Guardiolas Lieblingsprofi ist zurück

Thiago: Der Mann mit 1000-Millionen Leidenschaften

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Herr der Bälle – in allen Lagen: Thiago stand erstmals seit über einem Jahr wieder in Bayerns Startelf.

München – Pep Guardiolas Lieblingsfußballer ist zurück beim FC Bayern: Thiago. Der spanische Mittelfeldzauberer ist ein wichtiger Bestandteil in Bayerns Triple-Titel-Träumen.

Ach, könnten Fußbälle und Gedanken doch nur so schnell fliegen wie Pep Guardiolas Hände! Wenn der Trainer des FC Bayern einen seiner Spieler am Seitenaus instruiert, ist das stets ein Schauspiel. Er steht da ganz nah am Mann, Grenzen der Intimität scheren ihn in diesem Moment null, es geht ja auch um Liebe, um Liebe zum Fußball, und während seine Worte im Staccato auf kürzestem Weg von den Lippen ins Ohr des Pendants sausen, zerteilen seine Finger die Luft. Mit Philipp Lahm steckte er am Samstag etwa nach dem 2:0 die Köpfe zusammen, denn wo alles jubelt, hat er schon längst Neues im Sinn, und der Kapitän gilt als ein besonders beliebter Gesprächspartner. Bloß Thiago genießt gleichen Stellenwert, und dass er beim 3:0 über Eintracht Frankfurt zeigte, dass er fast wieder der Alte ist, war daher die Botschaft des Tages.

Über ein Jahr hat der Spanier mit drei Innenbandrissen im Knie aussetzen müssen, an seinem 24. Geburtstag stand er nun erstmals wieder in der Startelf. „Das Spiel ist ein anderes mit ihm“, sagte Torwart Pepe Reina, „er will immer den Ball, das ist sein Stil.“ Thiago war unwiderstehlich, zumindest bis seine Kräfte nachließen. Er lupfte, er dribbelte, er grätschte, er hackentrickste – und als er eine Risswunde unter dem Auge erlitt, wurde er zu einer spielerischen Kopie des heldenhaften Bastian Schweinsteiger beim WM-Finale von Rio.

Pepe Reina hat auf seinen Landsmann in letzter Zeit ein wachsames Auge gehabt, „er hat hart an sich gearbeitet, es ist, als würde er einen Berg besteigen“, schilderte er. Und irgendwie hatte es Thiago gegen Frankfurt geschafft, seine Kameraden zu einem Gipfelsturm zu animieren, obwohl sie selbst eigentlich lieber geschlaucht im Bett geblieben wären. Keine 72 Stunden zuvor hatten sie 120 Minuten in Leverkusen überstehen müssen, „da stehst du in der Früh nicht auf und sagst, ,Hurra, jetzt putzen wir die Eintracht weg’“, sagte Thomas Müller, überlegte kurz und fügte dann hinzu: „Aber dann haben wir sie ja doch geputzt.“

"Ois Guade" kommt bestens über die Lippen

Die Münchner waren erfrischend forsch losgestürmt, im Frühtau zu Berge, fallera, und dass der gerade genesene Rekonvaleszent Thiago die Rolle des inspirierenden Protagonisten übernehmen konnte, wertete Mario Götze als „Zeichen, wie mental stark er ist“. So ein Selbstbewusstsein, so eine Spielfreude, das sei sehr imponierend, „es ist ja wirklich nicht leicht, nach so langer Zeit zurückzukommen“.

Ob es sein schönster Geburtstag gewesen sei, konnte Thiago später nicht sagen, eines aber wusste er: „Es war der schönste Moment in meinem Leben, wieder auf dem Platz zu stehen. Wir leben, schlafen und essen, um Fußball zu spielen.“ Beflügelt von seinem Auftritt, bat er Müller noch in den Stadionkatakomben, ihm zu verraten, was alles Gute zum Geburtstag auf bayerisch heiße. „Ois Guade“ kam ihm dann auch wirklich bestens über die Lippen.

„Thiago ist ein Mann mit 1000-Millionen Leidenschaften“, sagte Guardiola, und so eine unüberschaubare Zahl drückt wohl am besten aus, wozu dieser Mann im Vollbesitz seine Kräfte fähig sein kann. Lahm meinte, er sei gar nicht so überrascht, dass der junge Kollege bereits wieder so stilprägend kicke: „Er ist ein exzellenter Fußballer, und exzellente Fußballer verlernen das Spiel nicht einfach.“ Als er nach 70 Minuten aus dem Spiel schied, skandierte das Publikum: „Thiago o-ho“. Normalerweise intoniert man so die Silben „Finale-o-ho“, doch dieser Mann befeuert ja auch Endspiel-Träumereien.

Bayern schlägt Frankfurt - Einmal die 1, siebenmal die 2

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Das große Ziel ist bekanntlich das Champions League-Finale in Berlin. Auf dem Weg dorthin muss zunächst der FC Porto bewältigt werden. Trotz aller Euphorie – das Lazarett sollte sich lichten, will man in Europas Elite reüssieren. Bei Franck Ribery besteht Hoffnung, dass er heute mindestens als Joker mitfliegt. „Der Trainer gibt der Mannschaft viel Selbstvertrauen, einige sind in der letzten Zeit gewachsen, etwa Dante“, lobte Karl-Heinz Rummenigge.

Dennoch ist die größte Sorge, dass das Verletzungspech anhält. Unmittelbar nach Abpfiff flitzte Guardiola zu Juan Bernat aufs Feld. Der Spanier hatte einen Schlag aufs Knie erhalten, der Coach wollte sofort wissen, ob etwas Schlimmeres zu erwarten sei. Bernat gab Entwarnung, alles halb so wild. Guardiola lauschte genau, in der Hocke, die Hände ruhten ausnahmsweise mal ruhig auf den Knien, und in seinem Kopf ratterte schon der Plan für das Porto-Spiel. In Thiago hat er nun wieder einen zur Verfügung, der Fußbälle und Gedanken fast so schnell fliegen lassen kann wie Guardiola seine Hände. Einen, um Gipfel zu stürmen.

Andreas Werner

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