Bayern-Trainer ist die Ruhe selbst

Müde Auftritte, Unruhe im Umfeld: Darum bleibt Ancelotti so cool

Karl-Heinz Rummenigge und Carlo Ancelotti: Irgendjemand nervös hier?
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Karl-Heinz Rummenigge und Carlo Ancelotti: Irgendjemand nervös hier?

München - Während sich die Wolkendecke über der Allianz Arena zunehmend verdichtet, herrscht bei Carlo Ancelotti wie immer eitel Sonnenschein - der Ruhepol des FC Bayern.

Die Lage an der Säbener Straße? Kritisch. Es rumort im Bauch des deutschen Rekordmeisters, und das hat mehrere Gründe. Nicht nur, dass die jüngsten Auftritte der Ancelotti-Truppe jedem Bayernfan unweigerlich die Sorgenfalten auf die Stirn treiben, nun hat Philipp Lahm zeitgleich den nächsten Brandherd aufgemacht. Rücktritt zum Ende der Saison, vorerst kein Engagement als Sportdirektor (oder -vorstand?) sowie Bekanntgabe ohne Absprache mit den Bossen. Rumms. Und in weniger als einer Woche wartet schon Arsenal im Achtelfinale der Königsklasse. Doch während sich die Wolkendecke über der Allianz Arena zunehmend verdichtet, herrscht bei Carlo Ancelotti wie immer eitel Sonnenschein. Ganz nach dem Motto: Che cosa?! Is irgendwas?

„Der ist im Gegensatz zu uns allen ganz cool“, sagte Uli Hoeneß nach dem 1:0-Zittersieg im Pokal gegen Wolfsburg. Und weiter: „Er hat ja schon genügend Erfahrung. Und wenn Karl-Heinz (Rummenigge, d.Red.) und ich mal nervös werden, weil es nicht ganz so gut läuft, dann sagt er immer: ‚Meine Herren, warten Sie mal ab. Wir haben jetzt wichtige Spiele und am Ende wird zusammengezählt.‘ Er bleibt immer die Ruhe selbst. Und bis jetzt hat er ja recht gehabt.“

In der Tat. Und zwar nicht nur beim FCB, sondern seine gesamte Trainerkarriere über. Wenn den 57 Jahre alten Italiener etwas auszeichnet, dann seine Fähigkeit, seine Teams von externen Problemen zu befreien und nichts an sie heranzulassen, was die Mannschaft in ihrer Einheit gefährden könnte. Carlo kann das. Wie kein Zweiter. „Bei Milan waren wir wie eine Familie“, so die italienische Verteidigerlegende Paolo Maldini über seinen Trainer bei AC. „Und Carlo war die Person, die es schaffte, dich vor einem Champions-League-Finale zum Lachen zu bringen. Diese Einstellung ist alles für ihn. Alles, was er macht, führt er auf dieses eine Prinzip zurück.“

So auch im Tollhaus des spanischen Fußballs, Real Madrid. Im Frühjahr 2014 machten Carlettos Königliche eine ähnliche spielerische Schwächephase durch wie die Bayern aktuell. Die Folge: Kritik. Massenhaft. Worauf der sonst so ausgeglichene Trainer das Wort ergriff: „Die Kritik an der Mannschaft war zu viel des Guten! Denn sie macht ihre Sache gut. Wir können drei Titel gewinnen oder gar keinen, aber diese Mannschaft kämpft schon seit Langem um alle Titel. Wir brauchen ein gutes Klima.“ Das Ende ist bekannt: Ancelotti holte mit Real den Henkelpott.

Philipp Lahm: Stationen einer bewegten Karriere

Ein Jahr drauf der nächste Auftritt des Problemlösers: Ähnlich wie aktuell Lahm gerät Cristiano Ronaldo in die Schlagzeilen. Der Grund: die ausschweifende Geburtstagssause zum 30. des Portugiesen, die nur wenige Stunden nach der 0:4-Klatsche im Madrider Derby stieg. CR7 bekam sein Fett weg, und Ancelotti ergriff Partei. Natürlich für seinen Spieler: „Das Problem ist, dass einige meinen, so etwas könne sich auf die Professionalität des Spielers auswirken. Doch diese haben meine Spieler in vielen Gelegenheiten unter Beweis gestellt.“ Punkt.

Jetzt muss er an der Säbener Straße die Wogen glätten. Und das am besten schon bis kommenden Mittwoch, geht es da ja schließlich schon gegen die Gunners um alles. Wie schnell dieser Prozess bei Ancelotti gehen kann, stellte er bereits 2008 als Trainer von Milan unter Beweis. Gennaro Gattuso, seines Zeichens nimmermüdes Kampfschwein und elementarer Baustein von AC, hatte ein Angebot vorliegen. Vom FCB. Carlettos Reaktion: Gemeinsam mit Milan-Boss Galliani sperrte er seinen Kicker fünf Stunden im Vereinsmuseum ein und überzeugte ihn von einem Verbleib. Ob Ancelotti es nun hinbekommt, auch die Bayern wieder auf die Erfolgsspur zurückzuführen, bleibt abzuwarten. Fakt ist: Es muss schnell gehen. Sonst wird aus der kritischen Lage schnell eine bedrohliche.

José Carlos Menzel López

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