Französischer Liga-Vize im tz-Interview

"Was man Rummenigge vorwerfen kann, ist..."

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Bernard Caiazzo.

München - Meister im März - die Übermacht von Paris St. Germain in Frankreich ist erdrückend. Ein Zustand, den Liga-Vizepräsident Bernard Caiazzo bemängelt. Auch Bayern-Boss Rummenigge macht er Vorwürfe. Das tz-Interview:

Mittwoch geht’s für die Bayern in der Champions League um den Einzug ins Viertelfinale, parallel um Pokal und Meisterschaft – die Superstars von Paris St. Germain um Zlatan Ibrahimovic sind da schon einen großen Schritt weiter. Das Viertelfinale haben sie mit den Siegen gegen Chelsea schon erreicht, und seit Sonntag sind sie sogar schon Meister in Frankreich. Die tz hat mit Bernard Caiazzo (geb. 15.1.1954 in Algier) gesprochen. Er ist Vizepräsident der französischen Fußballliga und Vorsitzender des Aufsichtsrates von AS St. Etienne.

Herr Caiazzo, Paris St. Germain und der FC Bayern dominieren ihre Ligen bis hin zur Langeweile. Was kann man da tun?

Bernard Caiazzo: Erlauben Sie mir eine Bemerkung. Ich bin ein Fan des deutschen Fußballs und war oft in München, Mainz und Mönchengladbach. Der große Unterschied ist doch: Diese Vereine haben sich ihre absoluten oder relativen Erfolge erwirtschaftet! Paris dominiert nur durch die Unterstützung eines ausländischen Staates. Das ist für mich ein Riesenunterschied.

Was beeindruckt Sie an der Bundesliga?

Caiazzo: Das konsequente Sponsoring. Da liegt sie vor den Engländern. Als ich mal in Mönchengladbach war, wehten dort vor der Geschäftsstelle 2x3 Meter große Fahnen von jedem Sponsor. Das habe ich sofort meinen Leuten in St. Etienne gesagt. Und dann das Umsetzen von Merchandising. Die Fans in Deutschland kaufen ja jedes Zeugs.

Wenn Sie sich im deutschen Fußball relativ gut auskennen – was halten Sie vom 50+1-System?

Caiazzo: Ich unterstütze das voll und ganz. Was haben wir denn in Frankreich? Wir haben Investoren. Die ziehen sich zurück, wenn sie keine Lust mehr haben oder ihre Firmen in Schwierigkeiten geraten. Dann werden die Aktien verscherbelt, und ein neuer Boss kommt. In Deutschland aber gehört der Verein den Fans. Und die bleiben ihm ein Leben lang treu. Das ist eine ganz andere Basis zum Arbeiten. Ein Leben ist mehr als drei oder fünf Jahre. Ich bin da ja vielleicht altmodisch. Aber ich betrachte Fußball nicht als Investitionsobjekt.

Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?

Caiazzo: In St. Etienne will ich das deutsche Modell verwirklichen. In der Liga werde ich gebremst, weil meine Kollegen den Mitgliedern nicht diesen Einfluss zugestehen wollen.

Wo steht der französische Fußball kurz vor der EM?

Caiazzo: Wir sacken permanent ab. Nehmen Sie den Zweiten, Dritten, Vierten – der würde nie ein Pokalspiel gegen die entsprechenden Mannschaft in Deutschland, Italien, Spanien oder England gewinnen. Frankreich hat seit 2004 mit Monaco gegen Porto in Schalke kein europäisches Endspiel erreicht. Seit 2006 in Deutschland hat auch die Nationalmannschaft weder bei einer WM oder EM mehr ein Endspiel erreicht. Wir sind in den letzten zehn Jahren abgehängt worden.

Der Profifußball ist unter sich nicht einig. Die Zweite Liga gründet einen neuen Verband oder eine Gewerkschaft gegen die Erste Liga. Warum? War es nicht Frankreich, das Solidarität, Gleichheit und Brüderlichkeit erfunden hat?

Caiazzo: Ich werde versuchen, den deutschen Lesern diese Frage zu erklären. Vereine wie 1860 München stehen nicht in einem internationalen Wettbewerb – und haben bei der Vergabe der Fernsehrechte nichts zu sagen. Sie sind am Ende die Bettler. Der FC Bayern aber hat Einfluss auf die Spielregeln. Und wenn Frankreichs Liga nicht den Abstieg/Aufstieg von drei Klubs akzeptieren will – eventuell die deutsche Regel mit Relegationsspiel –, sondern nur zwei haben will, um das Abstiegsrisiko zu verkleinern, dann passt das der Zweiten Liga wegen der verminderten Aufstiegschance eben nicht. Also gründen sie eine eigene Gewerkschaft. Ich bin sehr für Solidarität, doch es geht nicht an, dass der Kleine bestimmt, wo es im Fußball langgeht. Zehn Bäckereien in Paris mögen ja existieren können, aber wenn eine Industriebäckerei dabei ist, die auch ins Ausland exportiert, gibt es eben eine andere Konkurrenzsituation. Fakt ist, dass die Zweitligisten heute ihre besten Spieler lieber ins Ausland verkaufen als an französische Erstligisten. Sie wollen nehmen, ohne zu geben.

Ist die französische Liga mit 20 Teams und einem Ligapokal nicht vom Spielkalender her überfrachtet?

