Sportdirektor im tz-Interview

Gladbachs Eberl: "Wir werden wohl verlieren"

+
Gladbachs Sportdirektor Max Eberl spielte in der Jugend beim FC Bayern.

München - Gladbachs Sportdirektor Max Eberl stapelt vor dem Duell gegen die Bayern tief. Trotzdem erstarrt er nicht in Ehrfurcht - das große tz-Interview

Vorhang auf zum neuen Topspiel der Bundesliga! Borussia Dortmund war einmal, heuer ist die Borussia aus Mönchengladbach Bayerns Verfolger Nummer eins. Am Sonntag (17.30 Uhr, Sky) trifft der FCB im Borussia-Park auf die ungeschlagenen Rheinländer, die gerade mal vier Zähler hinter den Münchnern auf Platz zwei liegen. Eine Portion Selbstvertrauen gab’s durch das 5:0 gegen Limassol obendrauf. Schuld daran, dass die Borussia nach Jahren des Abstiegskampfs endlich wieder oben angekommen ist, hat neben Trainer Lucien Favre auch Sportdirektor Max Eberl. Der 41-Jährige hat die Fohlen mit einer klugen Transferpolitik auf Erfolgskurs gebracht. Das große tz-Interview.

Herr Eberl, wir gehen davon aus, dass Sie am Fernseher Zeuge der Bayern-Gala in Rom gewesen sind – haben Sie jetzt Angst?

Eberl: Nein. Das Spiel gegen Rom war nur eine Bestätigung dafür, dass der FC Bayern eben zu den besten Mannschaften der Welt zählt. Irgendwann würden die Bayern wieder richtig in Fahrt kommen, das war doch klar. Dass es so schnell gegangen ist, überrascht vielleicht den einen oder anderen. Aber wenn ein Klub das schafft, dann der FC Bayern München.

Auch Bremen war mit 6:0 unter die Räder gekommen…

Eberl: Ich hoffe und gehe auch mal davon aus, dass unsere Spieler nicht in Ehrfurcht erstarren. Man muss davon ausgehen, dass wir wohl verlieren werden, wenn das Bayern-Team eine Top-Leistung auf den Platz bringt. Aber wenn andersherum wir eine richtige gute Leistung zeigen, können wir dem FC Bayern die Sache mindestens sehr schwer machen.

Als Sie vor sechs Jahren Sportdirektor bei Gladbach wurden, war von der Europa- oder gar Champions League noch nicht die Rede. Es ging um den Klassenerhalt.

Eberl: Ich bin seit 16 Jahren im Verein und wusste, dass ein langer Weg vor uns liegen würde. Der Fast-Abstieg in der Saison 2010/20111 wirkte dann nochmals wie ein reinigendes Gewitter. Es sind damals einige gute Entscheidungen getroffen worden, zum Beispiel die Verpflichtungen von Dante, Reus, Stranzl und Hanke.

"Wir waren uns sicher, dass Favre der richtige Mann ist"

Und die von Lucien Favre, der für Michael Frontzeck in der Rückrunde kam. Ein Glücksfall.

Eberl: Dabei wurde die Verpflichtung in der Öffentlichkeit skeptisch gesehen. Warum ein Strategietrainer, die brauchen einen Feuerwehrmann? In den Vereinsgremien gab es keine Diskussionen. Favre war zwar seit eineinhalb Jahren arbeitslos gewesen. Trotzdem waren wir uns sicher, dass er sowohl der richtige Mann ist, um den Klassenerhalt zu schaffen als auch für die Zeit danach, wenn es darum gehen würde, eine Mannschaft mit jungen Spielern aufzubauen. Favre passt zu Gladbach und Gladbach passt zu Favre, weil er mit jungen, hungrigen Spielern arbeiten will.

Auch bei den Spielertransfers haben Sie häufig ein glückliches Händchen bewiesen. Es heißt, Sie würden dafür akribisch Informationen sammeln.

Eberl: Das ist sehr wichtig, um abschätzen zu können, ob ein Spieler wirklich zum Verein passt oder nicht. Dafür braucht man vor allem ein funktionierendes Netzwerk mit Menschen, von denen man gute, vertrauliche Informationen bekommen kann. Es geht aber nicht nur darum, bei einer Verpflichtung als Sportdirektor selbst ein gutes Gefühl zu haben, das muss auch der Spieler haben. Man muss ihn von einem Verein überzeugen.

Das Wissen um Ausstiegsklauseln in den Verträgen ist auch von Vorteil, wenn es darum geht, interessante Spieler für verhältnismäßig wenig Geld zu bekommen – wie die Beispiele André Hahn und Max Kruse zeigen…

Eberl: Auch das gehört zur Informationssuche. Ich wusste beispielsweise, dass Max Kruse in seinem Vertrag mit St. Pauli eine Ausstiegsklausel stehen hatte. Da lag der Schluss nahe, dass so etwas auch im Vertrag mit Freiburg stehen würde. Aber Sie können davon ausgehen, dass ich die Spieler nicht nach Ausstiegsklauseln aussuche.

Spielt auch das Bauchgefühl eine Rolle?

