Interview

Geisterspiele in der Bundesliga? Allianz-Arena-Chef spricht über ungewöhnliche Vorbereitungen

Jürgen Muth, Geschäftsführer der Allianz Arena München Stadion GmbH, spricht im Interview über die Aussicht auf Geisterspiele wegen der Corona-Krise.

  • Jürgen Muth, Geschäftsführer der Allianz Arena München Stadion GmbH, spricht im Interview über die Aussicht auf Geisterspiele wegen der Corona-Krise*.
  • Der Geschäftsführer beschreibt, wie trist der Alltag in der Arena in Zeiten von Corona ist.
  • In Kürze könnte eine Entscheidung zur weiteren Zukunft des Bundesliga fallen.

München – Die Kopfhörer auf, den Laptop an – dieses Interview findet nicht persönlich und mit Blick in die Allianz Arena, sondern virtuell und im Home Office statt. Jürgen Muth ist trotzdem bester Laune. Natürlich vermisst der Geschäftsführer der Allianz Arena München Stadion GmbH seinen Alltag, die Bayern-Fans und die Stimmung. Aber, sagt er, „ich sehe Licht am Ende des Tunnels“ – die Allianz Arena ist vorbereitet auf Geisterspiele.

Herr Muth, die Allianz Arena in der Corona-Zeit – in drei Worten?

Leer, unpersönlich, ungewohnt. Und wenn ich mehr als drei Worte sagen darf...

Gerne!

Was mir wirklich abgeht, sind die sozialen Kontakte. Dass man zu seinem Team persönlich Kontakt halten kann. Wenn man sich im Büro begegnet, am Rande das eine oder andere Gespräch führt, was so nicht geplant war. Das fehlt.

Chef der Allianz-Arena zu Lage in Corona-Krise: „Wirklich trist“

Wie ist Ihr Alltag?

Ich fange mal mit dem der Allianz Arena an. Neben den Auswirkungen bei der Stadion GmbH sind auch unsere Partner betroffen. Die 70 Mitarbeiter unseres Caterers Do&Co sind derzeit ebenfalls nicht hier. Die Sparten Besuchermanagement und Eventmanagement sind auch komplett weggebrochen. In der Arena ist der Alltag im Moment wirklich trist. Ein Mal pro Woche bin ich mindestens vor Ort. Das FC Bayern Museum hat geschlossen, so wie alle anderen Museen in München auch. Und auch wenn die meisten Shops des FC Bayern wieder öffnen, bleibt der FC Bayern Store in der Allianz Arena noch geschlossen. Die Büros sind leer, die Mitarbeiter sind im Homeoffice. Ab 4. Mai wird es eine Art Schichtbetrieb mit zwei Gruppen von Mitarbeitern geben. Nur Haustechniker und Hausmeister – also Mitarbeiter, die nicht zuhause arbeiten können – sind dann immer vor Ort. Wir sind ganz froh, dass die Allianz Arena groß genug ist, dass sie das unter Einhaltung aller Hygienemaßnahmen und Abstandsregelungen machen können.

„Leer, unpersönlich, ungewohnt“: Jürgen Muth über die Allianz Arena im Moment. Für Geisterspiele sei man aber gerüstet, auch unter strengen Regularien.

Ist der Rasen so grün wie lange nicht mehr?

Wir haben natürlich bisher einen wunderbaren Frühling gehabt. Den fehlenden Regen können wir technisch kompensieren. Das hat dazu geführt, dass der Rasen nun eine hervorragende Qualität hat und wir es kaum noch erwarten können, dass bald wieder Fußball gespielt wird.

Normalerweise wäre nun Saisonendspurt. Gibt es aktuell mehr zu tun oder weniger?

Ich will nicht jammern, aber für mich persönlich war mehr zu tun, weil das Corona-Paket on top kam. Da geht es um die Themen Organisation, Finanzierung, Abstimmungsprozesse mit dem FC Bayern. Wir sind da eng verbunden, das ist sehr gut so. Es kostet Zeit und macht Aufwand – aber es lohnt sich.

Corona in München: Investitionen für Arena werden zurückgehalten

Können Sie die Zeit – auch die EURO wurde ja verschoben – nutzen für Modernisierungen?

Das ist ein Trugschluss, weil wir uns mit den Investitionsmaßnahmen erst mal etwas zurückhalten wollen und müssen. Ein Ende der Krise ist ja noch nicht absehbar, und die Einnahmesituation beim FC Bayern und der Allianz Arena ist natürlich auch kritischer geworden.

Jürgen Muth muss in der Arena umplanen
Umbauten werden rund eineinhalb Jahre vorher geplant. Wird der gesamte Arena-Zeitplan nun durcheinandergerüttelt?

Schon einiges. Dieses Jahr wäre nicht allzu viel durchgeführt worden, weil die EURO ja anstand. Was es uns in der Planung schwerer macht: Dass die EURO auf 2021 verschoben wird, also auf einen Sommer, in dem wir größere Modernisierungen hätten durchführen wollen. Auch mit Vorblick auf das Champions-League-Finale 2022 in München.

Corona in München: Allianz-Arena-Chef sieht „Licht am Ende des Tunnels“

Kann irgendeine Maßnahme nicht stattfinden, die zwingend notwendig gewesen wäre?

Wir können schon selbstbewusst genug sein, um zu sagen: Wir können den normalen Spielbetrieb, aber auch eine EURO 2021 und ein Champions-League-Endspiel 2022 auf sehr hohem Niveau durchführen, so wie wir im Moment aufgestellt sind.

Der Ball soll auch in der Bundesliga bald wieder rollen. Ist es im Moment Fluch oder Segen, in einer Unterhaltungsbranche zu arbeiten?

