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Bayerns Trainer Ancelotti: Die Coolness in Person

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Von: Andreas Werner, Hanna Raif

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Carlo Ancelotti kann nichts aus der Ruhe bringen.

München - Es ist kein Geheimnis, dass Uli Hoeneß gerne mal zum Telefonhörer greift und mit Journalisten redet. Der Präsident des FC Bayern studiert die Berichterstattung um seinen Verein aufmerksam, auch Austausch ist ihm wichtig.

Noch nie aber hat er die Nummer eines Medienvertreters gewählt und gesagt: „Mach mal Druck, dass der Ancelotti den Müller aufstellt.“ Undenkbar!

Wenn man sich diese Situation in München vorstellt, merkt man erst mal, wie abstrus sie ist. Bei Real Madrid, aktuell trainiert von Zinédine Zidane, aber, diesem Klub, der sich schon immer als größer und schillernder als alle anderen versteht, hat es sie vor nicht allzu langer Zeit trotzdem gegeben. Die Auslosung für das Viertelfinale in der Champions League zwischen dem FC Bayern und Real Madrid war noch keine Woche her, da wurde in Spanien über einen Korruptionsskandal berichtet, in dem Vereinspräsident Florentino Perez und der damalige Real- und heutige Bayern-Trainer die Hauptrollen spielen.

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Italienischer Meister 1988: Ancelotti feiert mit Teamkollege Ruud Gullit vom AC Mailand.

Perez, Großunternehmer, ein Mann aus dem Reich der Zahlen und Produktivität, soll mithilfe einer Zeitung versucht haben, Einfluss auf die Real-Aufstellung zu nehmen, die ihm unter Ancelotti, einem herzlichen Gefühlsmenschen, nicht gefallen hat. Im Zentrum stand damals Gareth Bale, der walisische Stürmer, den Real für satte 100 Millionen Euro verpflichtet hatte. „Stell Bale auf!“, lautete die Botschaft, die Perez über Umwege an den Coach herantragen ließ. Sie kam an, beeinflusste Ancelotti aber kaum.

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Bussi für Franck - beim Spiel gegen Dortmund am Wochenende.

Er machte weiter sein Ding. In einer Branche wie dem Fußball ist es kein Zufall, dass Details wie jene Machenschaften ans Licht kommen, wenn ein großes Duell bevorsteht. Neulich darauf angesprochen, musste Carlo Ancelotti jedoch: lachen. Niemand hätte ihm einen Vorwurf gemacht, wenn er sauer geworden wäre, wenn er sich eine der akkurat aufgereihten Flaschen auf dem Pressekonferenz-Podium an der Säbener Straße genommen und zornig umgeworfen hätte, und genauso wenig hätte es verwundert, wenn er bei dem Thema einfach komplett abgewiegelt hätte. Aber Ancelotti hörte sich alles ganz genau an, unterdrückte ein kleines Glucksen und sagte: „Das ist eine Neuigkeit für mich. Aber es ändert nichts daran, dass meine Zeit bei Real Madrid wirklich gut war.“ Es war in diesem Moment ein Genuss, Carlo Ancelotti zu beobachten. Die Szene hatte so viel: innere Ruhe. Gelassenheit. Coolness. Lebenserfahrung. Und man sah auch: Genugtuung.

In München ist die erste Elf Trainersache, Sorgen macht man sich eher um das große Ganze. Auch bei Ancelotti war das schon der Fall, im Herbst, als die anfängliche Euphorie der Verpflichtung des 57-Jährigen verpufft war und sich nach einigen fahrigen Spielen der Eindruck breitmachte, dass die Leine, an der Ancelotti seine Spieler führte, ein bisschen zu lang sei. Hoeneß bat den Italiener damals zu sich nach Hause an den Tegernsee, er wollte ihm ein wenig auf den Zahn fühlen. Als Ancelotti aber bei seiner Ankunft drei Flaschen Wein ins Haus balancierte, lief dieser Nachmittag anders. Locker, leicht. Bald warfen die beiden Herren genüsslich Würstl in die Bratpfanne, man verstand sich prächtig. Ancelotti hatte Hoeneß mit einfachen Mitteln den Wind aus den Segeln genommen.

Man sagt über Carlo Ancelotti, dass er das Menschliche beherrsche wie kaum ein zweiter Trainer. In München vergleichen sie ihn gerne mit Jupp Heynckes oder Ottmar Hitzfeld, beide haben mit Bayern die Champions League gewonnen. Und in Madrid nannten sie ihn von Beginn an „el parcificador“. Als „der Friedensbringer“ und Gegenentwurf zu seinem Vorgänger, dem unbeherrschten Portugiesen Jose Mourinho, startete er nach erfolgreichen Stationen bei seiner großen Liebe AC Mailand, dem FC Chelsea und Paris St. Germain seine Mission bei den Königlichen in der spanischen Hauptstadt. Er erfüllte sie mit ein bisschen Frieden, ein bisschen Freude. Er gewann 22 Spiele in Serie, feierte mit Real „La Décima“, den zwölf Jahre herbeigesehnten zehnten Triumph in der Champions League. Und trotzdem kam eine Saison später das Aus, weil er keinen Titel mehr holte.

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Hoch soll er leben: Ancelotti holt 2014 mit Real Madrid die Champions League

Als Klub-Präsident Perez ein paar Tage nach der Entscheidung nach seinen Gründen gefragt wurde, sagte er: „Ich weiß es nicht.“ Ancelotti nahm die Entlassung stoisch hin. Er ließ noch am selben Tag seine Freunde aus Mailand kommen und lud zu einem japanischen Dinner vom Feinsten ein. Zwölf Gänge, Champagner, Wein. Er zahlte und beendete mit dem Festmahl im Stadtzentrum von Madrid das Kapitel Real. Auch das: auf seine Art.

