China-Kenner im tz-Interview

"Es ist einfach alles vollkommen anders hier"

Adrian Kummer.

München - Nach knapp zehn Stunden im Flieger landete der FC Bayern in den frühen Morgenstunden in Peking. Adrian Kummer, Chefredakteur des Onlinemagazins 21China, erklärt in der tz, was auf die Münchner dort zukommt.

Vor Ort war es dann schon Mittag, sechs Stunden Zeitverschiebung und über 7500 Kilometer Entfernung liegen zwischen den Stars und ihrer Heimat. Acht Tage verbringen die Bayern nun im Reich der Mitte, in dem nicht nur die Bevölkerungsanzahl völlig andere Dimensionen hat als hierzulande. 

Herr Kummer, was erwartet den FC Bayern in China?

Kummer: Ein riesiges Land mit wahnsinnig vielen Menschen. Es ist überall ein bisschen hektischer, vor allem in den Großstädten. Dagegen ist es in Bayern, auch in München, vergleichsweise beschaulich. Aber die Bayern brauchen keine Angst zu haben, denn Gastfreundschaft wird in China ganz groß geschrieben. Die Spieler und der ganze Anhang dürfen sich auf Eindrücke freuen, die man aus Deutschland nicht kennt. Sprache, Schrift, Kultur – alles ist einfach vollkommen anders.

Aus europäischer Sicht ist es ja, um es mal so zu formulieren, schwer, ­Chinesen auseinanderzuhalten…

Kummer (schmunzelt): Ich weiß, aber das stimmt ja gar nicht. Rund 90 Prozent der Bevölkerung sind Han-Chinesen, sie verkörpern sozusagen den typischen Chinesen. Die restlichen zehn Prozent verteilen sich auf über 50 andere Völkergruppen. Und man erkennt die Unterschiede durchaus. Gerade im Süden Chinas gibt es viele ethnische Minderheiten, die anders als die Han-Chinesen aussehen. Die Menschen dort haben dunklere Haut und andere Gesichtszüge. Und, das ist ja klar: Selbstverständlich sieht auch jeder Han-Chinese anders aus.

Die meisten Großstädte des Landes befinden sich im Osten…

Kummer: Das liegt daran, dass sie direkt an der Küste liegen. Shanghai zum Beispiel hat einen riesigen Containerhafen. Aber auch im Inneren des Landes gibt es wichtige Städte, Chongqing zum Beispiel. Mit über 30 Millionen Einwohnern die größte Stadt Chinas. Da lässt sich allerdings drüber streiten, weil Chongqing eine zusammengewachsene Stadt ist. Vergleichbar mit dem Ruhrgebiet.

Ticker: "Super Bayern" - Fans empfangen FCB in China

Warum reist der FCB nicht dahin?

Kummer: Er hat sich mit Peking, Shanghai und Guangzhou die drei wirtschaftsstärksten Städte des Landes ausgesucht. Bei den beiden Erstgenannten ist das ja kein Geheimnis, aber auch Guangzhou ist eine wichtige Region.

Welche Rolle spielt die Regierung bei Chinas wirtschaftlichem Aufschwung? Das Regime von Staatspräsident Xi Jinping wird durchaus auch kritisch gesehen.

Kummer: Natürlich kann man in China nicht von einer Demokratie sprechen, weil es immer noch keine freien Wahlen gibt. Die Kommunistische Partei sieht sich dabei dennoch als relativ demokratischen Apparat. Aus der Zeit von Kommunismus und Sozialismus ist im Grunde aber nur der autoritäre Staat geblieben. Es ist eher ein Kapitalismus, in den der Staat sehr stark eingreift. Die Schlüsselindustrien sind immer noch verstaatlicht.

Und gegen Regierungskritiker wird rigoros vorgegangen…

Kummer: Das stimmt. Mit individueller Freiheit und Meinungsäußerungen ist es für eine einzelne Person extrem schwierig. Da kann man nicht mal einfach so Stimmung gegen die Regierung machen. Es gibt ja auch eine Zensur im Internet, viele westliche Homepages sind nicht verfügbar. Gemessen am Erfolg aber ist das Regime nicht so schlecht wie man denkt. Die Kommunistische Partei hat mit ihrer Arbeit den Hunger vollständig aus dem Land verbannt. Das ist eine wahnsinnige Leistung, denn noch Anfang der 80er-Jahre lebten rund 600 Millionen Menschen dort in Armut. Dafür brauchte sie scheinbar die Macht, die sie hat. Individuen bleiben da manchmal auf der Strecke, das ist der Preis dafür.

Welche Bedeutung hat der Fußball für die Regierung?

Kummer: Das Interesse am Fußball ist sehr groß. Vor einigen Jahren hat Präsident Xi Jinping erklärt, was ihm in der Zukunft vorschwebt. Er hat drei Wünsche: China soll sich für eine WM qualifizieren, eine WM austragen und eine WM gewinnen. Mit dem staatlichen Fernsehsender CCTV gibt es einen Sender, der sehr viele Fußballspiele aus den europäischen Ligen überträgt. Die Begeisterung für den Fußball ist schon da, nur durch die Ein-Kind-Politik wird das Land immer älter.

Wie meinen Sie das?

Kummer: China hat 1,3 Milliarden Einwohner – das Land ist in weiten Teilen überbevölkert. Das wissen die Chinesen auch, deshalb gibt es die Ein-Kind-Politik. Natürlich darf man auch ein zweites Kind bekommen, dafür gibt es aber Sanktionen wie die Streichung bestimmter Zuschüsse. Das gilt aber nicht für alle, ethnische Minderheiten und Teile der Landbevölkerung dürfen auch so zwei Kinder bekommen. Es kommen also wenige junge Menschen nach, die meisten von ihnen werden als Einzelkind ziemlich stark verwöhnt. Da sprechen wir eher von Übergewichtigen als von talentierten Fußballern. Für Vereine wie den FC Bayern ist das Interesse der Chinesen am Fußball natürlich gut. Jeder sechste Mensch auf der Welt ist schließlich Chinese.

Marketingtechnisch macht die Reise Sinn.

Kummer: Absolut. Ich würde es sogar als Pflichtprogramm bezeichnen. Auch wenn ich als traditioneller Fußballfan die zunehmende Kommerzialisierung nicht so toll finde, bleibt den Bayern gar keine andere Möglichkeit. Sie sind ja ohnehin schon spät dran. Das sieht man an den astronomischen Summen, die die Engländer inzwischen aus ihrer Auslandsvermarktung generieren. Wenn die Bayern auf lange Sicht mit den großen Vereinen aus dem Ausland mithalten wollen, führt am chinesischen Markt gar kein Weg vorbei.

Interview: Sven Westerschulze

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