tz-Interview mit Erik ten Hag

"Am Ende hat Pep das letzte Wort ..."

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Erik ten Hag.

München - Erik ten Hag trainiert seit dieser Saison die zweite Mannschaft des FC Bayern - und wie! Die Münchner sind in der Regionalliga unangefochtener Tabellenführer.

14 Spiele, 12 Siege, Platz eins - Herr ten Hag, dass Sie mit ihrer Mannschaft so in die Saison starten, haben Sie wohl selber nicht gedacht, oder?

Erik ten Hag: Nein, aber so plane ich auch nicht. Für mich geht es immer nur von einem Spiel zum nächsten, genauso versuchen wir weiterzukommen. Manchmal geht es einen Schritt voran, manchmal zwei. Und ab und zu gehst du wieder zurück.

Was sind für Sie im Moment die Gründe, dass es nur vorwärts geht?

ten Hag: Wir haben gute Spieler! Das ist der einzige Grund.

Aber doch wohl auch einen Trainer, der ihr Potenzial richtig einsetzt.

ten Hag: Das machen wir zusammen. Du musst eine Einheit sein, das Trainerteam und die Spieler. Wenn wir das sind und zu jeder Zeit einheitlich handeln, dann ist alles möglich. Nur dann geht es. Dieses Bewusstsein müssen alle haben. Es geht um einheitliche Werte, Ziele, Strategien. Dann werden wir erfolgreich sein und die Spieler sich individuell weiterentwickeln.

Wenn Sie von Werten reden: Gibt es bei Ihnen einen Leitfaden, der vielleicht ausgedruckt in der Kabine hängt?

ten Hag: Es hängt etwas in der Kabine, aber das haben die Spieler selber dort angebracht. Es sind einfache Regeln, die für alle gelten. Aber meine Werte, die ich einbringen möchte, habe ich vor der Saison meinen Spielern mit auf den Weg gegeben.

Besuch im Internat des FC Bayern: Hier reifen die Stars von morgen

tz-Besuch im Internat des FC Bayern: Hier reifen die Stars von morgen

Die tz durfte das Internat des FC Bayern besuchen: Das Klingelschild mit dem Namen Alaba existierte da noch. Doch das Zimmer war geräumt, Alaba wohnt nicht mehr an der Säbener Straße. © sampics
Hier sehen Sie weitere Bilder aus dem Jugendhaus © sampics
Vom Aufenthaltsraum aus hat man einen guten Blick auf den Trainingsplatz der Profis © sampics
Gertrud Wanke (l.) ist die Heimleiterin © sampics
Sie ist zudem die gute Seele des Jugendhauses. Sie kümmert sich um die Zimmer der angehenden Profis, wäscht deren Wäsche © sampics
Jugend-Abteilungsleiter Werner Kern erklärt tz-Reporter Tobias Altschäffl den Tagesablauf © sampics
Das Jugendhaus von außen. © sampics
Hier ist eine Menge zu tun © sampics
Schließlich kommen fast täglich neue schmutzige Trikots rein. © sampics
Der Medizin-Raum des Internats. An der Wand ein Trikot vom Regionalliga-Titel 2004 © sampics
Die Kabine © sampics
Raum zum Relaxen © sampics
Hier reiften heutige Stars wie Schweinsteiger und Lahm © sampics
Im Taktik-Besprechungszimmer werden die Spiele per Video­analyse aufgearbeitet © sampics
Natürlich gehört auch ein Fitnessraum zur Ausstattung des Internats © sampics
Jugend-Abteilungsleiter Werner Kern © sampics
Im Eingangsbereich hängen zur Motivation die Profi-Trikots ehemaliger Internatsschüler © sampics
Verraten Sie sie uns?

ten Hag: Zum Beispiel, dass das Kollektiv immer im Vordergrund stehen muss. Und das sind bei mir nicht elf Spieler, sondern der ganze Kader. Wer jetzt nicht in der Mannschaft steht, kann am Ende der Saison der wichtigste Spieler sein. Darum geht es: Jeder muss sich einordnen und seine Rolle akzeptieren. Das ist der zweite Wert: Akzeptanz. Wir sind alle menschlich und auch mal nachlässig. Aber wenn ich das merke, dann hat derjenige das zu akzeptieren und zu ändern.

Sind Werte gerade dann wichtig, wenn junge Spieler in einem Team stehen? Immerhin gibt es bei Ihnen viele Heranwachsende, die auch ab und zu an die Hand genommen werden müssen?

ten Hag: Nein. Ich glaube, für jede Mannschaft ist es wichtig, dass man bestimmte Werte vorgibt. Nur so kann man sich jeden Tag verbessern, das gilt für alle Altersschichten.

Gibt es nach knapp einem Drittel der Saison jemanden, der Sie besonders beeindruckt hat?

ten Hag: Da müsste ich mehrere nennen, ich möchte aber keinen herausnehmen. Es gibt einige Spieler, die eine sehr gute Entwicklung genommen haben.

