Fans entrüstet über Entscheidung

Schweinsteiger nur der Anfang? Misstrauen gegen Pep steigt

+
Sein letzter offizieller Auftritt: Schweinsteiger 2015 bei der Meisterfeier auf dem Balkon des Münchner Rathauses. Er erreicht die Fans wie kaum ein anderer. 

München - Nach 17 Jahren FC Bayern sagt Bastian Schweinsteiger Servus. Es ist ein Abschied, der die Basis erschüttert. Der Trainer bestimmt alles – dabei ist Skepsis erlaubt.

Die Münchner erkannten Bastian Schweinsteiger nicht. Oder sie taten so, aus Pietät. Es war zehn Uhr morgens, ein Schlaks trottete über die Reichenbachbrücke hinunter in die Isarauen. Sonnenbrille, Käppi tief ins Gesicht, graues Shirt, schwarze Hose, in der Hand einen Kaffee – Bastian Schweinsteiger wollte an diesem wolkenverhangenen Sonntag auch nicht erkannt werden. In der Nacht zuvor hatte er einen Elfmeter, der der Elfmeter seines Lebens hätte sein sollen, an den Innenpfosten getreten. Das „Finale dahoam“, das große Endspiel der Champions League in München, war verloren. Die Fangemeinde weinte. Und tags darauf hielt München von seinem verhinderten Helden taktvoll Abstand.

Respekt. Emotionen. Heimatgefühle. Schlagworte, die im Fußball eine Rolle spielen. Auch drei Jahre nach dem „Finale dahoam“ hat sich da nichts geändert. Oder? Aktuell werden diese Begriffe beim FC Bayern derart hart auf ihre Zukunftsfähigkeit abgeklopft, als würden die Klubchefs einen Holzprügel benutzen.

Bastian Schweinsteiger, 30, geht – und selten stand nach einem Transfer so sehr die Frage im Raum: Was bleibt?

Schweinsteiger berührt die Herzen der Fans wie kaum ein anderer

Es ist eine tiefe Verbundenheit entstanden zwischen den Fans und diesem Mann, der vor 17 Jahren als junger Bursche aus Rosenheim zum FC Bayern gekommen ist. Geboren in Kolbermoor, aufgewachsen in Oberaudorf, gereift in der Landeshauptstadt: Bayerischer geht nicht, und so berührt er die Herzen, wie es bloß noch Thomas Müller vermag, der die Fußball-Romantik ähnlich befeuert, weil auch er sehr verwurzelt wahrgenommen wird. Selbst der gebürtige Münchner Philipp Lahm kann da nicht mithalten. Einen wie den Schweinsteiger Bastian darfst du eigentlich nie verkaufen, lautet Volkes Meinung. Trotzdem haben es die Bayern getan.

Ein Sakrileg.

Die Fans feiern ihn seit Jahren als „Fußballgott“. Ist der Verkauf nun ein Akt Fußball-Blasphemie? Es schwingt auf jeden Fall eine gehörige Portion Götterdämmerung mit.

Fußballgötterdämmerung.

Fan-Pfiffe gegen Pep Guardiola und die FCB-Bosse

Es ist längst nicht Schweinsteiger allein, der bei diesem Transfer kritisch hinterfragt wird. Ein Spieler geht – was bleibt? In dem Fall ein Verein, dessen Identitätskrise immer offensichtlicher wird. Es gab Pfiffe bei der Kadervorstellung am Samstag in der Allianz Arena, als Adressaten wurden die Bosse und Pep Guardiola ausgemacht. Der Trainer wird von der Basis kritisch bewertet, das Misstrauen ist groß, weil der Katalane die Bayern immer mehr entkernt, ihm dafür aber der große Coup in der Champions League für eine Legitimation fehlt. Skepsis ist angebracht, wenn man sieht, wie sehr sich die aktuelle Vereinsführung dem Chefcoach ausliefert. Guardiola konnte bisher den Vorwurf nie entkräften, den deutschen Branchenführer als zeitlich befristetes Projekt zu sehen. Insofern sind Bedenken berechtigt – was hinterlässt dieser Mann, wenn er zum nächsten Projekt weiterzieht? Visionen sind bei diesem Klub derzeit schwer auszumachen, dafür eine Entfremdung sowie der Verlust früherer Werte. Auffallend unromantisch trennte man sich zuletzt von verdienten Mitstreitern, Schweinsteiger ist nun der VIP der Radikalkur. Und es gibt nicht Wenige, die sich zuraunen, es wäre unter Uli Hoeneß nicht so weit gekommen.

Es ist eine heikle Phase, in der sich der FC Bayern befindet – und womöglich dämmert das den Machern nicht mal richtig. Die Geldreserven sind beachtlich, doch sie sollten nicht dazu führen, allein auf die Kaufkraft zu setzen. In einer Zeit, in der der Fußball mehr denn je zu Geschäft und Kalkül wird, in der die internationalen Konkurrenten stetig größere finanzielle Quellen erschließen, ist es fatal, seine Leitmotive zu verkaufen. Der familiäre Umgang war immer schon ein Pfund, mit dem die Münchner wuchern konnten. Eine Identität ist gerade in diesen Zeiten unbezahlbar, man kann ihr kein Preisschild anheften. Bastian Schweinsteigers Wechsel zu Manchester United bringt circa 20 Millionen Euro ein. Viel Geld für einen, der in drei Wochen 31 wird und sich in den letzten Jahren meist von Blessur zu Blessur schleppte. Dennoch muss sich erst zeigen, wer am Ende draufzahlt.

