Ein Bär als Guardiola-Erbe beim FCB

Carlo Ancelotti: Selbst Ronaldo schwärmt von ihm

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München/Hannover - Carlo Ancelotti übernimmt im Sommer den FC Bayern München, wird Nachfolger von Pep Guardiola. Selbst Cristiano Ronaldo schwärmt vom Italierner. Eine Analyse.

Hannovers Flughafen war am Samstagabend steril, gespenstisch leer. Stille herrschte, wo sonst von Gate zu Gate gehetzt wird, nur eine Handvoll wartete auf die letzten Aufrufe des Abends. Die Frau mit dem Putzwagen hatte leichtes Spiel; es gab nichts mehr zu Putzen – und sie hatte die Stars des FC Bayern für sich allein, als sie einen nach dem anderen nach dem Sicherheitscheck zu ihrem Wägelchen mit den Eimern und Besen bat, um dort auf einem Poster zu unterschreiben.

Nur bei Pep Guardiola hatte sie Pech. Der Trainer zog seinen Koffer einfach vorbei, tief verstrickt im Dialog mit Manuel Estiarte, seinem Vertrauten, der ihn seit Jahren durch die Welt begleitet. Karl-Heinz Rummenigge hatte bereits Minuten vorher passiert, Kontakt zum Coach? Fehlanzeige. War ja schon alles besprochen. Tags darauf machte der Verein offiziell, dass sich die Wege trennen. Eine Überraschung war das keineswegs, bereits seit Donnerstag war es bekannt. Ein Ausrufezeichen jedoch ist, dass man gleichzeitig die Nachfolgeregelung bekanntgeben konnte: Carlo Ancelotti, 56, wird wie erwartet im Sommer übernehmen. Der Italiener, der bereits drei Mal die Champions League gewann, kommt bis 2019.

Dass bereits das Erbe geregelt ist, entlarvt, dass in jüngster Zeit an der Säbener Straße mächtig geflunkert wurde. Es herrschte schon seit Wochen Klarheit, deshalb fiel zum einen das finale Gespräch mit Guardiola aus, das eigentlich für Sonntag terminiert war – und zudem die Nachfolgersuche leichter als gedacht. „Seitdem ich vom Interesse des FC Bayern wusste, kam kein anderes Angebot für mich mehr in Frage“, ließ Ancelotti nach der Bekanntgabe wissen. Und das war nicht erst am Sonntag.

Ancelotti äußerte sich auf seinem „Twitter“-Account in vier Sprachen zu seinem Ja-Wort, der Italiener hat außer in seiner Heimat bereits in Spanien, England und Frankreich große Titel abgesahnt und gilt als einer der weltweit begehrtesten Trainer. „Carlo ist ein ruhiger, ausgeglichener Fachmann, der mit Stars umgehen kann und einen variablen Fußball spielen lässt“, sagte Karl-Heinz Rummenigge, „das haben wir gesucht, das haben wir gefunden.“

Optisch wirkt Ancelotti ein bisschen wie Louis van Gaal, doch man darf sich da nicht täuschen lassen. Da sah sich einst sogar Cristiano Ronaldo eines Besseren belehrt. Der Portugiese erzählte neulich, er habe zunächst einen harten, arroganten Trainer erwartet, doch Ancelotti sei das Gegenteil. „Er ist wie ein großer Bär, ein genialer Typ, sehr sensibel. Er sprach täglich mit uns, nicht nur mit mir, sondern mit allen.“ Reals Spieler trauern ihm bis heute nach. „Als er ging, waren alle traurig – selbst die, die nicht gespielt haben und deshalb Grund gehabt hätten, ihn dafür zu kritisieren“, sagte Toni Kroos, „es fiel kein negatives Wort über ihn – das ist außergewöhnlich.“

Nach dem Rauswurf in Madrid zog Ancelotti nach Vancouver, seine zweite Frau ist Kanadierin. Er ging fischen (Bären lieben Fische), genoss die Spaziergänge an der frischen Luft – und wartete auf ein spannendes Projekt. Ein Bär als Guardiola-Erbe ist ein schönes Bild, denn der Nachfolger benötigt breite Schultern sowie gutes Gemüt. Dass dieser Bär namens Ancelotti zudem sprechen kann, macht die Personalie interessanter – denn der Noch-Bayern-Trainer hält seine Profis stets auf Distanz, was nicht jedem in einem Starensemble behagt.

Neuer FC-Bayern-Trainer Ancelotti liebt Tortellini und Rotwein

Generell liest sich die Lebensart des Italieners, als entstamme sie der Feder von Uli Hoeneß. Er wuchs auf einem Bauernhof auf, aß von klein auf gerne die selbstgezüchteten Schweine und gilt bis heute als beileibe kein Kostverächter. Mit allergrößter Freude stürzt er sich auf Tortellini oder gekochtes Rind, Wenn er Zeit hat, kocht er selbst, und feinem Rotwein ist er ebenso wenig abgeneigt wie schönen Frauen. Da bahnt sich eventuell eine bajuwarisch-norditalienische Freundschaft an.

Von Guardiola gab es kein Wort zu seinem Abschied. Er wandte sich schon auf der Pressekonferenz in Hannover dem Datenblatt vom 1:0-Sieg zu – dabei ist die nächste Partie erst am 22. Januar, in Hamburg. Guardiola lebt in seiner Welt, seiner Fußballwelt. In seinem Kopf hetzt er dort von Gate zu Gate, es gibt da keine Tortellini, keine Bären – und keine Putzfrauen.

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