Ex-Löwe Steinhart: "Die Anfeindungen pushen mich"

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Trikot-Tausch: Die ehemaligen 1860-Spieler Kodjovi Koussou (li.) und Phillipp Steinhart sind gut befreundet. Wegen ihres Wechsels wurden sie von manchen Löwen-Fans angefeindet.

München - Nachdem ihre Verträge beim TSV 1860 nicht verlängert wurden, wechselten Phillipp Steinhart und Kodjovi Koussou, beide 22, im vergangenen Sommer zur Regionalliga-Elf des FC Bayern. Zuvor waren beide zehn Jahre lang gemeinsam bei den Löwen ausgebildet worden.

Am Ostermontag bestreiten sie nun zum zweiten Mal ein Derby im roten Trikot. Das Hinspiel konnten die beiden Abwehrspieler gegen ihre ehemaligen Teamkollegen bereits mit 3:1 gewinnen. Im Interview sprechen sie über Anfeindungen einiger Löwen-Fans und ihre Eindrücke beim FC Bayern.

Sie kennen jetzt beide Vereine. Wie macht es sich auf dem Platz bemerkbar, ob man mit dem TSV 1860 oder dem FC Bayern aufläuft?

Steinhart: Man merkt einfach in jedem Spiel, dass es für den Gegner das Spiel des Jahres ist. Noch mehr als bei Sechzig. Die meisten stellen sich gegen uns hinten rein.

Koussou: In jedem Zweikampf merkt man das. Das ist noch extremer als bei Sechzig.

Was sind im Alltag, in der Trainingsarbeit, die größten Unterschiede zwischen den Klubs?

Steinhart: Die Bedingungen sind hier schon noch mal eine andere Klasse. Bei der Trainingsarbeit ist da aber nicht mehr der große Unterschied, weil bei beiden Vereinen sehr professionell gearbeitet wird. Alle Trainer sind top ausgebildet.

Der TSV 1860 wird in der Öffentlichkeit als chaotischer, aber familiärer Verein wahrgenommen. Der FC Bayern dagegen ist eine Weltmarke. Wie wirkt sich das im Innenleben der Klubs aus?

Steinhart: Wir wurden hier gut aufgenommen und fühlen uns mittlerweile total wohl. Wenn man mal drin ist, dann ist es auch beim FC Bayern sehr familiär.

Koussou: Zudem sind wir als Team im Laufe der Saison zusammengewachsen. Vor allem jetzt im Winter durch die lange Vorbereitung und die vielen Testspiele.

Sie waren beide viele Jahre bei den Löwen. Welche Kontakte pflegen sie heute noch?

Koussou: Mit den Spielern, mit denen ich lange zusammengespielt habe, stehe ich zum Teil heute noch in Kontakt. Etwa zu Ivan Knezevic, der jetzt in Nürnberg ist, oder zu Moritz Leitner in Stuttgart. Mit vielen anderen schreibt man sich schon auch noch.

Steinhart: Auch ich bin mit den selben Spielern heute noch befreundet. Da spielt es keine Rolle, dass der eine bei Bayern und der andere bei Sechzig spielt.

Koussou über den Wechsel: "Heftig war der Facebook-Shitstorm"

Sie sind beide Jahrgang 1992, seit wann kennen Sie sich und wie hat sich ihr Verhältnis zueinander seither verändert?

Koussou: Wir kennen uns, seit wir elf, zwölf sind. Seitdem verstehen wir uns immer gut. Wir hatten eine gute gemeinsame Zeit bei Sechzig, jetzt bei Bayern. Außerdem haben wir den gleichen Freundeskreis.

Steinhart: Natürlich gibt es da auch immer Ausnahmen. Wir unternehmen aber schon viel zusammen, es ist eine Clique.

Wie hat man sich die Woche vor dem Derby vorzustellen? Ist die Anspannung größer als normal, nimmt man noch mal Kontakt auf zu ehemaligen Mitspielern?

Steinhart: Im Großen und Ganzen ist da dann nicht mehr allzu viel Kontakt. Ich will ja auch nicht, dass mich ehemalige Mitspieler ausquetschen. Da konzentriert sich jeder auf seine Mannschaft. Keine Frage: Das ist ein sehr wichtiges Prestigeduell, es ist ein besonderes Spiel, gerade für uns beide. Im Kopf bereitet man sich schon ein paar Tage vorher darauf vor. Wir kennen das ja alles schon, das Kribbeln kommt meistens am Tag davor.

