Weltenbummler wird 90 Jahre alt

"Cognac für Kalle"! Maier schwärmt von Dettmar Cramer

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Sepp Maier mit seinem alten Lehrmeister Dettmar Cramer.

München - Am Ostersamstag feiert Dettmar Cramer seinen 90. Geburtstag. Drei Jahre lang war der Weltenbummler Trainer des FC Bayern. Torhüterlegende Sepp Maier erinnert sich im tz-Interview an den "Napoleon".

Viele machten es ihm nach, aber Dettmar Cramer war ein Pionier. Als erster großer deutscher Fußballtrainer wagte der spätere Coach des FC Bayern in den Sechzigerjahren den Schritt ins Ausland. Was in der globalisierten Sportwelt von heute Normalität ist, war damals ungewöhnlich. Mut und Abenteuerlust aber brachte Cramer ebenso mit wie die nötige Weltoffenheit.

Berühmte Pose: Nach diesem Foto hatte Cramer seinen Spitznamen sicher.

Bis 1974 arbeitete Cramer für die FIFA als Instrukteur und Trainer in rund 70 Ländern, ehe er für wenige Monate US-Nationalcoach wurde und schließlich 1975 für drei Jahre zum FC Bayern ging. Dort gewann er in der Beckenbauer-Ära zweimal den Landesmeister-Cup und einmal den Weltpokal. Deutscher Meister wurde er aber nie. Auch nicht während späterer Engagements bei Eintracht Frankfurt und Bayer Leverkusen. Den Ruf als Weltenbummler bestätigte er danach als Nationalcoach Saudi-Arabiens und als Trainer der Olympia-Auswahl Südkoreas. Cramer konnte sich für neue Kulturen begeistern. In Japan beschäftigte er sich etwa mit dem Zen-Buddhismus. Auch das Gespür für Gesten fehlte ihm nicht. „Napoleon“ wurde er genannt, in entsprechender Montur posierte er im Münchner Olympiastadion (abgelichtet von der damaligen Beckenbauer-Freundin Diane Sandmann).

Was er durch den Fußball erreicht habe, „verdanke ich Sepp Herberger“, befand der gebürtige Dortmunder. Schon als 16-Jähriger war ihm nach einem Jugendlehrgang mit dem „Chef“ klar, dass er Trainer werden wollte. Als dessen späterer Assistent arbeitete Cramer zwischenzeitlich auch für den DFB. Nach Herbergers Rücktritt 1964 erfüllte sich der Wunsch, sein Nachfolger zu werden, aber nicht. Der DFB entschied sich für Helmut Schön.

Zu schwach zum Feiern

Eine große Feier wie vor zehn Jahren wird es am Samstag nicht geben. Dettmar Cramer ist nach einer Hüftoperation zu schwach, um an seinem 90. Geburtstag großen Trubel zu ertragen. Beim FC Bayern gibt es zu seinem runden Geburtstag aus Rücksicht auf die Gesundheit des betagten Ex-Trainers keine größeren Ehrungen. Lediglich die Dettmar Cramer Foundation plant in seinem oberbayerischen Heimatort Reit im Winkl Feierlichkeiten mit Musikkapelle, Geburtstagsgrüßen und Geschenkübergaben. In Teilen sei der Ablauf „abhängig von Herrn Cramers Gesundheitszustand“, heißt es in der Einladung.

"Ein Weltmann und für mich ein Großer"

Herr Maier, Dettmar Cramer wird 90 – ein Großer des deutschen Fußballs!

Maier: Detti war nicht nur für den deutschen Fußball ein Großer, sondern auch für mich! Obwohl er klein war, für mich war er ein Großer.

Hat er Sie sehr gefördert? Er hat mal gesagt, dass er pro Training 500 Schüsse auf Ihr Tor abgegeben hatte.

Maier: Dann waren das aber alles Schüsse aus sechs Metern. Weiter ist er nicht gekommen.

Sie haben ihn mal als laufenden Meter bezeichnet. Das hat er Ihnen aber nicht übel genommen, oder?

Maier: Nein, wir haben immer gelacht darüber. Der Detti ist einer, der auch Spaß verstehen kann. Das konnte er auch als Trainer ganz gut.

Dabei nannte man ihn etwas nüchtern den Fußball-Professor.

Sepp Maier (l.) zusammen mit Trainer Dettmar Cramer (r.).

Maier: Ich glaube, der war mehr im Hörsaal bei irgendwelchen Besprechungen als auf dem Fußballplatz beim Training. Als er vom FC Bayern weggegangen ist, hätte ich mich ohne Weiteres sofort für die Prüfung als Fußballlehrer an der Uni anmelden können.

Was hatte er alles vermittelt? Ging es da um Taktikfragen?

Maier: Dettmar Cramer war ein Perfektionist. Er wusste alles über Taktik, aber er wollte auch wissen und analysieren, wie einzelne Spielsituationen zustande kommen. Und er hat alles über den Gegner in Erfahrung gebracht, und wenn er dafür vorab nach Georgien oder sonst wo hinfahren musste. Er hat das alles genau aufzeichnen lassen und uns auf Flipcharts gezeigt. So mussten wir das über Stunden studieren.

So wie ein Pep Guardiola heute?

Maier: Das war eine andere Zeit, glauben Sie mir. In der Art und Weise, wie Dettmar gearbeitet hat, gab es das bis dato noch nicht.

Wo hatte er das her? Wurde da einiges von Udo Lattek übernommen oder anderen Trainergrößen?

Maier: Nein. Das hatte Dettmar überhaupt nicht nötig. Er brauchte nichts zu übernehmen.

Hatte er eine spezielle Art der Motivation? Angeblich flößte er Karl-Heinz Rummenigge vor einer Partie mal zwei Cognac ein.

Maier: Ja, und so hat der dann auch gespielt. Schwindelig war der Kalle! Wahrscheinlich hatte er ihm zuvor zuviel gedöst auf dem Feld und er wollte ihn ein wenig wacher machen damit.

Dettmar Cramer war lange Jahre in Japan, seine große Liebe. Was haben Sie davon erfahren?

Maier: Dettmar hat eine außergewöhnliche Lebensgeschichte. Er war ein Kind des Krieges, dann hat er in so vielen Ländern gearbeitet und sich wirklich überall zurechtgefunden. Er ist ein Weltmann. Und ja, er konnte damals sogar Japanisch. Ich glaube, er konnte sogar Spanisch – zumindest sind mir die Spielersitzungen so vorgekommen (lacht).

Warum musste er 1977 gehen? War das im Nachhinein ein Fehler?

Maier: Wissen Sie, jede Trainerzeit beim FC Bayern ist einmal abgelaufen. Da kannst du noch so gut gewesen sein, irgendwann muss etwas Neues her. Allerdings: Die ganze Mannschaft hat immer zu Dettmar Cramer gehalten, das weiß ich noch ganz genau!

Was wünschen Sie ihm nun zum ­Geburtstag?

Maier: Dass er ganz locker die 100 schafft – und dann feiern wir!

Interview: mic

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