Bundestrainer findet klare Worte

Löw im Interview: Darum soll Götze beim FC Bayern bleiben

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Joachim Löw rät Mario Götze, sich beim FC Bayern durchzubeißen.

Köln - Vor dem Quali-Spiel gegen Gibraltar spricht Bundestrainer Joachim Löw im Interview über WM-Held Mario Götze, menschliche Härtefälle und die Zukunft der Nationalmannschaft.

Vor knapp einem Jahr reckte er den WM-Pokal in den Nachthimmel von Rio de Janeiro. Aus dem Bundestrainer Joachim Löw (55) wurde der Weltmeistertrainer Löw. Vielleicht ist er deshalb so tiefenentspannt. Ein Mann, der in sich ruht. EXPRESS sprach mit ihm über den WM-Held Mario Götze, menschliche Härtefälle und die Zukunft der Nationalmannschaft.

Nach dem Gibraltar-Spiel ist erst einmal Pause. Danach haben Sie einen personellen Schnitt angekündigt. Wird es einen WM-Bonus geben für altgediente Spieler? Oder starten Sie tatsächlich bei Null?

Löw: Einen WM-Bonus wird es nicht geben. Am Ende entscheidet nur die Leistung.

Menschlich könnte es Fälle geben, die Ihnen die Entscheidung schwer machen könnte…

Löw: Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass mir es leicht fallen würde. Schließlich bin ich als Bundestrainer mit einigen Spielern gemeinsam einen langen Weg gegangen. Natürlich habe ich zu einigen Spielern sehr gutes Verhältnis. Teilweise über zehn Jahre lang. Aber ich bin Trainer und muss Entscheidungen treffen. Und als Trainer zählt am Ende nur die Leistung und nicht die Dankbarkeit aus der Vergangenheit. Und wenn ich eine Entscheidung treffe, dann stehen die Interessen der Mannschaft immer im Vordergrund.

Haben Sie bereits neue Spieler im Visier, die interessant sein könnten?

Löw: Klar, Spieler wie Kevin Volland, Marc-Andre ter Stegen und Bernd Leno haben wir natürlich im Visier. Oder Emre Can vom FC Liverpool. Sehr interessanter Spieler. Technisch stark, vielseitig, gute Körpersprache, gute Spieleröffnung. Auch Julian Brandt von Bayer Leverkusen, Schalkes Leon Goretzka oder Max Mayer – es gibt viele Spieler, die wir beobachten.

Lukas Podolski muss sich im Sommer nach einem neuen Klub umschauen. Helfen Sie ihm bei dieser Entscheidung?

Löw: Das ist seine Entscheidung - und die seines Klubs. Ich denke, er sollte mit Arsenals Trainer Arsene Wenger ein grundsätzliches Gespräch führen, damit er weiß, wo sein Weg hinführt. Lukas ist dann gut, wenn er in seinen Rhythmus kommt. Dann wird er immer stärker. Für ihn ist wichtig, dass er regelmäßig spielen kann. Nur zu trainieren, reicht nicht. Um auf einem hohen Level zu sein, musst du spielen. Das muss Lukas schaffen.

Ein anderer Fall: Vor einem Jahr war Mario Götze der WM-Held. Er schoss Deutschland zum vierten Stern. Nun hat man das Gefühl, dass das ganze Fußball-Land Spaß daran hat, den Helden fallen zu sehen. Verstehen Sie das?

Löw: Dieses Gefühl teile ich nicht, ich glaube nicht, dass es das ist, woran das ganze Land Spaß hat, ich sehe auch keinen Helden im freien Fall. Nach der Saisonvorrunde hieß es noch, Mario Götze hat die WM gut verkraftet und eine gute Runde gespielt. Es ist doch klar, dass er in der Rückrunde dem Kräfteverschleiß Tribut zollen musste. Das ist völlig normal, ein Wellental gehört dazu. Das ist anderen Spielern in den vergangenen zehn Jahren auch schon passiert. Lukas Podolski, Bastian Schweinsteiger, Miroslav Klose und auch Philipp Lahm haben nach einem Turnier auch schon zu kämpfen gehabt. Auf diesem Top-Level kann es ja nicht sein, dass es permanent nur aufwärts geht.