Koussou: Bemerkbar macht es sich bei mir meistens in der Woche vor dem Derby. Da bekomme ich zig Nachrichten, ob ich noch Karten klarmachen kann. Ein, zwei Tage vor dem Derby kommt auch ein bisschen Nervosität auf. Sobald du aber auf dem Platz stehst, merkst du davon nichts mehr, da schaltest du komplett ab und hast den Tunnelblick. Da registrierst du nur noch deine Mitspieler, die Gegenspieler und vielleicht noch den Trainer.

Wie gehen Sie mit den Anfeindungen von Teilen der Löwenfans um?

Steinhart: Auf dem Platz pusht es einen nur noch zusätzlich, wenn man von den Fans ausgebuht wird. Wenn der Schiri das Spiel anpfeift, zählen eh nur noch die drei Punkte und es gibt keine Freundschaften mehr. Viele haben uns Vorwürfe gemacht, dass wir zu Bayern gehen, obwohl uns die Verträge nicht verlängert wurden. Mal anders herum zu denken, auf diese Idee ist keiner gekommen. Wir müssen uns dafür nicht rechtfertigen.

Koussou: Heftig war allerdings der Facebook-Shitstorm, dem ich zu Beginn ausgesetzt war. Die ersten zwei, drei Tage waren schon hart. Da dachte ich mir: Hey, das ist meine Entscheidung, ich muss auf meine Karriere schauen. Am Anfang habe ich versucht, es zu ignorieren. Als es dann aber privat wurde, habe ich selber einige Kommentare geschrieben. Da hat sich der ein oder andere dann sogar entschuldigt, nachdem er gemerkt hat, dass er eine Linie überschritten hat.

Steinhart: "Die Löwen werden mehr als hundert Prozent geben"

Worauf wird es im Derby ankommen?

Steinhart: Das wichtigste ist, dass man die richtige Einstellung zum Spiel findet, weil die Löwen mehr als hundert Prozent geben werden. Da reichen bei uns dann auch keine hundert Prozent. Du musst in jedem Zweikampf richtig dagegenhalten.

Hat nur der Derby-Sieger die Chance, vielleicht doch noch Würzburg abfangen zu können?

Koussou: Es gibt in diesem Derby nur das Ziel drei Punkte oder gar nichts. Bei einem Unentschieden wären beide Seiten unzufrieden, auch die Fans. Unser Ziel ist ganz klar, noch mal an Würzburg ranzukommen und sie vielleicht sogar noch vom Thron zu stoßen.

Ihre beiden Verträge laufen Ende Juni aus. Wie ist aktuell der Stand der Dinge?

Koussou: Man ist in Gesprächen mit mehreren Vereinen, alles andere wird sich ergeben. Ich mache mir da jetzt keinen Druck, noch habe ich zwei Monate Zeit, um mich zu zeigen. Das wichtigste ist ohnehin, dass wir eine stabile, konstante Rückrunde spielen und wir für die Mannschaft da sind. Klar ist aber, dass wir nächste Saison höher als Regionalliga spielen wollen.

Was empfinden Sie, wenn bei 1860 ehemalige Mitspieler wie Wolf, Mulic, Vollmann oder Wittek nun in der zweiten Liga kicken, Sie aber dort nicht mehr gebraucht wurden?

Koussou: Wir wünschen den Jungs einfach nur das Beste. Glückwunsch, bei uns sollte es einfach nicht sein. Man weiß ja eh nie, wie es dann gelaufen wäre.

Welche Erfahrungen sind bislang die wertvollsten nach dem Wechsel?

Steinhart: Man lernt etwas anderes kennen, einen Weltverein. Auch unser Trainer (Erik ten Hag, die Red.) hat uns technisch-taktisch schon noch mal weitergebracht. Für uns persönlich war das natürlich auch ein großer Schritt. Wir wussten, dass Anfeindungen kommen werden. Damit umzugehen, hat uns auch ein Stück vorangebracht.

Koussou: Es ist eine andere Mentalität. Hier musst du immer gewinnen, immer oben sein, immer Top-Leistung bringen.

Das Interview führte Matthias Horner.

Quelle: fussball-vorort.de

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