FC Bayern NLZ eröffnet

Experte warnt vor Nachwuchszentren: „Die Chance liegt unter 1 Promille“

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Das neue FC Bayern Jugendleistungszentrum an der Ingolstädter Straße.

Professor Dr. Arne Güllich von der TU Kaiserslautern begann 2009, sich wissenschaftlich mit Nachwuchsleistungszentren (NLZs) zu beschäftigten, und stellte schnell fest: Es gibt ein Problem.

Professor Dr. Arne Güllich beschäftigt sich wissenschaftlich mit Nachwuchsleistungszentren (NLZs). Warum er der Meinung ist, das diese ein Problem sind, hat er uns im Interview erklärt.

Herr Güllich, worin liegt der Sinn eines NLZs?

Güllich: Die Idee ist, dass Talente frühzeitig gesichtet und rekrutiert werden, mit dem Ziel, sie langfristig zum Profi aufzubauen.

Wo ist das Problem?

Arne Güllich, Professor der TU Kaiserslautern.

Güllich: Die Auffrischungsquote ist sehr hoch, also die Anzahl der Spieler, die jedes Jahr ausscheiden, und derjenigen, die neu aufgenommen werden. Sie liegt in jedem Jahrgang bei rund 25 Prozent. Das bedeutet: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein junger Spieler schon nach drei Jahren überhaupt noch dabei ist, liegt unter 50 Prozent, nach fünf Jahren sind es noch etwa 25 Prozent. Wenn ein Spieler in der U10 anfängt, ist die Wahrscheinlichkeit, später Profi in der Ersten Bundesliga zu werden, kleiner als ein Promille.

Der FC Bayern hofft, wieder mehr Lahms und Müllers zu entdecken, ist das realistisch? Güllich: Das Problem ist, dass das System eher ein Selektions- und Deselektionssystem ist. Zudem gibt es keinen wissenschaftlichen Nachweis, dass sehr frühzeitige Förderung langfristig bessere Athleten entwickelt. Ein Beispiel: Je früher Fußballer in U-Nationalmannschaften gespielt haben, desto eher spielen sie später in der Dritten Liga oder darunter. Je später sie berufen wurden, desto mehr spielen in der Ersten Liga und A-Nationalmannschaft. Selbst bei 16- oder 17-jährigen Jahrhunderttalenten kann man nicht wissen, wie sie sich noch entwickeln.

„Eine kindgerechte Entwicklung ist sehr schwierig“

Was ist noch auffällig?

Güllich: Es gibt einen starken Relative-Age-Effekt. Diejenigen, die im ersten Quartal des Jahres geboren wurden, sind in den Mannschaften überrepräsentiert. Die Quote liegt teilweise bei über 50 Prozent. Größere und schwerere Spieler werden bevorzugt, obwohl das später keinen Unterschied mehr macht, da sind andere Faktoren entscheidend. Wenn man will, dass sein Kind ins NLZ kommt, scheint ein gutes Timing in der Familienplanung wichtig (lacht).

So sieht der neue FC Bayern Campus von innen aus

FC Bayern
Das neue Nachwuchsleistungszentrum des FC Bayern an der Ingolstädter Straße. © MIS
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Das neue Nachwuchsleistungszentrum des FC Bayern an der Ingolstädter Straße. © MIS
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Das neue Nachwuchsleistungszentrum des FC Bayern an der Ingolstädter Straße. © MIS
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Das neue Nachwuchsleistungszentrum des FC Bayern an der Ingolstädter Straße. © MIS
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Das neue Nachwuchsleistungszentrum des FC Bayern an der Ingolstädter Straße. © MIS
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Das neue Nachwuchsleistungszentrum des FC Bayern an der Ingolstädter Straße. © MIS
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Das neue Nachwuchsleistungszentrum des FC Bayern an der Ingolstädter Straße. © MIS
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Das neue Nachwuchsleistungszentrum des FC Bayern an der Ingolstädter Straße. © MIS
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Das neue Nachwuchsleistungszentrum des FC Bayern an der Ingolstädter Straße. © MIS
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Das neue Nachwuchsleistungszentrum des FC Bayern an der Ingolstädter Straße. © MIS
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Das neue Nachwuchsleistungszentrum des FC Bayern an der Ingolstädter Straße. © MIS
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Das neue Nachwuchsleistungszentrum des FC Bayern an der Ingolstädter Straße. © MIS
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Das neue Nachwuchsleistungszentrum des FC Bayern an der Ingolstädter Straße. © MIS
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Das neue Nachwuchsleistungszentrum des FC Bayern an der Ingolstädter Straße. © MIS

Was erwarten Sie von den Vereinen?

Güllich: Für sie ist das in erster Linie ein Ausprobiersystem, sie agieren im globalen Markt und hoffen, mit etwas Glück doch einmal die eine Perle zu finden. Ehrlich wäre, den jungen Spielern und ihren Eltern klarzumachen, dass nicht jeder zum Profi entwickelt wird – tatsächlich weniger als jeder Tausendste. Die Kosten sind für die Vereine relativ gering, die großen Kosten tragen die jungen Spieler. Sie gehen von zu Hause weg, verlassen ihre Kameraden in der Heimmannschaft, den Freundeskreis, und ihr Alltag besteht oft nur aus Schlafen, Schule, Essen und Fußball. Eine kindgerechte Entwicklung ist da schwierig.