Eberl: Ja, schon auch. Ich weiß noch, wie mich Hans Meyer vor der Verpflichtung von Marco Reus gefragt hat: Max, meinst du nicht, dass 800.000 Euro für einen Zweitliga-Spieler, der gerade mal drei Tore geschossen hat, nicht ein bisschen viel Geld ist? Wenn ein Hans Meyer so etwas sagt, könnte man schon unsicher werden. Aber ich war von Marco total überzeugt. Mein Gefühl hat mir gesagt, dass wir hier Potenzial kaufen, auch wenn 800.000 Euro damals für Gladbach wirklich sehr viel Geld waren.

Später spülte der Reus-Transfer 17,5 Millionen Euro in die Gladbacher Kasse. Sie bekommen Lob von allen Seiten, zuletzt von Rudi Völler. Der hat Sie als angenehmen, pfiffigen und kompetenten Gesprächspartner bezeichnet.

Eberl: Aus so einem Munde hört man das natürlich besonders gerne.

Herr Eberl, Sie sind anfangs von vielen Leuten unterschätzt worden. Berti Vogts meinte anlässlich Ihrer Ernennung zum Sportdirektor: „Er ist wahrscheinlich zufällig mit dem Fahrrad vorbeigefahren.“

Eberl: Das ist Schnee von gestern. Der Zwist zwischen uns beiden ist längst aus der Welt geschafft. Berti Vogts hat die Aussage ja schon mehrmals relativiert. Wir verstehen uns inzwischen gut. Das Zitat ist halt ein Teil meiner Geschichte.

Wie würden Sie sich selbst beschreiben?

Eberl: Als bodenständig und offen. Gleichzeitig bin ich ein Kämpfer, ein Rotschopf von Natur. Dieser Kampfgeist hat mich schon als Spieler ausgezeichnet. Ich war sicher kein Filigrantechniker, habe es aber immerhin auf 250 Pflichtspiele in der Bundesliga und 2. Liga gebracht.

Ohne einen einzigen Treffer erzielt zu haben.

Eberl (lacht): Ist doch wunderbar. Das macht mich in gewisser Weise einzigartig, sonst wäre ich einer von vielen.

Die prominentesten Wechsel von Gladbach zu den Bayern

Die prominentesten Wechsel von Gladbach zu den Bayern

Warum sind Sie nach Karriereende nicht Trainer, sondern Sportdirektor geworden?

Eberl: Trainer war nie ein Thema. Als ich mein Abitur gebaut habe, war mein Traum, entweder Fußballprofi zu werden oder im Management eines Profiklubs zu arbeiten. Jetzt habe ich beides erleben dürfen. Und das verdanke ich auch Uli Hoeneß, bei dem ich als Nachwuchsspieler des FC Bayern ein paar Mal im Büro sitzen durfte – als es um meine Verträge ging. Er ist mein großes Vorbild. Und ich durfte ihn immer wieder mal um seinen Rat bitten. Auch als das Angebot kam, bei Mönchengladbach Sportdirektor zu werden. Ich habe bei Uli Hoeneß angerufen und gefragt, ob er mir das zutraut.

Hat er anscheinend. Wie intensiv ist heute noch Ihr Kontakt zum FC Bayern?

Eberl (schmunzelt): Wegen Sinan Kurt zwischenzeitlich sehr intensiv… Ansonsten telefoniere ich öfter mal mit Hermann Gerland, mein Ziehvater.

Bleiben wir bei Sinan Kurt – ein hoffnungsvolles Talent, das die Borussia an den FC Bayern verloren hat. Ihm könnte es wie so vielen anderen Nachwuchsspielern gehen, die am Anfang Ihrer Karriere stehen und an diesem Punkt der FC Bayern doch noch zu groß ist…
Eberl:
Die Jungs müssen wissen, dass die Wahrscheinlichkeit, beim FC Bayern Bundesligaspieler zu werden, doch deutlich kleiner ist als beispielsweise in Gladbach. Aber es gibt ja auch die Beispiele Alaba, Hojbjerg oder Gaudino, der schon Einsätze bei den Profis hatte.
Der Wechsel zum FC Bayern kann eine Sackgasse sein.

Eberl: Oftmals schon. Denken Sie nur an Schlaudraff, Rau oder Baumjohann, der von Gladbach zu Bayern wechselte. Und auch Podolski hat es bei Bayern nicht wirklich geschafft. Andererseits heißt es auch: vom FC Bayern aus kommst du immer irgendwo unter – aber halt irgendwo. Ich denke, zum FC Bayern sollte man wechseln, wenn man es fast geschafft hat.

Interview: Roland Wiedemann

Auch interessant

Meistgelesen

Analyse: Darum bröckelt der Mythos Thomas Müller
Analyse: Darum bröckelt der Mythos Thomas Müller
Ticker: Bayern-U19 verliert dramatisches Elferschießen
Ticker: Bayern-U19 verliert dramatisches Elferschießen
Hummels hilft in Afrika: „Macht mich tief betroffen“
Hummels hilft in Afrika: „Macht mich tief betroffen“
Transfergerüchte und aktuelle News: Welche Spieler holt der FC Bayern München 2017?
Transfergerüchte und aktuelle News: Welche Spieler holt der FC Bayern München 2017?

Kommentare