Saison zu erreichen. Bei Boateng sind es mit dem Champions-League-Finale und der EM eigentlich zwei Ziele, die er auch beide im Kopf anvisieren und mit einem erfahrenen Arzt steuern muss. Das Finale der Champions League, das am 28. Mai stattfindet, kann er damit auf hohem Leistungsniveau nicht erreichen und somit auch ein Fall Khedira werden. Die EM ist am 10. Juni und somit erreichbarer, bis dahin dürfte ihm aber die erforderliche Spielpraxis fehlen. Während der Gruppenphase kann man ihn auch noch schonen, aber woher soll er denn bitte seine Top-Leistungsfähigkeit ohne Spielpraxis herbekommen? Es wird sehr schwer, zumal er auch während der Reha ganz klar wissen muss, was er machen kann und was nicht – sonst kommen die Trainingsfehler. Es ist ein Ritt auf Messers Schneide.

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So läuft die Reha:

- Erstversorgung: Kälte! Kompression, um Einblutung zu hemmen.

- Tag eins: Klinische ­Diagnostizierung. Ultraschall, Kernspin, um die ­Ausprägung zu ermitteln.

- Woche eins: Eventuell Operation.

- Woche zwei bis vier/sechs: ­Schonung und Erstausheilung, ­Entlastung und ­Teilbelastung auf Krücken. Parallel ­Physiotherapie (Lymph­drainage, ­Elektrotherapie, Injektions­therapie) zur Aktivierung der Heilung. Dazu Erhaltungs­training

- Woche sechs bis 12: Erste Rehaphase. Muskelaufbau und Stabilisierung (Balance­brett, Aquatraining, Ergometer), ­Trainingsmaßnahmen, ­begleitet von Physiotherapie.

- Woche zehn bis 12: zweite Reha­phase. Traben auf ebenen Flächen, Fahrrad. Parallel Physiotherapie und Muskelaufbau.

- Woche zehn bis 16: sportart­spezifischer Aufbau. Erste Ballkontakte, Kurvenläufe, Richtungswechsel, Sprints, wiedereingliederung ins Teamtraining.

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