Besuch im neuen Campus

So sagt der FC Bayern den Scheichklubs den Kampf an

Winter Wonderland? Auf dem FC Bayern Campus wird der Nachwuchs auf die großen Aufgaben vorbereitet.

An der Ingolstädter Straße soll der FC Bayern der Zukunft entstehen. Im vor wenigen Monaten eröffneten Campus werden Talente ausgebildet, die es einmal mit den Weltstars aufnehmen sollen. Ein Besuch.

München - Hier arbeiten die größten Talente des FC Bayern für den gemeinsamen Traum vom Fußball-Profi! An der Ingolstädter Straße 272 steht seit August der FC Bayern Campus. Knapp zwei Jahre und 70 Millionen Euro investierte der deutsche Rekordmeister in das Prestige-Projekt. Das Ziel: In Zukunft sollen wieder Nachwuchskicker den Sprung ins Bundesligateam schaffen. Zuletzt war das David Alaba vor acht Jahren gelungen. Die tz warf auf dem Campus einen Blick hinter die Kulissen, sprach zudem mit Leiter Jochen Sauer und U 17-Trainer Holger Seitz.

Blick in die Kabine: Die jungen Bayern-Spieler machen sich bereit.

Interview mit NLZ-Chef Sauer: „Zwei Alternativen in jedem Jahr“

Die Antwort des FC Bayern auf den Transfer-Wahnsinn? Der Campus an der Ingolstädter Straße. Leiter Jochen Sauer verrät im großen tz-Interview, wie er die Verantwortung schultern will. Außerdem spricht der 45-Jährige über Jugendspieler aus Südkorea und die Schmerzgrenze bei Transfers.

Herr Sauer, die U 19 ist momentan Tabellenzweiter in der Südstaffel, die U 17 Tabellenführer. Ihre Jugendspieler würden sagen: Läuft bei uns!

Sauer: Grundsätzlich können wir mit dem bisherigen Saisonverlauf zufrieden sein. Die Benchmark aus der vergangenen Saison ist hoch: Wir sind mit der U 17 Meister geworden und haben mit der U 19 das Meisterschaftsendspiel unglücklich verloren. Gerade mit diesen beiden Mannschaften bewegen wir uns auf einem ähnlichen Niveau. Trotzdem wissen wir, dass wir überall noch Luft nach oben haben.

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Sind Mannschaftserfolge wie bei der U 17 dem Ziel untergeordnet, Profi-Spieler aus dem Nachwuchs hervorzubringen?

Sauer: Ja, und das muss im Nachwuchsbereich auch so sein! Klar soll unser Nachwuchs in der Mannschaft auch positive Erlebnisse haben, aber uns geht es schon darum, dass unsere Jungs Profis werden. Besonders schön wäre es, wenn das viele hier beim FC Bayern schaffen. Das ist in erster Linie das gemeinsame Ziel.

Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß gehen fest davon aus: Sie preisen den Campus als die Münchner Antwort auf den Transfer-Wahnsinn an.

Sauer: Es ist doch klar, dass eine Erwartungshaltung vorhanden ist. Aber bleiben wir doch mal beim Transfer-Wahnsinn und nehmen Neymar als Vergleich: Einen Spieler, der für 220 Millionen Euro wechselt, den gibt es einfach sehr selten. Im Grunde genommen ist das eine ähnliche Situation wie im Nachwuchs: Wir werden nicht jedes Jahr einen Superstar ausbilden können, der am Ende einen Marktwert von 100 Millionen hat. Und wir werden auch nicht jedes Jahr einen Spieler für die Profi-Mannschaft entwickeln können, der von jetzt auf gleich in der Startelf steht.

Zehn Teams am Campus: Von der U9 bis zur U19 trainieren alle Nachwuchsteams des FC Bayern auf dem Campus an der Ingolstädter Straße, sie alle spielen seit der Saison 2011/12 in der jeweils höchsten Klasse.

Wie wollen Sie die Bosse dann zufrieden stellen?

Sauer: Indem wir den Profis sehr gut ausgebildete Alternativen zur Verfügung stellen! Wir müssen jedes Jahr zur Profi-Mannschaften sagen können: Hier gibt es zwei, drei interessante Spieler, die das Potential haben, die Chance bei euch nutzen zu können. Es sollten immer ein bis zwei Spieler Kaderpositionen bei den Profis besetzen können oder alternativ gewinnbringend verkauft werden – am Ende ist es immer auch ein wirtschaftlicher Vorteil, der für den Verein entsteht.

