Ehemalige Teamkollegen

Ex-Bayer Ismaël im Interview: „So etwas hat der Willy nicht verdient!“

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Valerien Ismaël und Willy Sagnol bei der Meisterfeier 2006.

Valerien Ismael, früher FC Bayern, spricht im Interview über Frankreichs neues Wir-Gefühl, Spieler für den Louvre, Riberys Karriere, Comans Chancen, Tolissos Qualitäten und Asterix.

Köln – Der Franzose Valerien Ismael spielte von 2002 bis 2009 in der Bundesliga, zwei Jahre für den FC Bayern. Der 42-Jährige ist mit dem deutschen und dem französischen Fußball bestens vertraut. Nach seiner Karriere coachte er Hannover, Nürnberg und Wolfsburg. Im Interview erklärt er, warum seine Landsleute wieder auf dem Weg zur „Grande Nation“ sind.

Herr Ismael, wie ist Frankreichs Nationalteam aktuell einzuschätzen?

Ismaël: Frankreich hat seit zwei, drei Jahren eine neue Generation entdeckt, die individuell sehr stark ist. Bei der EM hat man das schon gesehen, und danach stießen erst Top-Talente wie Kylian Mbappé und Ousmane Dembele noch dazu. Gerade in der Offensive ist das Potenzial enorm. Was fehlt, ist die Konstanz. In der WM-Quali schlug man Holland 4:0, dann gab es aber auch zuhause ein 0:0 gegen Luxemburg. Wenn diese jungen Spieler Konstanz in ihre Leistungen bringen, kann Frankreich jeden schlagen.

Wächst da eine Generation heran, die es mit der großen der Jahrtausendwende aufnehmen kann?

Ismaël: Ja, da kommt ein Frankreich, das eine neue Ära prägen kann. Nur auf der Torwartposition fehlt es an Nachwuchs, ansonsten sind alle Positionen, von der Abwehr über das Mittelfeld bis in die Offensive mit starken Talenten besetzt.

Zählt Frankreich auch schon zu den Titelanwärtern bei der WM in Russland im nächsten Jahr?

Ismaël: Es ist noch ein bisschen zu früh, um die Favoriten zu benennen. Deutschland ist natürlich der Top-Anwärter, auch Brasilien sehe ich stark, ebenso Argentinien und England. Frankreich gehört zum Kandidatenkreis. Es kommt auch darauf an, wie sich die Spieler entwickeln. Jetzt gegen Deutschland werden noch viele fehlen: Dembele ist verletzt, Paul Pogba ist nicht dabei, auch Dimitri Payet und Thomas Lemar. Sind alle fit, wird Frankreich auch in Russland extrem gefährlich.

Starke Spieler hatte Frankreich schon immer. Bei früheren Turnieren zerfleischte man sich selbst.

Ismaël: Das ist vorbei. Trainer Didier Deschamps achtet sehr genau darauf, dass die Charaktere passen. Da herrscht ein neues Wir-Gefühl. Er hat auch ein paar unpopuläre Entscheidungen für die Harmonie, zum Wohle der Mannschaft getroffen; zum Beispiel bei Karim Benzema. Die Mannschaft steht über allem. Des-champs will nicht, dass das gemeinsame Projekt durch Einzelne gefährdet wird.

Alles schwärmt von Mbappé – wie gut wird er?

Ismaël: Mit seinen 18 Jahren ist er schon sehr, sehr weit in seiner Entwicklung. Ein Phänomen, er wirkt sehr, sehr reif, nicht nur diese Saison bei Paris, sondern schon letztes Jahr in Monaco. Er ist immer gefährlich, torgefährlich, extrem schnell, hat eine sensationelle Technik und hervorragende Übersicht. Man kann ihn vorne spielen lassen, auf den Flügeln und hinter der Spitze. Wenn er Titel gewinnt, kann er das Niveau von Cristiano Ronaldo und Lionel Messi erreichen. Er hat diese Aura des Außergewöhnlichen.

Ein Spieler wie ein Gemälde für den Louvre?

Ismaël: (lächelt) Ja, kann man so sagen. Seine Anlagen sind wirklich bemerkenswert. Nach der Saison wissen wir endgültig, wohin seine Reise geht.

Wer hat denn nun die besseren Talente: Deutschland oder Frankreich?

Ismaël: Die Deutschen leisten nun seit Jahrzehnten hervorragende Ausbildungsarbeit. Früher war Frankreich da das Vorbild, aber man hat den Weg zwischenzeitlich verloren. Beide haben heute ein unglaubliches Reservoir an aufstrebenden Spielern. Aber auch England gefiel mir zum Beispiel am Freitag gegen Deutschland gut. Die Art, wie die Briten jetzt spielen, überrascht uns alle. Es ist erstaunlich, wie sie jetzt den Ball laufen lassen – das kannten wir so von ihnen nicht. In den nächsten Jahren werden die internationalen Duelle sehr interessant, weil viele Nationen sehr gut arbeiten.

