Bayern-Fans in Sorge

Droht Schweinsteiger das Jeremies-Schicksal? 

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Bastian Schweinsteiger hat bei der WM in Brasilien überragende Leistungen gezeigt.

München - Bastian Schweinsteiger hat bei der WM in Brasilien überragende Leistungen gezeigt. Jetzt fragen sich die Bayern: Zu welchem Preis?

Es gibt Spiele, die vergisst man nicht. Sie füttern über die Zeit hinweg die Erinnerungen mit einzelnen Szenen und Anekdoten. Unvergesslich ist etwa, wie Giovane Elber sein Knie küsste, als der FC Bayern Anfang Mai 2001 mit Siegen über Real Madrid das Champions League-Finale erreichte, das er wenig später auch noch gewinnen sollte. Franz Beckenbauer hob in Spanien damals beim Bankett sein Glas für einen Mitternachts-Toast auf die Klubärzte. Elber hatte sein Knie nicht so aus Jux geküsst: Keine zwei Wochen zuvor waren er und Jens Jeremies unterm Messer gelegen, Beckenbauer honorierte die Blitzheilung auf seine kaiserlich-saloppe Art. Zu seiner Zeit wäre „eine Amputation nötig gewesen“.

Die Bayern erlebten damals vergnügliche Abende, und Elbers Erfolgsweg garnierten in der Folge noch mehrere Etappen. Was aber keiner wusste an den vergnüglichen Abenden: Jens Jeremies kam später nie mehr richtig auf die Beine. Er hatte sich aufgeopfert.

Wer heute an das WM-Finale vor etwas mehr als einem Monat denkt, hat vielleicht schneller noch als Mario Götzes Siegtor Bastian Schweinsteiger vor Augen; wie er sich durch die Partie kämpfte, wie er immer wieder aufs Neue niedergestreckt wurde, wie er unterm Auge blutete und am Ende für all seine Qualen belohnt wurde. „Mit aller Gewalt“ habe er diesen Titel gewinnen wollen, sagte er später. „Es hat sich rentiert.“ Die Fans sind aber jetzt in Sorge: Droht ihm auch das Jeremies-Schicksal? Hat er sich aufgeopfert für das große Ziel?

Laut Pep Guardiola spielte Schweinsteiger seit Monaten mit Problemen; erst kneifte es am Knöchel, inzwischen plagen ihn Probleme an der Patellasehne. Das Band unterhalb der Kniescheibe wird bei Leistungssportlern stark strapaziert: Steffi Graf musste ihre Tennis-Karriere beenden, Rafael Nadal kostete eine Patellasehnen-Entzündung ein Jahr, und Cristiano Ronaldo war nun während der WM anzumerken, dass mit dieser Verletzung 100 Prozent reine Utopie sind. Der frühere Profi Christoph Metzelder, inzwischen Experte beim TV-Sender Sky, beschäftigte eine entzündete Patellasehne mehrere Jahre, berichtete er gestern: „Sogar beim Autofahren hat es immer gepiekst.“ Was man da machen kann? Der ehemalige Nationalspieler rät zur Vorsicht: „Es ist oft besser, einen Spieler da rauszunehmen und gezielt aufzubauen.“

Schweinsteiger wird beim Saisonstart am Freitag gegen Wolfsburg ausfallen, die Tendenz bei der Zwangspause lautet: eher länger. Von den elf Stunden, die die Bayern in der Vorbereitung an Testspielen absolviert haben, stand er gerade mal zehn Minuten auf dem Platz. Als sich die Weltmeister letzte Woche zu einer Sonder-Laufeinheit am freien Tag verabredeten, fehlte er als Einziger. Guardiola: „Bastian macht momentan gar nichts.“

Man hat sich inzwischen fast ein wenig daran gewöhnt, dass der 30-Jährige die Vorbereitung gar nicht oder zumindest nicht im Vollbesitz seiner Kräfte absolviert. Das bedeutet aber keineswegs, dass das als harmlos bewertet wird. In dieser Saison werden die Bayern körperlich an ihre Grenzen gehen müssen, zusätzlich belastet den Kader eine stattliche Anzahl an angeschlagenen oder verletzten Schlüsselspielern. Javi Martinez hat es mit einem Kreuzbandriss am schlimmsten erwischt, dazu fehlt Thiago noch auf unbestimmte Zeit, und Franck Ribery wie Arjen Robben laborieren an Beschwerden.

Wer könnte Schweinsteiger ersetzen, da Thiago und Martinez als Alternativen ausfallen? Dietmar Hamann wiegt den Kopf hin und her: „In ganz Europa kriegst du keinen Ersatz.“ Für den Sky-Experten ist es ein Fehler, Toni Kroos an Real Madrid weitergereicht zu haben: „Er war der natürlichste Ersatz für Bastian, der das Herzstück der Bayern ist.“ Die 25 Millionen, die der Meister von den Spaniern kassiert habe, „hätte man anders verteilen sollen: Kroos wollte in die Gehaltsklasse von Ribery und Robben, das hätte er verdient gehabt. Ich denke nicht, dass er unbedingt weg wollte.“

Kroos weg, viele Verletzte, Sorgen um Schweinsteiger: Das WM-Finale wird die Erinnerungen sicher auf ewig mit den kämpferischen Szenen Schweinsteigers füttern, er hat sich als Held etabliert – bei Bayern stellt sich aber die Frage: Zu welchem Preis?

Andreas Werner

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