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Eine klassische Kosten-Nutzen-Rechnung also?

Sauer: Wenn wir alle paar Jahre einen Spieler haben, der richtig gut ist, kann man sich große Transfersummen möglicherweise sparen. Oder man spart es sich, Backup-Spieler verpflichten zu müssen von außen, weil der Klub sagt: Nein, da gibt es eigene, die als eine Nummer zwei auf der Position über die Jahre mal die Stammposition einnehmen. Das wird vielleicht nicht jedes Jahr gelingen, da können wir so gut arbeiten wie wir wollen. Das Niveau bei den Profis ist einfach sehr sehr hoch.

Hilft ein Prestige-Projekt wie der Campus, dass eher Eigengewächse ins Profi-Team rutschen, statt im Winter einen wie Sandro Wagner zu holen?

Sauer: Das kann ich so nicht beurteilen, aber es ist natürlich unser Wunsch, Spieler für die Profis zu formen. Der Campus hilft uns als Nachwuchsabteilung, attraktive Spieler vom Weg zu Bayern München zu überzeugen. Begehrte Spieler schauen sich natürlich auch die Akademien in Dortmund, Schalke oder Hoffenheim an. Da ist der Campus jetzt ein Wettbewerbsvorteil im Vergleich zur bisherigen Situation . Nicht nur wegen der Infrastruktur, sondern auch weil wir mit der Eröffnung des Campus inhaltliche Aufbruchstimmung signalisieren können.

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Warum soll die Option ein Eigengewächs sein und kein erfahrener Bundesligaspieler von der Konkurrenz?

Sauer: Letztendlich entscheidet immer die Leistung. Aber wenn der Profitrainer von einem eigenen Talent überzeugt ist, wird er auf das Eigengewächs zurückgreifen – davon bin ich überzeugt. Der Vorteil ist, Trainer, Sportdirektor und Vorstand können sich ja laufend über die Entwicklung und den Charakter unserer Jungs informieren. Man weiß also immer, was man für einen Spieler bekommt.

Warum sucht man am anderen Ende der Welt wie Südkorea oder den USA danach?

Sauer: Es gibt auch Märkte außerhalb von Europa, die interessant sind. Der US-Markt ist beispielsweise ein Markt mit einem unglaublich großen Spielerpool, viele Klubs starten mit ihrer Nachwuchsarbeit langsam durch. Der koreanische Markt ist interessant, weil er fußballerisch schon seit Jahren auf einem sehr guten Niveau ist. Kulturell bedingt läuft die Nachwuchsarbeit sehr professionell, diszipliniert und nachhaltig ab. Aus Erfahrung finden sich Spieler aus Asien auch sehr schnell sprachlich und kulturell zurecht. Da ist es in vielen Bereichen einfacher als für einen Spieler aus Südamerika oder Afrika.

Ordnung muss sein: Die Spieler hängen ihre Schuhe zum Trocknen auf.

Welche Märkte sind in Europa interessant?

Sauer: Es gibt in Europa Märkte, auf die man sich konzentrieren muss, die eine gute Nachwuchsarbeit betreiben und wo ein Bundesligaklub der nächste Schritt sein kann – auch schon im Jugendbereich. Wer das UEFA-Nationen-Ranking betrachtet kommt z.B. schnell auf Belgien, Holland oder Frankreich. Einen Spieler aus England oder Spanien nach München zu locken, wenn er im eigenen Land bei einem Top-Klub wie Barcelona oder Manchester City in der Jugend spielen kann, ist schwer.

Macht es einen Unterschied, ob ein Jugendlicher aus Südkorea oder Belgien auf sich alleine gestellt ist?

Sauer: Vor dem Problem des Integrationsprozesses steht jeder Verein, der Spieler aus dem Ausland holt. Wir müssen für uns eine Struktur und Organisation definieren, mit der wir dem Spieler überzeugend sagen können, dass wir es besser machen als andere Vereine. Wir können ausländische Spieler nach den Statuten frühestens mit 16 Jahren verpflichten, aber gerade zwischen 16 und 19 Jahren haben wir die entscheidende Entwicklungsphase. Da werden die Schritte Richtung Herrenbereich gemacht.

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Wildern Sie auch wegen der einfacheren Integration bei der nationalen Konkurrenz? Sie haben zuletzt Louis Poznanski aus Bremen geholt.