Die Crux am Verkauf von Bastian Schweinsteiger ist ja unter anderem auch, dass er abgesehen von jeglicher Fußballfolklore sportlich gesehen gar nicht mal ganz falsch ist. So wichtig der Kapitän der Nationalmannschaft als Aushängeschild und Integrationsfigur erscheint, sollte man sich nicht täuschen lassen, dass er auf dem Platz zuletzt immer seltener die Erwartungen voll erfüllte. Guardiola will schnell spielen, Schweinsteiger aber entschleunigt gerne. Dass die beiden in ihrer Fußball-Auffassung praktisch in gegenüberliegenden Strafräumen anzusiedeln sind, ist kein Geheimnis – und Karl-Heinz Rummenigge gibt keine besonders gute Figur ab, wenn er flunkert, der Trainer habe bei diesem Wechsel keine Rolle gespielt. Denn so leicht lassen sich die Fans nun auch nicht hinters Licht führen: Wenn der Vizekapitän und eine zentrale Figur eines Teams einen Abschied erwägt, wird jeder Verein dieser Welt die Meinung des obersten Übungsleiters ergründen. Knifflig wird es nur, wenn es diesen kaum schert, dass sein Klub gerade Gefahr läuft, seine Seele zu verkaufen.

Bastian Schweinsteiger ist ein Fall für Nostalgiker

Und so endet die Geschichte dieses Transfers nicht wie gewöhnlich mit dem Unterzeichnen der entsprechenden Verträge. Sie beginnt eigentlich erst. Mehr denn je ist Guardiola in dieser Saison, die ja – Stand heute – seine letzte in München sein soll, zum Erfolg verdammt. Schweinsteigers Demission wird er bei Turbulenzen um die Ohren gehauen bekommen, gewaltig, denn die fortschreitende Entbajuwarisierung fließt da strafmaßerhöhend ein. Auch auf die Chefetage kommen Belastungstests zu. Indem sie den Katalanen gewähren lassen, stehen die Bosse in der Verantwortung, ihren Trainer im Zweifel zu stärken. Für Nibelungentreue jedoch ist im Fußballgeschäft selten Raum.

Im Hauptquartier an der Säbener Straße richten sie ihren Blick mit Scheuklappen nach vorne. Er sei eine Identikationsfigur gewesen, meinte Rummenigge zum Abschied, „aber irgendwann ist so eine Karriere mal zu Ende“. Die Münchner müssen in den nächsten Jahren einen personellen Umbruch angehen, die Trennung ist da fraglos ein logischer Schritt. Und doch wird ihn die Bayern-Basis mit einem Grummeln verfolgen. So irrational ist die Branche.

Andererseits: Acht Mal Meister, sieben Mal Pokalsieger, Champions League- und Weltpokal-Gewinner – solche Bilanzen erschweren einen rationalen Blick auf die Dinge. Bastian Schweinsteiger ist ein Fall für Nostalgiker – und ein Spieler, an dem man eine Entwicklung des FC Bayern festmachen kann. Am 13. November 2002 kam er erstmals bei den Profis zum Einsatz, in der Champions League gegen Lens (3:3) glänzte er nach seiner Einwechslung in der Schlussviertelstunde mit seiner Vorlage zum dritten Tor. „Ich hoffe, dass ich mal wieder bei den Profis dabei sein darf – wenn es mal wieder um nichts geht“, sagte er danach. Die Münchner mussten sich damals erst wieder neu erfinden, nachdem sie ein Jahr zuvor die Champions League gewonnen hatten. Die Partie gegen Lens war bedeutungslos, doch bald schon standen wieder gehaltvollere Duelle an – und Schweinsteiger fand plötzlich auch da Platz.

Er reifte mit dem Klub, reifte in einer Zeit, in der der Fokus immer schärfer wurde. Er machte Fehler, wurde von Uli Hoeneß gelenkt, vergab Elfmeter und versenkte welche. Heute genau vor einem Jahr wurde er in Brasilien Weltmeister, eine Risswunde klaffte unter seinem Auge, weltweit wurde er damit zum Helden ikonisiert. Nach der Landung in München zwei Tage später küsste er den Boden, wie es sonst der Papst macht.

Am Sonntag radelte er am Vormittag mit seiner Freundin Ana Ivanovic ein letztes Mal durch München, sein München. Dann meldete er sich per Videobotschaft. Tags zuvor noch hatte er einen öffentlichen Auftritt gescheut. Er bedankte sich bei den Mitarbeitern des Klubs und den Fans. Die Bosse sparte er aus. Und den Namen Guardiola.

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Neuer Versuch: Zidane will Alaba zu Real locken
Neuer Versuch: Zidane will Alaba zu Real locken
Goretzka: Angeblich gibt es eine Tendenz
Goretzka: Angeblich gibt es eine Tendenz
Nach Ancelotti-Trennung: Inter will Vidal im Winter holen
Nach Ancelotti-Trennung: Inter will Vidal im Winter holen
Nagelsmann folgt Hummels: Hoffenheim-Coach spendet ein Prozent seines Gehalts
Nagelsmann folgt Hummels: Hoffenheim-Coach spendet ein Prozent seines Gehalts

Kommentare