Ein Jahr, elf Monate und 18 Tage ist das nun her, aber in Madrid hat man bis heute kein böses Wort über Ancelotti gehört. „Er musste gehen, weil Florentino Perez ihm nicht vertraut hat“, sagt Marco Ruiz. Der Journalist schreibt für die „AS“, die Sportzeitung berichtet täglich auf mehreren Seiten über Real, vor dem Spiel heute Abend waren es teilweise fünf. Er hat schon viele Trainer kommen und gehen sehen, „aber einen so beliebten wie Ancelotti“, sagt er, „hat es noch nie gegeben“. Sie riefen ihn gerne ,Carletto‘, einen verniedlichten Trainer trifft man nicht oft. Ruiz lässt sogar das Wort „Gott“ fallen, als er über Ancelotti und Real spricht.

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In München hatten sie mal so einen, oder zumindest einen, der gerne einer gewesen wäre. Louis van Gaal sagte einst, er habe einen Körper wie ein Gott. Und wenn man ehrlich ist, bezog er diese Aussage nicht nur auf seine Statur. Manche müssen sich inszenieren, um anzukommen. Ancelotti hingegen hat die Allüren schon immer anderen überlassen. In Madrid etwa hat er im Stadtzentrum gewohnt, dort wo sich kaum ein zweiter Real-Angestellter jemals aufhält. Die Spieler haben Villen am Stadtrand bezogen, Ancelotti hingegen sah man so gut wie jeden Morgen im Retiro-Park spazieren gehen. Er führte seinen Hund im Herzen der Stadt aus, wie so viele andere Madrilenen. Er war einer von ihnen.

„Er ist ein Master“

Sprachen lernen und Kulturen erkunden gehört für Ancelotti zu seinem Beruf. Die Arbeitsweise des ehemaligen Mittelfeldspielers beruht auf dem „Geben und Nehmen“-Prinzip, so wie er es als Bauernjunge auf dem Hof in der norditalienischen Provinz Reggio Emilia gelernt hat. Bei seinen großen Triumphen mit Mailand und Real hat er es geschafft, die letzten Prozente Leistung aus seinen Profis herauszuholen, weil jeder für ihn den entscheidenden Schritt mehr gegangen ist. „Er weiß, wie er sie kriegt, jeden Einzelnen. Er ist ein Master“, sagt Ruiz. Als die Entlassung bevorstand, hat jeder Wortführer im Team bei Perez vorgesprochen, sogar Cristiano Ronaldo. Der Weltfußballer, von Ancelotti liebevoll „Bomba“ genannt, sagt über ihn: „Carlo bringt selbst die besten Spieler der Welt weiter, weil er sie ständig motiviert. Alle mögen ihn und sind bereit, für ihn zu leiden.“ Beim Präsidenten zogen diese Argumente nicht. Die Mühe war vergeblich.

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Wer unter Silvio Berlusconi, Roman Abramowitsch und eben Perez gearbeitet hat, muss sich ein dickes Fell aneignen. Aber es war sowieso selten Ancelottis Intention, den hohen Tieren der Branche zu gefallen. Großes hat er erreicht, wenn es im Team stimmte, der Rest kam dann von allein. „Nichts ist so wichtig, wie geliebt und geschätzt zu werden“, sagt er. Im Moment hat man den Eindruck, dass das auch beim FC Bayern funktioniert.

Sein bestes Spiel mit Real hat Ancelotti ausgerechnet in München gemacht. 2014 schlug er die Bayern und seinen Vorgänger Pep Guardiola in der Allianz Arena mit 4:0, die Partie war eine taktische Meisterleistung. Damals, auf dem Weg zum Titel, dachte er noch, er könne bei Real womöglich eine Ära prägen. Eine neue Familie finden, eine zweite neben seinem Herzensklub Milan. Heute ahnt er: Das Potenzial dazu hat eher der FC Bayern.

Interviews erst nach dem Duell gegen seinen Ex-Klub

Seitdem das Los steht, hat Carlo Ancelotti keine Interviews gegeben. Erst nach dem Duell wieder, hieß es seitens des FC Bayern. Schade. Denn Anekdoten zu Real hätte Ancelotti genug zu erzählen. Eine besonders gute spielt im Jahr 2006. Schon damals hatte er – auf Geheiß von Perez – einen Vorvertrag in Madrid unterschrieben. Real Madrid, das war sein Traum. Die einzige Bedingung: Die Freigabe vom AC Mailand. Als diese ausblieb, wurde sein Landsmann Fabio Capello verpflichtet, der danach sagte: „Ihr meint, dass Real Ancelotti holen würde? Entschuldigung, aber wen bitte hat man zuerst angerufen?“ Auch wenn Capello es lange nicht wusste: Natürlich Ancelotti.

Wenn der Bayern-Coach seine italienischen Freunde zum Essen einlädt, sagen sie noch heute: „Okay, Carletto, wir kommen, aber wen hast du zuerst angerufen?“ Dann lachen sie sich schlapp. Bis die Tränen kommen.

Es ist ein anderes Lachen als jenes, das Ancelotti für Florentino Perez übrig hat.

Hammer-Spiel im Viertelfinale der Königsklasse! Nach 2014 trifft La Bestia Negra wieder auf Real Madrid. Wir haben die wichtigsten Informationen zum Viertelfinale 2017 in der Champions League zwischen dem FC Bayern München und Real Madrid bei tz.de zusammengefasst.

Von Hanna Raif und Andreas Werner

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