Sauer: Alle NLZs und alle Bundesligavereine schauen auch auf gute Spieler, die nicht aus ihrem regionalen Bereich kommen. Wenn ein Verein in einem Jahrgang im eigenen Nachwuchs unterversorgt ist mit Talenten, dann wird er mal etwas weiter nach außen schweifen müssen. Wir hatten im letzten Sommer die Situation, dass wir ein, zwei Jahrgänge nicht so besetzt hatten wie wir uns das vorgestellt hatten. Dann kommt es auch vor, dass man einem Verein den einen oder anderen Spieler wegschnappt – in Anführungszeichen. Nicht umsonst gibt es zwischen den Leistungszentren auch Vereinbarungen, die die Höhe und die Art von Entschädigungszahlungen regeln, wenn es dann so ist.

Was ist denn die Schmerzgrenze des FCB bei Ablösesummen für Jugendspieler?

Sauer: Ich kann keine Schmerzgrenze formulieren, weil sich die Dinge in den letzten Monaten und Jahren fast täglich verändern. Der Transfermarkt im Profibereich hat sich in den letzten Jahren immer weiter nach oben bewegt, da ist es eine logische Folge, dass auch die Entschädigungsbeträge in kleineren Fußballmärkten und in den Nachwuchs-Märkten nachziehen. Eine Schmerzgrenze festzulegen ist auch deshalb nicht möglich, weil viel davon abhängt, wie man den Spieler und sein Potenzial einschätzt. Das sind immer alles Einzelfallbetrachtungen.

Interview: Manuel Bonke, Jonas Austermann


“Die Chance für Talente ist groß“

Wooyeong Jeong (18/Südkorea), Joshua Zirkzee (16/Niederlande), Ryan Johansson (17/Luxemburg), hinzu kommen Louis Poznanski (16) von Werder Bremen und Maximilian Lebedev (17) aus Stuttgart - in der U 19 und U 17 hat der FC Bayern seit der Campus-Eröffnung ordentlich aufgerüstet.

Aus Sicht der Roten absolut nachvollziehbar. Immerhin spielen diese beiden Altersklassen eine entscheidende Rolle dabei, dem Transfer-Wahnsinn die Münchner Antwort zu geben: Talente entwickeln statt Superstars kaufen und in den Nachwuchs investieren statt einen Rekordtransfer nach dem anderen tätigen - so soll die rote Zukunft aussehen. Ob das reicht, um auf Dauer mit den Paris Saint-Germains, Manchester Citys oder FC Barcelonas dieser Welt mithalten zu können? Wenn es nach Bayern-Präsident Uli Hoeneß geht, gibt es nur eine Antwort: Ja!

Leistungsbereitschaft, Mut, Respekt, Leidenschaft: Werte, die der FCB ­fördert.

U17-Trainer schwärmt von „neuem, hochmodernem Nachwuchsleistungszentrum“

„Natürlich haben wir die Aussagen und die Erwartungshaltung registriert und stellen uns gerne dieser Herausforderung. Wenn man ein neues, hochmodernes Nachwuchsleistungszentrum baut, dann ist klar, um was es geht: Spieler für unsere Profi-Mannschaft auszubilden. Dass es schwierig ist, das ist kein großes Geheimnis. Aber: Es ist möglich“, sagt Holger Seitz im Gespräch mit der tz.

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Der U 17-Trainer gilt als äußerst akribisch, denkt 24/7 an Fußball - das schätzen sie beim Rekordmeister. Wenn er hört, wie viel Hoffnung Hoeneß und Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge in den Bayern-Nachwuchs setzen, denkt er weniger an Druck: „Ich empfinde die Aussagen von Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß als total motivierend. Die Chance, den Schritt zu den Profis zu schaffen, ist da! Und ich bin der Meinung, sie ist größer als in den vergangenen Jahren. Das versuchen wir, unseren Spielern auch entsprechend zu vermitteln. “

Selbst die Wäsche waschen: Für den Alltag auf dem FCB-Campus gibt es auch bei den Jüngsten schon klare Regeln.

27 Tor-Beteiligungen in elf Spielen

In seiner U 17 hat Seitz einige vielversprechende Talente: Oliver Batista Meier zum Beispiel. Der Deutsch-Brasilianer hat in der B-Junioren-Bundesliga in elf Spielen bereits 16 Mal getroffen und elf Tore vorbereitet. Darum läuft er auch schon für die U 19 auf. Poznanski kam erst im Winter aus Bremen. Beim FCB sind sie wegen seines robusten Körpers und der Athletik schon jetzt begeistert. Zirkzee und Johansson holten die Münchner wegen ihrer außergewöhnlichen Fähigkeiten aus dem Ausland an den Campus.