Ich freue mich auf jeden Fall, dass man Licht am Ende des Tunnels sieht. Und die Hoffnung besteht, dass wir nach einer gewissen Zeit, in der wir Spiele ohne Zuschauer austragen werden, den Alltag zurückbekommen. Dieses Stadion ist für die Fans gebaut worden. Was ich am meisten vermisse, ist die Stimmung, sind die Menschen.

Sind Geisterspiele aufwendiger als normale?

Die Vorbereitung ist schon sehr intensiv. Der Anforderungskatalog der DFL ist sehr umfangreich – zu Recht. Da gibt es diverse Maßnahmen, die man nicht nur veranlassen, sondern auch strikt kontrollieren muss. Organisatorisch ist das ein großer Aufwand.

Nennen Sie Beispiele!

Das geht bei der Personenbelegung los, aber es geht auch um die Hygiene, die wir im besonderen Maße sicherstellen müssen. Um nur ein Beispiel zu nennen: die strikte Trennung der Mannschaften auf dem Weg in die Kabine. Es sind maximal 300 Personen im kompletten Stadion, das müssen wir durch unsere Zugangskontrollen sicherstellen. Die Hospitality-Bereiche werden geschlossen sein, das Catering auch. Es wird sich alles konzentrieren auf die 22 Spieler auf dem Rasen.

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Können Sie die 41 Seiten des DFL-Konzepts inzwischen auswendig?

Ein guter Ingenieur lernt nicht auswendig, er weiß, wo es steht (lacht). Es sind alle Stellen markiert, die uns betreffen. Ich mache mir da keine Sorgen. Die Veranstaltungsleitung hat der FC Bayern, wir als Betreiber leisten unseren Anteil am Spieltag. Wir sind da im Austausch mit der Polizei, dem bayerischen Roten Kreuz, dem Sicherheitsdienst, Reinigungsunternehmen, Technik. Wir kennen uns alle lange und gut genug.

Trotzdem ist so eine Situation ja neu.

Das stimmt, in 15 Jahren Allianz Arena einmalig. So eine Krise hat niemand erwartet. Jahrelang haben wir über andere Szenarien gesprochen – ich denke nur an die Terror-Thematik. Jetzt sind wir von einem ganz anderen Thema überrascht worden. Wir werden unsere Lehren daraus ziehen – und noch besser vorbereitet sein, wenn alles wieder normal wird.

Corona in München: „We are ready to play. Wenn es der 9. Mai wird.“

Die Allianz Arena wäre aber sofort bereit?

In der Tat: We are ready to play. Wenn es der 9. Mai wird, würde es mich freuen. Und wenn es ein, zwei Wochen später wird, werden wir uns darauf einrichten.

Gibt es bei Geisterspielen eigentlich einen Stadionsprecher?

Der Personenkreis wird auf ein absolutes Minimum reduziert, Details werden gerade besprochen.

56 000 Arbeitsplätze werden in Deutschland mit dem Profi-Fußball verbunden. Wie hart treffen Geisterspiele die Allianz Arena wirtschaftlich?

Natürlich treffen die Geisterspiele die Allianz Arena, uns als GmbH, aber auch unsere Partner. Es ist ein Shutdown in allen Bereichen. Wir halten intensiven Kontakt mit Partnern und Kunden. Wir sind zuversichtlich, dass wir da vernünftige Lösungen finden. Für die aktuelle Situation und auch für die Zukunft.

Wie lange kalkulieren Sie mit Geisterspielen?

Ich halte mich aus diesen Spekulationen raus. Wir müssen abwarten. Die Politik sagt aus gutem Grund, dass man vorsichtig und Schritt für Schritt vorgehen muss. Die Gesundheit der Menschen und die weitere Verlangsamung der Ausbreitung des Coronavirus genießen zu Recht absolute Priorität. Die Voraussetzungen sind gegeben, das Hygienekonzept ist sehr detailliert. Es ist wichtig, nun zu schauen, wie es funktioniert, ob man nachsteuern muss. Heute kann niemand sagen, wann wir wieder vor Fans spielen werden.

Wie positionieren Sie sich generell in der Debatte um die Wiederaufnahme der Bundesliga?

Wirtschaftlich ist es für das Überleben vieler Clubs und den Fortbestand der Bundesliga in ihrer heutigen Form notwendig. Aber auch eine deutliche Mehrheit der Fans wünscht sich eine Wiederaufnahme des Spielbetriebes, das zeigen viele Umfragen. Die meisten Fans würden sich freuen, ihren Verein wieder spielen zu sehen, wenn auch zunächst nur vor dem Fernseher.

Sie schauen schon in die Zukunft. Seit Mittwoch weiß man, dass die Allianz Arena 2021 Spielstätte der EURO bleibt. Waren Sie erleichtert?

Eine endgültige Entscheidung ist immer schön, aber ich war bei diesem Thema sowieso positiv. Die Signale von der Stadtspitze waren schon länger entsprechend da. Wir sind bereit, der Flughafen ist bereit, der Olympiapark auch – das wusste die Stadt. Ich bin immer davon ausgegangen, dass wir zu unseren Verpflichtungen stehen und die EURO 2021 durchführen.

Andere Spielstätten hatten terminliche Probleme – die fielen bei der Allianz Arena ja aus, weil sie ein reines Fußballstadion ist.

Die UEFA hat mir mitgeteilt, dass wir die ersten waren, die unsere Verfügbarkeit bestätigt haben. Da haben sie sich natürlich gefreut.

Also freuen wir uns auf ein Fußballfest 2021 in München. Mit Fans.

Das wünsche ich mir. Und ich glaube auch daran.

Interview: Hanna Raif

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