Wann tanzt der Brasilianer wieder?

Dante: Seit einem Jahr im Jammertal

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Bittere Niederlage: Die Schmach von Belo Horizonte sitzt bei Dante, der sich von Teamkollege Bastian Schweinsteiger trösten ließ, auch ein Jahr danach tief.

München - Dante behauptet 365 Tage nach dem 1:7 im WM-Halbfinale: „Ich bin darüber hinweg.“ Doch nicht nur die Urlaubs-Verletzung bremst ihn bei den Bayern weiter aus.

Jubiläen, Jahrestage – davon gibt es in diesem Jahr beim FC Bayern genügend. Die Allianz Arena hatte just ihren zehnten Geburtstag, der 25. Meistertitel ist eingetütet, der Aufstieg hat sich zum 50. Mal gejährt, und in der zweiten Jahreshälfte feiern auch noch die Klub-Idole Karl-Heinz Rummenigge (60), Franz Beckenbauer (70) und Gerd Müller (70) runde Geburtstage. Viel Grund zum Feiern also – zumindest für die meisten. Wenn es da nicht auch Jahrestage gäbe, die an Ereignisse erinnern, die man am liebsten vergessen würde.

Für Dante war dieser Tag gestern.

8. Juli 2014, Belo Horizonte, der Brasilianer sitzt auf dem Rasen, hat sein Gesicht in den Händen vergraben, weint. Das 1:7 der Selecao gegen den späteren Weltmeister Deutschland hat einer ganzen Nation Schmerz zugefügt, der nie vergehen wird. „Nur Gott kann erklären, was damals passierte“, sagte Fußball-Legende Pelé, die Sportzeitung „Lance!“ schreibt bis heute von der „größten Schande in der Geschichte“.

Es ist logisch, dass eine derartige Pleite nicht von heute auf morgen verarbeitet werden kann. Auch Fußballer sind Menschen. Und dennoch macht es bei zahlreichen Beteiligten dieses Abends von Belo Horizonte den Anschein, als hätten sie sich bis heute nicht erholt. Dante hat sowohl den Glanz in seinen Augen als auch die Sicherheit auf dem Fußballplatz an diesem 8. Juli 2014 verloren. Und er wird auch 365 Tage später nicht müde, das immer und immer wieder zu betonten. „Es war für uns viel ernster, als ihr euch vorstellen konntet“, sagte der 31-Jährige erst vor wenigen Tagen der „Bild am Sonntag“. Zwei Jahre lang sei er derjenige gewesen, „der in der Innenverteidigung des FC Bayern den Ton angegeben hat“. Nach der WM aber sei alles anders gewesen.

Klar, Jahrestage sind willkommene Anlässe, noch einmal über das Erlebte zu sprechen. Dante aber hat im vergangenen Jahr nicht ein Interview gegeben, in dem der Fokus nicht auf jenem 1:7 lag. Er hat seinen Kollegen öffentlich gedroht, sollten sie Witze über das damalige Aus der Brasilianer machen („Die bringen mich nicht zum Lachen. Und wenn mich das nicht zum Lachen bringt werde ich sauer und es knallt.“), er hat dutzende Male von seinem Schmerz gesprochen, „wenn die Leute einem den Rücken zudrehen“. Und ein Ende des Dauer-Klagens scheint nicht in Sicht. Dabei wäre es langsam an der Zeit, abzuhaken und weiterzumachen. Ein Jahr im Jammertal ist genug – zumal seine Rolle beim FC Bayern inzwischen wackelt.

An der Säbener Straße hat man Dante seit dem Start der Vorbereitung nur im Freizeitdress gesehen. Seine erste Woche der neuen Saison fand trotz brasilianischem Wetter zumeist im Inneren des Leistungszentrums statt. Reha statt Mannschaftstraining, individuelles Arbeiten statt Übungen mit Ball. Man hat Matthias Sammer seinen Unmut angemerkt, als er in der vergangenen Woche am ersten Trainingstag das Geheimnis lüftete, warum Dante der Einheit ferngeblieben war. „Er hat das gemacht, was er immer im Urlaub macht. Trainiert und mit Kumpels Fußball gespielt“, sagte der Sportdirektor und verwies auf eine „kleine Blessur am Muskel“, die ihn ein paar Tage kosten werde. Inzwischen ist eine Woche rum, auf dem Platz hat man Dante aber noch nicht gesehen. Die Reise nach China ab 16. Juli soll er Stand jetzt allerdings mit antreten. Auf der Liste der Langzeitverletzten wie Franck Ribery (versucht derzeit, den Kopf bei seinen Eltern in Boulogne-sur-Mer freizubekommen), Holger Badstuber und Jan Kirchhoff steht er noch nicht.

Der Weg zurück in die Mannschaft wird nicht leichter, je mehr Tage Dante nicht mittrainieren kann. Ein Abgang aber soll für ihn trotz der inzwischen mauen sportlichen Perspektive nicht zur Debatte stehen. Obwohl die Innenverteidiger-Position mit Jerome Boateng, Medhi Benatia, Javi Martinez und (irgendwann wieder) Badstuber prominent besetzt ist, will er seinen Vertrag bis 2017 auskosten. Dante fühlt sich pudelwohl in München. Seine volle Konzentration gilt inzwischen dem Klub – ein Länderspiel hat Dante seit der WM nicht mehr bestritten.

Immerhin hat er pünktlich zum Jahrestag mal sachlich über die Niederlage von Belo Horizonte gesprochen. „Ich glaube, wir müssen einsehen, dass wir unorganisiert waren“, sagte Dante jüngst und fügte an: „Es war ein sehr schlechter Teil meiner Karriere, aber ich bin darüber hinweg.“ Man kann es ihm nur wünschen. Auch wenn das Regenwetter gestern sein Übriges für ein trauriges Jubiläum tat.

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