Eine Sonderbehandlung gibt es für sie nicht. Seitz: „Da ist auf und neben dem Platz kein Unterschied, warum auch? Die Ablösesummen für bestimmte Spieler spielen in unserer Arbeit überhaupt keine Rolle.“

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Der U 17-Coach weiter: „Trotzdem ist es mir bewusst, dass ich mit den Spielern, die bei uns am Campus im Internat ihren Lebensmittelpunkt haben, mehr Gespräche zu führen habe, als mit einem Spieler, der nach dem Training in seine Familie zurückkehrt, wo er sein soziales Umfeld vorfindet. Einfühlungsvermögen ist hierfür entscheidend, alle Antennen ausfahren, um zu registrieren, wenn ein Spieler aus dem Internat emotional durchhängt.“

Manuel Bonke

Der Akademie-Check

Barcas Bauernhaus

La Masia, das Bauernhaus, heißt die Nachwuchs-Schmiede des FC Barcelona. Von 1979 bis Oktober 2011 schwitzten die Talente der Katalanen tatsächlich in einem unscheinbaren, rustikalen Bau unweit des Camp Nou. Es folgte der Umzug in einen modernen Glasbau.

Statt 600 Quadratmetern steht dem Barça-Nachwuchs jetzt die zehnfache Fläche zur Verfügung – das ließ sich der Klub rund neun Millionen Euro kosten. 83 Talente können dort untergebracht werden und lernen das Kurzpassspiel Tiki-taka.

Ein Name ist mit der Nachwuchsarbeit der Katalanen untrennbar verbunden: Johan Cruyff. In seinen acht Jahren als Barça-Coach beförderte der Niederländer 29 Nachwuchskräfte in die erste Mannschaft, führte ein einheitliches Spielsystem ein.

Größter Erfolg: 2010 waren mit Lionel Messi, Andres Iniesta und Xavi ausschließlich Masia-Absolventen unter den Top 3 der Weltfußballerwahl.

ManCity klotzt

Auch in Sachen Nachwuchsförderung kleckert Scheich Mansour Bin Zayed Al Nahyan nicht, er klotzt! Der Klub-Besitzer von Manchester City ließ ein neues Trainingszentrum errichten, seit Ende 2014 arbeiten die Talente dort für den Traum vom Profi-Fußball.

Für 250 Millionen Euro bekam City u.a. 16 Plätze mit unterschiedlichen Graslängen, ein Stadion für 7000 Zuschauer und Vier-Sterne-Schlafräume. Außerdem gibt’s eine Shopping-Mall, eine Tram-Station und eine Schwimmhalle.

Bis zu 500 Nachwuchskicker werden in der Manchester City Academy für den Sprung in den Profi-Kader ausgebildet, bisher ohne Erfolg. Statt auf die eigenen Talente zu setzen, verpulverte Pep Guardiola in den letzten zwei Transfersommern über 500 Millionen für externe Neuzugänge. Weil die Qualität der Akademie (noch) nicht reicht.

Bester Beweis: einziger Nachwuchsmann in Peps aktuellem Profi-Kader ist Brahim Diaz. Der 18-jährige Spanier kam mit 13 aus Malaga zu City...

Kameras bei RB

Dass man bei Red Bull keine Kosten scheut, dürfte hinlänglich bekannt sein. Schlappe 33 Millionen Euro ließ sich RB Leipzig die im Jahr 2015 eröffnete Talentschmiede kosten. Auf sechs Hektar stehen sechs Fußballfelder, die Gebäude bieten auf einer Fläche von fast 14 000 Quadratmetern alles, was das Fußballerherz begehrt. 48 Nachwuchskicker leben auf dem Gelände, auf dem auch die Profis ihr ganz eigenes Zimmer haben. Neben zahlreichen Pools und drei Saunen gibt es im RB-Komplex auch ein Stadion für 1000 Zuschauer. Pikant: In der Kabine der Profis hängt ein Kartenlesegerät. Dort müssen die Fußballer einmal im Monat ihren Führerschein scannen, um „Schwarzfahrer“ zu verhindern.

Imposant ist auch die Akademie des Schwesterklubs in Salzburg innerhalb des 100.000 Quadratmeter großen Reb-Bull-Hauptsitzes. Beeindruckend: Überall sind Kameras installiert, die die Werte der Spieler messen. Bälle sind ohnehin mit Chips ausgestattet.

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