So etwas sagen Trainer immer gerne. Erwähnen Sie bewusst keinen Namen, damit niemand abhebt in Ihrem jungen Team?

ten Hag: Nein. Denn damit müssten sie ja auch umgehen können. Wenn man Spieler von Bayern ist, muss man Lob aushalten können, wie auch Kritik. Du musst diese äußeren Einflüsse hinnehmen und immer wieder deine Leistung bringen. Jeder Spieler ist nur so gut wie sein letztes Spiel.

Ein weiser Satz, ist der von Ihnen?

ten Hag: Ich denke schon (lacht). Das ist die Erfahrung, die ich gemacht habe. Du kannst und du musst dich jeden Tag verbessern! Top-Fußball ist ein Lebensstil, das sind nicht nur zweimal 45 Minuten. Es geht um das Training, individuelle Einheiten, Kraft, Ausdauer, Kopfball-Übungen usw. Hinzu kommt, was mache ich zu Hause? Ernährung, Erholung - und noch viel mehr. Fußball ist kompliziert.

Ihr Landsmann Louis van Gaal hat gern vom ganzheitlichen Prinzip gesprochen.

ten Hag: Ich nenne es das Totale-Mensch-Konzept. Es ist nicht nur der Fußballspieler, dahinter steckt immer ein Mensch. Aber auch wenn dich privat mal etwas Energie kostet, erwarte ich Professionalität. Die Leistung muss stimmen, das erwarte ich auch von mir.

Haben Sie keine Bedenken, dass ein Spieler von Ihnen so heraussticht, dass er ganz schnell von Pep Guardiola hochgezogen wird?

ten Hag: Ich hoffe das.

Aber dann haben Sie doch ein Problem.

ten Hag: Nein, ich habe doch meinen Kader. Es kommt dann ein anderer nach.

Noch mal zu Ihrem guten Start: Bestärkt er Sie auch in der Entscheidung, zum FC Bayern gewechselt zu sein? Sie sind schließlich nach dem Aufstieg in Hollands erste Liga in die vierte Liga nach Deutschland gewechselt.

ten Hag: Ja, manchmal macht man Dinge, die andere verwundern können. Aber hier war es einfach: Der Verein heißt FC Bayern, den wollte ich erleben. Und dann bin ich ein Idealist, ich versuche etwas zu erreichen. Und als das Angebot von Matthias Sammer kam, musste ich nicht lange überlegen.

Sie kennen sich seit einigen Jahren.

ten Hag: Ja, wir haben uns in den letzten vier oder fünf Jahren immer wieder getroffen. Und jetzt war es so, dass er mit mir etwas zusammen machen wollte. Für uns beide ist Fußball unser Leben, das passt. Es war eine Entscheidung von Gefühl und Verstand, auch wenn ich verstehe, dass nicht jeder meinen Schritt nachvollziehen kann. Aber ich glaube, dass die Chance, in einer ersten Liga zu trainieren, wieder kommen wird. Das hier hat mich gereizt, es ist eine Herausforderung Erster zu werden in unserer Liga und Spieler auszubilden für das beste Team der Welt.

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An dieser Herausforderung ist zuletzt Mehmet Scholl gescheitert. Hat Sie das nicht zurückschrecken lassen?

ten Hag: Nein. Ich denke, es wäre für mich einfacher gewesen, in Holland zu bleiben, aber ich wollte für mich den nächsten Schritt gehen.

Welche Rolle hat Pep Guardiola dabei gespielt?

ten Hag: Keine. Aber klar: Wenn man so nah an einem der erfolgreichsten Trainer der letzten Jahre dran ist, wird man davon lernen. Da kann ich mich auch weiter entwickeln.

Wie sieht der Austausch zwischen Ihnen aus?

ten Hag: Manchmal geht es direkt, manchmal über Matthias Sammer, und oft auch über Hermann Gerland. Das Wichtigste ist, dass wir auch da einheitliche Ziele haben und wissen, was wir wollen. Die Kommunikation stimmt.

In welcher Sprache?

ten Hag: Ich spreche Deutsch mit Pep Guardiola. Manchmal kommen englische Wörter dazu, aber meist reden wir Deutsch. Und am Ende hat er das letzte Wort. Er entscheidet, wer in seinem Kader ist, danach kann ich entscheiden, wer in meinen kommt.

Was ist Ihre Idee vom Fußball? Wie möchten Sie spielen lassen?

ten Hag: Das ist mit einem Wort zu sagen: agieren. Da steckt alles drin. Damit meine ich angreifen, wenn wir den Ball nicht haben, also Pressing. Und damit meine ich das Spiel gestalten, wenn wir den Ball haben. So einfach ist das. Wir wollen zu jeder Zeit das Spiel im Griff haben.