Franz Beckenbauer hat gesagt, Götze fehle die Einstellung, er solle erwachsen werden…

Löw: Das kann ich nicht nachvollziehen. Mario hat eine unglaublich gute Einstellung zu seinem Beruf. Bei ihm hat man nicht das Gefühl, dass er durch sein Tor auf den falschen Weg gekommen ist, ganz im Gegenteil. Es spornt ihn weiter an.

Aber stets heißt es: Götze sei arrogant, abgehoben. Vermissen Sie den Respekt für Ihren Spieler?

Löw: Wenn man Mario kennt, weiß man, dass er nicht arrogant ist. Dass er ein Mensch ist, der reflektiert und sich hinterfragt. Er ist ein Fußballer, der eine unglaublich gute Berufseinstellung hat. Er achtet auf seine Ernährung, macht seine physiotherapeutischen Übungen und legt zusätzliche Trainingseinheiten ein. Er ist ein Spieler, der eine besondere Gabe hat. Mario ist ein Ausnahmespieler. Aber er ist noch jung. Das bedeutet auch, dass er noch nicht am Ende seiner Entwicklung ist.

Aber warum picken sich die deutschen Fans gerade Götze heraus statt ihn feiern?

Mario Götze erzielte beim 1:2 gegen die USA den Treffer für die Deutschen.

Löw: Götze wird zurecht auch gefeiert, zuletzt am Mittwoch nach seinem Treffer in Köln. Mir hat es sehr gefallen, wie unsere Fans bei unserem Länderspiel gegen Schottland auf ihn reagiert haben, und das in Dortmund. Aber klar, jeder kennt sein riesiges Potenzial, und genauso riesig ist dann die Erwartungshaltung an ihn. Und da ist man manchmal eben auch geneigt, eher die Dinge zu sehen, die noch nicht ganz so optimal laufen.

Noch einmal: Wenn ein Franz Beckenbauer sagt, Götze sei nicht erwachsen, kann das einem Spieler schwer schaden…

Löw: Aber man muss doch einem 23-Jährigen auch zugestehen, dass er sich noch entwickeln kann. Es wäre doch auch nicht normal, wenn man in diesem Alter schon komplett angekommen wäre, da sucht man noch seinen Weg, seine Vorstellung vom Leben, da experimentiert man, da muss man auch Fehler machen dürfen. Fest steht, dass wir ihm den Raum und die Freiheit geben, sich zu entwickeln, als Spieler wie als Persönlichkeit. Von Mario kann man nicht erwarten, dass er jetzt schon die Aura eines Miro Klose hat. Auch einem Klose oder Lahm ging es anfangs so. Und bei Bastian Schweinsteiger hat man gesagt, dass er mit 28 Jahren noch kein Führungsspieler gewesen sei. Danach hat er das Gegenteil bewiesen. So etwas muss einfach reifen.

Haben Sie Franz Beckenbauer angerufen, um einzugreifen?

Löw: Nein. Franz hat das sicher aus einer Emotion heraus gesagt. Die Spieler können das schon einschätzen. Entscheidend für sie ist, was der Trainer sagt.

Sollte Götze den FC Bayern verlassen?

Löw: Nein. Auf keinen Fall.

Aber er hat auch in München unter Trainer Pep Guardiola einen schweren Stand.

Löw: Bei den Bayern muss man eben damit rechnen, dass man nicht permanent spielt. Mario muss bei den Bayern versuchen, sich durchzubeißen. Und er schafft es auch, weil er ein außergewöhnlicher Spieler ist.

In den entscheidenden K.o-Spielen in der Champions-League hat ihn Pep Guardiola nicht von Beginn an gebracht. Ist das nicht ein Zeichen dafür, dass Götze in München nicht gebraucht wird?

Löw: Das glaube ich nicht. Er hatte ja seine Einsätze beim FC Bayern, ich bin sicher, dass Pep Guardiola und Mario das hinbekommen werden.

Interview: Marcel Schwamborn, Thomas Gassmann

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