Bayern-Stars im Doppel-Interview

Kimmich und Maier: „Zickenfaktor? Nicht so hoch!“

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„Über Paris Seite an Seite ins Finale – unterschreiben wir sofort!“ Leonie Maier und Joshua Kimmich laufen sich im Alltag viel zu selten über den Weg. 

Joshua Kimmich und Leonie Maier über die beiden Teams des FC Bayern, Klischees bei Frauen und Männern und Fußball, schlechte Glücksbringer und Café-Besuche

München – Leonie Maier (24) und Joshua Kimmich (22) haben einiges gemeinsam; beide stammen aus dem Stuttgarter Raum, beide wurden in jungen Jahren beim FC Bayern Nationalspieler. Im Interview sprechen sie über die Unterschiede und Parallelen zwischen Frauen und Männerfußballern.

Schön, beide an einem Tisch zusammen – wie oft laufen Sie sich eigentlich im Alltag über den Weg?

Leonie Maier: Ehrlich gesagt kaum. Wir sehen uns eigentlich nur bei den Meisterfeiern am Rathaus – also sind allein schon deshalb Titelverteidigungen Pflicht (lacht). Da wir in Aschheim trainieren, kommen wir leider selten dazu, beim Training zuzuschauen.

Sie kommen beide aus der gleichen Region – gab es da Überschneidungen?

Joshua Kimmich: Wir sind uns nie über den Weg gelaufen. Du bist in Stuttgart geboren, oder?

Maier: Cannstatt.

Kimmich: Ich bin 100 Kilometer südlich von Stuttgart zur Welt gekommen, habe zwar für den VfB gespielt, aber die haben gar keine Frauen-Mannschaft. Du warst zu Beginn in Sindelfingen – und ganz zu Beginn bei Aldingen, richtig?

Maier: Genau, stimmt. Wow, du kennst dich gut aus! Ich kannte Joshua anfangs auch nicht, aber als ich nach meinem Kreuzbandriss in Stuttgart Reha gemacht habe, war dort auch Robin Yalcin . . .

Kimmich: . . . mit ihm war ich in der Jugend auf dem Internat. Stimmt, das hattest du mir auf der letzten Meisterfeier erzählt. Gibt also doch wenigstens ein bisschen Überschneidungen.

Mit den Jungs spielen? Körperbetonter. Schneller.

Theoretisch hätten Sie in ganz jungen Jahren gegeneinander spielen können. Leonie, haben Sie zu Beginn mit Jungs gekickt?

Maier: Ich habe drei ältere Brüder, die mich immer auf den Fußballplatz geschleppt haben, dann habe ich Spaß daran gefunden. Im Verein habe ich bis zur B-Jugend bei den Jungs gespielt, was schon eine gute Schule war: Alles ist viel körperbetonter, viel schneller.

Kimmich: Bei mir im Dorfverein gab es zwei Mädchen in meinem Team. Sie sind sogar beide zu Bundesligisten gegangen. Eine davon ist Maximiliane Rall, sie ist heute bei Hoffenheim. Ist schon witzig, dass zwei ausgerechnet aus meinem Dorf so gut mitgehalten haben.

Lassen Sie uns mal ein paar Klischees im Bereich Männer/Frauen/Fußball abklappern. Als eher weiblich gilt, zu weinen: Hand aufs Herz – wie oft fließen oder flossen die Tränen, Joshua?

Kimmich: Als Kind immer. Bei jeder Niederlage. Egal ob im Fußball oder woanders – mit dem Verlieren konnte ich nie gut umgehen. Heute habe ich es besser im Griff (lacht). Man weint ja eigentlich nur noch bei etwas ganz Schlimmem oder ganz Tollem. Glücklicherweise bin ich beim FC Bayern, da halten sich die Niederlagen in Grenzen (lacht). Und bei den Titeln müsste es vielleicht mal so sein, dass ein Finale richtig dramatisch läuft. Wenn sich dann im Erfolg alles entlädt, kommen auch mal Tränen.

Leonie, Ihr Trainer Thomas Wörle war selbst Fußballer. Er sagt: Die Ansprache eines Trainers ist bei den Frauen eine andere. Jürgen Klinsmann sagte als Bundestrainer mal: „Knallt die Polen durch die Wand!“ Wäre so eine Ansprache bei Frauen denkbar – oder komisch?