Gibt es für Sie ein Trainer-Vorbild in dieser Hinsicht?

ten Hag: Ja, sogar mehrere. Letztlich muss aber meine eigene Persönlichkeit durchkommen. Ich will niemanden kopieren.

Von wem haben Sie denn viel gelernt?

ten Hag: In meiner Heimat spricht man da von der holländischen Schule. Das ist für mich Cruyff, Guus Hiddink, natürlich auch Louis van Gaal. Ich habe unter Fred Rutten oder Steve McLaren gearbeitet, sehr erfolgreiche Trainer in Holland. Hinzu kommen noch Arrigo Sacchi, Fabio Capello, Alex Ferguson und auch Pep Guardiola.

Warum haben Sie eigentlich niemanden aus Ihrem alten Trainerstab mit nach München mitgenommen?

ten Hag: Ich finde, das muss nicht sein. Man muss sich immer da anpassen, wo man hinkommt. Ich arbeite mit deutschen Trainern in einer deutschen Kultur und bringe hier deutsche Werte ein.

Sie sprechen die Kultur an: Haben Sie schon eine Lederhose?

ten Hag: Nein, aber das wird schon kommen. Ich sage ja, man muss sich anpassen (lacht). Aber die Stadt ist wirklich schön, hier gibt es so viele Möglichkeiten, man kann so viel erleben! Meine Familie und ich fühlen uns sehr wohl. Ich bin seit über drei Monaten hier und war seither erst einmal wieder in meiner Heimat. Ich finde, das sagt schon viel!

Im Gegensatz zu Ihnen kann Pep Guardiola keinen Schritt machen, ohne erkannt zu werden, gleiches gilt für seine Mannschaft. Sind Sie froh, abseits des öffentlichen Interesses arbeiten zu können?

ten Hag: Es ist, wie es ist. Wir können in Ruhe arbeiten, das ist gut. Wenn es nicht so ist, muss man es trotzdem gut machen. Obwohl es hier wirklich extrem ist mit der Aufmerksamkeit durch die Medien.

Würden Sie sich zutrauen, unter diesen Bedingungen auch die erste Mannschaft des FC Bayern zu trainieren?

ten Hag: Ja, es wäre wieder eine Herausforderung. Natürlich würde ich es machen, wenn die Situation käme und man mich fragen würde.

Bewundern Sie Pep Guardiola dafür, dass er trotz allem so abgeklärt bleibt?

ten Hag: Das ist eine Qualität von ihm. Er kann sich komplett auf das fokussieren, um das es geht - und das ist Fußball. Er hat die Intelligenz und Erfahrung, die man für diesen Job braucht.

Zuletzt musste man sich fragen, ob das Fußballgeschäft noch normal ist. Ein Gareth Bale wechselte für 100 Millionen Euro zu Real Madrid, auch der FC Bayern gibt 40 Millionen für nur einen Spieler aus.

ten Hag: Wenn man das hört, muss man schon sagen, dass es nicht mehr ganz normal ist. Ich weiß noch, als Johann Cruyff für über eine Millionen nach Barcelona gewechselt ist, danach gab es Diskussionen im holländischen Bundestag. Das Gleiche war der Fall, als Ruud Gullit für 17 Millionen zum AC Mailand gegangen ist. Und nun wird wieder diskutiert. Es wird dazu kommen, dass bald 150 Millionen Euro für einen Spieler bezahlt werden. Wer kann das stoppen?

Was glauben Sie?

ten Hag: Es ist eine Frage von Angebot und Nachfrage. Solange es den Vereinen gelingt, immer mehr aus dem Markt herauszuholen, werden die Preise weiter steigen. Der Fußball ist wie ein Öl-Fleck über die ganze Welt verbreitet, und die Marketingexperten bohren immer weiter und weiter.

Interessieren Sie sich für Fragen aus Marketingsicht?

ten Hag: Ich habe es studiert! Als ich noch Spieler war, bin ich nebenbei zur Uni gegangen.

Könnten Sie sich also vorstellen, vom Fußballplatz an den Schreibtisch zu wechseln?

ten Hag: Heute noch nicht. Aber es ist vielleicht das Modell der Zukunft, in England ist es völlig normal. Ich kann mir vorstellen, irgendwann einmal dort als Teammanager zu arbeiten, so wie es Alex Ferguson jahrelang bei Manchester United gemacht hat.

Dann bleibt nur noch eine Frage: Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

ten Hag: (lacht) Ich bin nicht auf der Jagd. Ich möchte das machen, was mir Freude macht, und wo ich eine Herausforderung sehe. Im Moment ist das der FC Bayern II, wo ich sehr zufrieden bin. Irgendwann möchte ich mal wieder eine erste Mannschaft trainieren, aber wann? Im Fußball kannst du es nicht planen.

Interview: Michael Knippenkötter

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