Wenn es Untersuchungen mit diesen Ergebnissen gibt, warum beschließt der DFB nicht, dass eine Förderung beispielsweise erst mit der U15 beginnt?

Güllich: Theoretisch wäre das denkbar und würde vielleicht auch Sinn machen. Die Kräfte des Marktes sind aber sehr mächtig. Man könnte vielleicht einen Einzugsradius festlegen, zum Beispiel erst 50, später 100 Kilometer. Aber wer legt dann fest, was genau eine NLZ-Förderung ist, und wer kontrolliert das? Außerdem, ich bin mir sicher, dass dann sehr viele Zweitwohnsitze aus dem Boden sprießen würden. Sie merken, alles in allem bin ich anicht sonderlich hoffnungsfroh. Auf alle Fälle sind noch einige dicke Bretter zu bohren.

FCB-Campus im Vergleich

Acht Sportplätze mit Platz für 14 Mannschaften, eine Sporthalle und ein Stadion für 2500 Zuschauer – all das umfast die neue Nachwuchsakademie des FC Bayern München, die auf einem 30 Hektar großen Gelände an der Ingolstädter Straße entstanden ist. Das Ziel ist klar: Der FCB will die Stars von morgen selbst ausbilden und nicht nur einkaufen. Wie gut das neue Nachwuchsjuwel im Vergleich zu anderen Topklubs ausgestattet ist, zeigt der Vergleich mit RB Leipzig, Manchester City, Barcelona und Ajax Amsterdam. In manchen Punkten liegt der FC Bayern vorne, in anderen nicht.

RB Leipzig: Alles, was das Herz begehrt

Für 33 Millionen Euro eröffnete der Ost-Klub 2015 seine Talentschmiede. Auf sechs Hektar stehen sechs Fußballfelder, die Gebäude bieten auf einer Fläche von fast 14 000 Quadratmetern alles, was das Fußballerherz begehrt. 48 Nachwuchskicker leben auf dem Gelände, auch die Bundesliga-Profis haben ein eigenes Zimmer. Neben zahlreichen Pools und drei Saunen gibt es im RB-Komplex ein Stadion für 1000 Zuschauer. Pikant: In der Kabine der Profis hängt ein Kartenlesegerät. Dort müssen die Fußballer einmal im Monat ihren Führerschein scannen, um „Schwarzfahrer“ zu verhindern.

Ajax Amsterdam: Der Ursprung der Jugendförderung

In den Niederlanden liegt der Ursprung der professionellen Nachwuchsförderung. Bereits seit 1996 ist die Ajax-Akademie (Spitzname: De Toekomst, dt.: die Zukunft) in Betrieb. Auf 14 Hektar sind acht Fußballplätze und eine Halle zu finden. Zudem: ein Stadion für 2000 Zuschauer. Spieler wie Clarence Seedorf, Dennis Bergkamp und Edwin van der Sar durchliefen die Ajax-Schule. Gespielt wird fast durchgängig im 4-3-3-System. Heute schufften rund 220 Spieler in 13 Teams für den Traum vom Fußball-Profi. Besonderer Anreiz: Es wird in Sichtweite der Amsterdam-Arena trainiert. Seit September 2015 gibt es auf dem Gelände eine eigene Schule. Dort werden die 7- bis 19-jährigen Talente unterrichtet. Der Ursprung der Jugend-Förderung 250 000 Euro für 720 000 Quadratmeter 

Manchester City: 250.000.000 Euro für 720.000 Quadratmeter

Der Scheich macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt! 250 Millionen Euro blätterte City für das Trainingszentrum hin. Dafür bekommt man: 16 Plätze mit unterschiedlichen Graslängen, ein 7000-Zuschauer-Stadion, Vier-Sterne-Schlafräume - auf insgesamt 720 000 Quadratmetern. Bis zu 500 Talente arbeiten seit Dezember 2014 daran, den Sprung ins Premier-League-Team von Pep -Guardiola zu schaffen. Bisher aber erfolglos! City gab im Sommer rund 250 Millionen Euro für externe Neuzugänge aus. Chancen für den Nachwuchs? Fehlanzeige! 

FC Barcelona: Platz nach Umzug 

Von der Ajax-Schule inspiriert, fördern die Katalanen seit 1979 in La Masia den Nachwuchs. Unter anderem schafften Lionel Messi und Xavi den Sprung zu den Profis. Einst in einem Landhaus auf 600 Quadratmetern untergebracht, zogen die Barca-Talente 2011 in den neuen Komplex um. Jetzt stehen den 83 Spielern 6000 Quadratmeter auf fünf Stockwerken zur Verfügung. Die neue Masia hat den Klub rund neun Millionen Euro gekostet. Besonderheit: Gelehrt wird das Kurzpasspiel „Tiki-taka“. Bis zum 16. Lebensjahr soll kein Krafttraining gemacht werden.

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