Kimmich: Ich persönlich glaube, bei Frauen fallen deutliche Worte genauso oft (grinst).

Maier: Ja, glaubst du? Hmm, unser Trainer sagt uns ab und zu, wir sind noch zu lieb und sollen uns mehr wehren. Aber in der Ansprache finden unsere Trainer deutliche Worte, das ist auch gut so, man kann nicht nur lieb sein im Leistungssport.

Kimmich: Das meinte ich. Wenn man bei Frauen-Spielen zuschaut, merkt man, dass da auch viel Feuer im Spiel ist.

Kimmich: Kein Glücksbringer für Bayerns Frauen

Wie viele Spiele der Bayern-Frauen haben Sie denn bisher gesehen?

Kimmich: Im Stadion bisher leider nur eines. Mit Sebastian Rode, es war gegen den 1. FFC Frankfurt, und wenn ihr da gewonnen hättet, wärt ihr Meister gewesen. Das hat aber an diesem Tag nicht geklappt . . .

Dann waren Sie kein guter Glücksbringer.

Maier: Deshalb war er danach auch nie mehr bei uns (lacht).

Kimmich: Ja, sorry, aber ihr habt das mit der Meisterschaft ja dann eine Woche später eh nachgeholt. Ich muss sagen, der Frauenfußball hat sich unheimlich entwickelt. Er ist viel dynamischer als früher, schneller, technisch stark. Wenn ich früher bei einer WM ferngesehen habe, hat mich das nicht umgehauen. Da hat man an allen Ecken und Enden gemerkt, wie Kraft und Technik fehlen. Und die Torfrauen waren schlimm, bei der WM 2011 zum Beispiel hier in Deutschland. Aber das ist heute anders, ganz anders. Und als ich an dem Tag im Grünwalder war, war ich zudem beeindruckt, weil es so ein Sauwetter war, ganz furchtbar – aber ihr habt euch reingehauen, ehrlich, da können sich einige Jungs ein Scheibchen abschneiden.

Leonie Maier ist schon Europameisterin. Bei Ihnen hat es letztes Jahr nicht geklappt. Leonie, haben Sie Tipps für den Kollegen?

Maier: (lacht) Ach, er ist auf jeden Fall auf einem sehr guten Weg. Da muss ich keine Tipps geben. Das wird noch. Ehrgeizig sein, Spaß haben, mit dem Herzen immer dabei sein . . .

Kimmich: (schmunzelt) Das sind alles gute Tipps!

Was glauben Sie beide denn: Wer von Ihnen hat mehr Bayern-Spiele, mehr Länderspiele, mehr Tore?

Kimmich: (überlegt) Da dürfte Leonie vorne liegen . . .

Maier: . . . ich bin ja schon länger hier und auch bei der Nationalmannschaft . . .

Leonie hat 52 Bayernspiele und 49 Länderspiele, Joshua steht bei 40 und 11. Aber: Bei den Toren führt Kimmich, mit 4:2.

Kimmich: Ehrlich? Aber das sind nur die Ligaspiele, oder?

Ja

Maier: Mehr Tore als ich – herzlichen Glückwunsch!

Dafür haben Sie nicht nur den EM-Sieg, sondern auch Olympia-Gold voraus. Olympia und Joshua Kimmich, die Chance ist vorbei.

Kimmich: Ja, aber ich hätte letztes Jahr ja dabei sein können, habe mich aber bewusst für die EM entschieden. Beim Männerfußball zählt die EM in meinen Augen mehr als Olympia. Für die Frauen, das weiß ich aber, haben die Olympischen Spiele einen großen Stellenwert. Ich habe mit unseren beiden Teams mitgefiebert.

Bei den Bayern gibt es keine Diven

Sie beide spielen rechter Verteidiger – wie steht es um Vorbilder, haben Sie womöglich die gleichen?

Kimmich: Ich habe die Position zwar in der Jugend ab und zu gespielt, sehe mich aber im Mittelfeld. Da war immer Bastian Schweinsteiger einer, zu dem ich aufgeschaut habe.

Maier: Bei mir war es immer Philipp Lahm. Diese Konstanz, auf dem Niveau, das finde ich so beeindruckend.