Wie ist Bayerns Kingsley Coman zu bewerten?

Ismaël: Er hat momentan bei den Bayern und in der Nationalelf die Chance zu spielen. Für Frankreich hat er bisher nicht die Leistungen gebracht wie in München. Er tut sich noch schwer und muss nun schnell zu Konstanz finden, weil die Konkurrenz gewaltig ist. Momentan hat er die Nase vorn, aber er muss im Nationalteam an seine Leistungen von Bayern anknüpfen. Er hat sehr gute Anlagen und kann ein Spiel entscheiden. In München merkt man ihm an, dass er Selbstvertrauen hat, weil Jupp Heynckes ihm vertraut. Jedes Spiel hilft ihm. Er muss in den nächsten zwei, drei Monaten den Durchbruch endgültig schaffen.

Wie steht es um den zweiten Münchner, Corentin Tolisso?

Ismaël: Seine Konkurrenz ist im Nationalteam mit Pogba und Kante enorm. Aber er hat schon gezeigt, dass er die Qualität hat – für Bayern und für Frankreich. Auch er muss noch konstanter werden. In den Kader für die WM gehört er auf jeden Fall. Deschamps weiß, dass er sich auf ihn verlassen kann. Er ist noch jung – einer für die Zukunft.

Wenn Sie die deutsche Nationalelf betrachten – aus Sicht des früheren Innenverteidigers: Sind Mats Hummels und Jerome Boateng das beste zentrale Duo der Welt?

Ismaël: Wenn Boateng seine Form der Vorjahre findet, sind die beiden die Besten der Welt, ja. Hummels spielt seit Monaten auf extremem Niveau.

Was denken Sie über Franck Riberys Zukunft?

Ismaël: Entscheidend wird sein, wie er nach seiner Verletzung zurückkommt. Zuletzt hat er nicht mehr so überzeugt wie Arjen Robben. Ihm merkt man das Alter mehr an; Robben macht den Unterschied mehr aus. Die Bayern müssen sich fragen, ob sie Coman das Erbe schon jetzt zutrauen, oder ob sie noch ein Übergangsjahr mit Ribery machen wollen. Ich denke, es wird im Sommer Schluss sein.

Ist Ribery der beste Franzose der letzten zehn Jahre gewesen?

Ismaël: Er hätte es werden können, er hatte das Potenzial, um einer wie Ronaldo oder Messi zu sein oder früher wie Zinedine Zidane. Aber dafür fehlen ihm die ganz großen Erfolge, zum Beispiel mit der Nationalelf. Hätte er für Frankreich gespielt wie für Bayern, hätte er eine noch größere Karriere haben können. So hat er den Sprung nach ganz oben nicht geschafft, da bleibt ein kleiner Beigeschmack am Ende seiner dennoch großen Karriere.

Willy Sagnol wurde im Sommer als Co-Trainer nach München geholt, nun ist er in der Versenkung verschwunden.

Ismaël: Das wundert mich schon. Ich kenne Willy und weiß, dass er gerne nach München wollte. Jetzt scheint nach drei Monaten schon wieder alles vorbei zu sein, das ist ein Schock. Zumal die Art und Weise untypisch und unschön ist bei Bayern – normalerweise lassen sie einen verdienten Spieler nicht so fallen. Bei anderen Vereinen passiert so etwas mal, im Chaos. Aber nicht in München. Willy hat sehr viel für Bayern geleistet, wie Oliver Kahn, Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm und viele andere – ich würde mir wünschen, dass es da noch eine gute Lösung für ihn gibt.

Sie haben einst mal bei „Asterix bei den Olympischen Spielen“ die Figur des Numerodix synchronisiert – wie kam es dazu?

Ismaël: Das war lustig. Ich spielte damals bei Bayern. Die Figur war das Gesicht von Zidane, es ist für mich also kurios, sein Gesicht zu sehen und meine Stimme zu hören. Ich dachte, das dauert ein paar Minuten, zwei, drei Sätze, das war’s. Aber es war wie ein richtiger Job.

Wer braucht mehr Zaubertrank für die Champions League – Bayern oder Paris St. Germain?

Ismaël: Zum jetzigen Zeitpunkt habe ich das Gefühl, Paris hat mehr Chancen. Sie sind bis jetzt wie Manchester City durch die Gruppenphase geflogen. Bayern hat sich gequält. Aber Bayern ist mit Heynckes wieder stabiler, hat sich erholt. Das Rückspiel wird jetzt sehr wichtig, um die Dinge wieder geradezubiegen, um zu zeigen, Paris war im Hinspiel beim 0:3 ein Ausrutscher und um selbst wieder das Gefühl zu bekommen: „Wir können die Champions League gewinnen!“

Wie steht es um Ihre persönliche Zukunft?

Ismaël: Ich warte auf neue Angebote, aus Deutschland und dem Ausland. Ich möchte wieder als Trainer einsteigen und bin jederzeit bereit.

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