Für den Bayern-Star gelten keine Regeln

Thomas Müller - der Anarchist von Athen

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Thomas Müller (2.v.r.) ließ sich nach dem Schlusspfiff zurecht feiern.

Athen - Er hat einen Lauf und trifft, selbst wenn er es eigentlich gar nicht will: Thomas Müller bereichert das philosophische Bayern-Spiel auf seine Art – sein 29. Champions-League-Tor bedeutet den Sieg bei Olympiakos Piräus.

Die Menschheit ist von den Athenern, man sollte das nie vergessen, reich beschenkt worden. Kaum auszudenken, wie Europa heute organisiert wäre, wenn nicht einst auf der Akropolis Gesellschaftsstrukturen erdacht worden wären, die damals revolutionär und heute Normalität sind. Insofern hatte der Besuch von Thomas Müller an der Wiege der Demokratie am Mittwoch Abend etwas Diabolisches: Der Bayern-Star ist ein Anarchist des Fußballs. Für ihn gelten keine Regeln. Genau deshalb ist er so gut. Das 1:0 gegen Olympiakos Piräus war mal wieder sein Ding. Ein krummes, wie es nur einer kann, der keiner Lehre folgt.

Die Bayern taten sich schwer, eine Lücke zu finden. Das Rezept waren weite Bälle auf die Außen, wobei Xabi Alonso bevorzugt Douglas Costa suchte, wenn er seine wunderbar weichen weiten Bälle über das halbe Feld schlug. Der Brasilianer wartete immer schon, doch seine Vorstöße verpufften. Insgesamt war das Spiel der Münchner linkslastig- auf der rechten Seite stand Thomas Müller im Schatten.

Pressestimmen: "Ups! Müller flankt Bayern zum Sieg"

Doch wenige Minuten nach dem Wiederanpfiff landete die Kugel unvermittelt auf dem Fuß des 26-Jährigen. Er wollte wohl flanken, aber der Ball wurde lang, immer länger – und senkte sich hinter Torwart Roberto ins hintere Eck. Ein Schuss Anarchie hatte dieser Partie nicht schaden können, nachdem sie etwas festgefahren wirkte bei all den strukturierten Stafetten ohne glücklichen Abschluss.

Für Müller war es das 29. Champions-League-Tor in seiner Karriere, das 30. ließ er kurz vor Schluß per Elfmeter folgen. Er war sowieso schon deutscher Rekordhalter, aber nun baut er sein Konto aus. Und irgendwie ist das auch stimmig, denn der Mann ist so stark wie nie in eine Saison gestartet. In der Bundesliga führt er mit sechs Erfolgserlebnissen die Torschützenliste an, auch in Diensten der Nationalmannschaft zeichnete er vor einer Woche für wichtige Treffer verantwortlich. Kurios ist bei ihm auch immer wieder ein Blick auf seine Vita. Bereits 2009 trug er sich bei einem Auftakt der Münchner in Europas Eliteliga in die Geschichtsbücher ein; beim 3:0 in Haifa traf er zwei Mal. Das dritte Tor steuerte Daniel van Buyten bei, und allein dieser Name zeigt, wie viel sich seit jener Zeit beim Rekordmeister geändert hat. Der sperrige Belgier hätte im aktuellen Kader keine Chance – Müller aber wächst kontinuierlich in eine Führungsrolle hinein.

Darum lässt Guardiola keine Geschenke von Müller zu 

Zwischen ihm und Pep Guardiola scheint sich inzwischen etwas verändert zu haben. Lange konnte der Katalane mit dem Mann, der sich in keine Schablone pressen lässt, wenig anfangen. Müller, über den Louis van Gaal einst verfügte, er müsse immer spielen, war unter Guardiola Wackelkandidat und Tauschobjekt, er wechselte ihn gerne verfrüht aus. Mittwoch in Piräus aber zeugte unter anderem der erste Wechsel von Wertschätzung: Kingsley Coman kam, raus musste aber nicht Müller, der Flügelspieler. Sondern Robert Lewandowski. Der Torschütze rückte für den Polen in die Spitze, und Costa übernahm für ihn rechts außen, während der Eingewechselte die linke Flanke besetzte. Beförderung ins Zentrum statt Misstrauensvotum für Müller also, so sieht es aus. Der Stürmer dankte es mit einem Doppelschlag. Pep Guardiola scheint gemerkt zu haben, dass auch seinem philosophischen Spiel ein Schuss Anarchie beizeiten nicht schadet. Athen als Geburtsstätte guter Gedanken – daran hat sich nichts geändert.

Eine 2 für Müller, klar! Und sonst? Die Noten der Bayern

awe

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