Das Männer-Team des FC Bayern wird auch mal angefeindet; etwa neulich bei Hertha BSC Berlin. Wie wird den Frauen begegnet? Ruppig, weil es der FC Bayern ist – oder eben doch gemäßigter, weil es die Frauen sind?

Maier: Wir haben noch nicht so viel gewonnen wie die Männer. Jetzt wurden wir zwei Mal Meister, aber wir sind noch keine so große Nummer. Daher polarisieren wir nicht so.

Noch ein Klischee: Frauen sind Zicken. Leonie, wie hoch ist denn der Zickenfaktor in Ihrem Team?

Maier: Nicht so hoch. Wir verstehen uns wirklich gut, es gibt kaum Probleme. Wir sind da echt alle entspannt.

Und im Männer-Team?

Kimmich: (lacht) Das war klar, dass die Zickenfrage in dem Fall auch bei den Männern kommt. Aber ich muss Sie enttäuschen: Wir haben keine Diven im Team. Natürlich ist der Konkurrenzkampf sehr hoch, aber da jeder wegen unserer vielen Spiele zum Zug kommt, gibt es keine Konflikte. Klar ist mal einer sauer, aber wir sind alle Profis genug hier, wir bringen das nicht mit zickigem Verhalten zum Ausdruck.

Stichwort Gruppendynamik: Männer gehen nach einem Streit im Training danach auf ein Bier, und die Sache ist gut, heißt es immer. Ist es so leicht?

Kimmich: Klar rasselt man mal aneinander. Bei Fouls, oder der eine sieht eine Schiedsrichterentscheidung anders als der andere. Und jeder bei Bayern will gewinnen, auch im Training. Das gehört zum Fußball, das ist normal. Aber wenn du dich beharkst, ist das auch mit Abpfiff des Trainings vergessen. Profis brauchen da nicht mal ein Treffen mit Bier dazu.

Maier: Bei Frauen ist es ehrlich schwieriger. Wir sind nachtragender. Das ist auch das, was Thomas Wörle meint, wenn er sagt, er muss mit Frauen anders umgehen. Ich weiß nicht, ob das bei uns in den Genen liegt oder was das ist. Ab und zu musst du auf dem Platz aufpassen, was du sagst, wenn die Stimmung am Köcheln ist. Bei uns kann es vorkommen, dass eine eine Woche später noch sauer ist, weil man was gesagt hat – etwas, das man selbst vielleicht gar nicht so böse gemeint hat. Da sind schon Unterschiede zu den Männern da.

Über Paris ins Champions League-Finale

In der Champions League bekommen es die Frauen nun mit Paris St. Germain zu tun. Bei den Männern hat Paris neben Bayern im Achtelfinale für das größte Ausrufezeichen gesorgt. Gegen die Schlagzeile „Über Paris ins Finale“ würden Sie sich beide nicht wehren.

Maier: So etwas wie: „Bayerns Männer und Frauen – über Paris Seite an Seite ins Finale“? Unterschreibe ich sofort!

Kimmich: Bin dabei. Wo ist der Kugelschreiber (lacht)?

Zum Abschluss: Leonie Maier hat den Traum, mal ein Café zu eröffnen . . .

Kimmich: Hier in München oder wo denn?

Maier: Schaun mer mal.

Wo Sie gleich nachfragen: Würden Sie vorbeischauen? Und haben Sie ähnliche Träume?

Kimmich: Jetzt hoffe ich erstmal, dass ich noch eine lange Karriere im Fußball vor mir habe . . .

Maier: Wir beide.

Kimmich: Ja, wir beide. Danach, denke ich – zumindest Stand heute –, werde ich weiter irgendetwas mit Fußball machen. Ein Café aufmachen? Also ein paar frühere Kollegen von mir haben das sogar gemacht. Gastronomiegewerbe, das ist nicht so einfach, das kann ich dir sagen. Aber klar würde ich mal vorbeischauen. Was gibt’s denn da so?

Maier: Kaffee, Kuchen und eine kleine Tageskarte.

Die beste Antwort wäre jetzt Croissant gewesen. Weil ihr ja was Französisches in der Champions League verputzen müsst.

Maier: Hmm, also ich verputze ab und zu gerne mal ein Croissant. Da müssen wir nicht bis zur Eröffnung meines Cafés warten (lacht).

Interview: Andreas Werner

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