Caiazzo: Sie haben absolut recht. Wir bestreiten Pokalspiele mit unserer Reservemannschaft, um Stammkräfte zu schonen. Wir leiden unter wochenlangen Verletzungen. Ich persönlich würde gerne das deutsche Modell variieren. Keinen Ligapokal, aber ein Turnier zwischen dem Dritten, Vierten, Fünften und Sechsten der Zweiten Liga im Stade de France, um den dritten Aufsteiger zu finden. Aber wir sind ein Land, in dem sich Reformen nur unwahrscheinlich schwierig durchsetzen lassen.

Zum Beispiel?

Caiazzo: Die Bundesliga spielt in der Regel Samstagnachmittag, England auch, Italien und Spanien Sonntagnachmittag. Wir spielen Samstagabend um 20.00 Uhr. Wer sind denn die Trottel? Wir oder die vier anderen Länder? Wenn wir so weitermachen, werden wir weiter abstürzen. Und das wird auch die Nationalmannschaft betreffen. Gewiss, wir exportieren viele Spieler. Aber welcher Franzose hat denn in den letzten Jahren im Halbfinale der Champions League gestanden? Wir exportieren Quantität, aber keine Qualität. Außerdem bilden wir immer nur das gleiche Obst aus.

Was meinen Sie damit?

Caiazzo: Wir denken zu sehr an die Physis und nicht an die Technik. Wir haben Spieler, die haben ein Ausbildungszentrum durchlaufen, die spielen in der Ersten Liga und sind nicht fähig, einen geraden Pass über 15 Meter zu spielen. Vor sechs, sieben Jahren hätten unsere „Ausländer“ noch eine Endspielmannschaft stellen können.

Wird es zu einer Europa-Liga kommen?

Caiazzo: Nein. Die besteht ja bereits in der Champions League. Und mit dem Setzsystem, den Geldausschüttungen wird die Schere zwischen nationalen Ligen und Europapokal-Teilnehmern ja immer größer. Das können Sie schließlich auch in Deutschland beobachten. Wenn sich Karl-Heinz Rummenigge als Chef der europäischen Klubvereinigung überhaupt etwas vorwerfen lassen muss, dann vielleicht den Verdacht, dass er seine Nähe zur UEFA zugunsten des FC Bayern ausnutzt.

Macht Ihnen eigentlich das englische TV-Geld Angst?

Caiazzo: Es macht mir Angst für die Spieler, die des Geldes wegen auf die Insel gezogen sind und dort jetzt nur auf der Bank sitzen. Sie verpassen die Euro, die Champions League und ich weiß nicht was. Das ist einerseits Geldverschwendung. Es ist andererseits Vernichtung von französischem Potenzial für die Euro.

Wie sehr schaden die FIFA- und UEFA-Skandale oder Benzema dem Fußball?

Caiazzo: Sie sind doch nicht dumm. Der größte Fischfang gelingt den Geldhaien rund um ein Großereignis. Sie bezahlen keine Miete für den Theatersaal und keine Mehrwert- oder Gewerbesteuern. Die EM-Auslosung soll 20 Millionen Euro gekostet haben. Und wer bezahlt es? Die Vereine.

Aber die Vereine haben eine Vereinbarung unterschrieben, dass sie den Verbänden die Spieler für die großen Turniere zur Verfügung stellen!

Caiazzo: Und wer steckt sich das Geld in die Tasche? Weder die Vereine noch die Verbände.

Aber der Chef der europäischen Vereine ECA, Rummenigge, hat doch Zahlungen an die Klubs durchgesetzt!

Caiazzo: 2000 Euro pro Tag? Wollen Sie mich veralbern? Wir zahlen, und FIFA/UEFA profitieren wochenlang von unseren Spielern. Der Kampf von Rummenigge ist aller Ehren wert, aber er ist längst nicht ausgefochten.

FIFA und UEFA sind nicht für die Gehälter verantwortlich, die Vereine den Spielern bezahlen. Also ist eine Minderung der Abstellungsgebühren auf ein doch schon beträchtliches Maß diskutabel.

Caiazzo: So lange ein FIFA-Boss Blatter acht Millionen pro Jahr kassiert, sehe ich die Vereine nicht im Unrecht.

Egal jetzt, ob Franken, Euro oder Dollar, aber dürfen wir das schreiben?

Caiazzio: Ja. Das ist meine Information, und zu der stehe ich.

Ihre Lösung?

Caiazzo: Die Vereine müssten Rechnungen stellen dürfen, mit Mehrwertsteuer und allem Drum und Dran, und nicht nur pauschale Entschädigungen erhalten. Wenn FIFA und UEFA sagen, wir machen mit diesen Turnieren Reklame für den Fußball – o.k. Aber wenn sich Funktionäre illegal bereichern, bin ich für eine strikte Transparenz, damit wir Klubs wissen, welches Geld wohin fließt. Es gibt die, die sich bestechen lassen, aber auch die, die korrumpieren.

Ihr Landsmann Platini?

Caiazzo: Das ist ein ehrenhafter Mann, dem eine Falle gestellt wurde, aus der er sich nicht mehr befreien kann. Er hatte ehrenwerte Absichten, aber die allein reichen wohl nicht. Es gibt eben auch die menschliche Dummheit.

Interview: Rainer Kalb

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