Kommentar: Mia San Nimma Mia

Nicht mehr mein FC Bayern - wie ich vom Fan zur Ketzerin wurde

Fans in der Allianz Arena, in der unteren Ecke ein Foto der Autorin Carolin Huber
+
Mia san mia - mit dieser Mentalität kann sich unsere Autorin Carolin Huber nicht mehr identifizieren.

Unsere Autorin war früher großer Bayern-Fan. Heute fragt sie sich, wie sie das noch mit ihrem Gewissen vereinen sollte. Die Geschichte einer Entfremdung. 

München - Wissen Sie noch, was Sie am 19. Mai 2012 getan haben?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Bayern-Fans unter Ihnen gerade unwillkürlich gezuckt haben. Gottverdammtes Finale dahoam! Auch für mich keine schöne Erinnerung: Ich strandete nach Abpfiff heulend in einem Fastfood-Restaurant, den Kopf vergraben in den Händen mit den rot-weiß lackierten Fingernägeln.

Damals trug ich den Stern des Südens also noch in jeder Faser meines jugendlichen Herzens, litt verzweifelt mit meinem Lieblingsverein mit. Und ich hätte es als Gipfel der Schande betrachtet, mich jemals vom FC Bayern abzuwenden. Aber genau das habe ich getan: Zum Champions-League-Finale 2020 saß ich in meiner Wohnung, beschäftigt mit alltäglichem Krimskrams und zappte erst einige Minuten vor Ende der Begegnung in die Radio-Übertragung rein.

Irgendwann, in den Jahren, die auf das Drama 2012 und den dadurch noch größeren Glücksrausch 2013 folgten, ist meine Fan-Liebe verebbt. Was aus ihr geworden ist? Nun, das ist eine gute Frage.

Vom Vorzeige-Fan zur Schulterzuckerin – weil ich den Fußball so sehr liebte, dass ich näher an ihn herankommen wollte?

Vielleicht fing alles damit an, dass ich beschloss, meine Leidenschaft für den Fußball zum Beruf zu machen – eine Entscheidung, die ich heute übrigens nicht mehr ganz so leichtfertig treffen würde. Über Umwege landete ich bei einer Agentur, die die Social-Media-Accounts von Fußball-Profis betreut.

Klingt ja erstmal beneidenswert: Den Stars, die andere nur im Fernsehen sehen, Nachrichten schreiben und ihre Instagram-Accounts managen. Und ja, cool war es schon. Aber ehrlich gesagt hätte ich lieber all die schönen Illusionen zurück, die eine Reihe ernüchternder Einblicke hinter die schillernden Kulissen des Profi-Geschäfts zunichte gemacht haben.

Auch charakterlich habe ich mich in den letzten Jahren weiterentwickelt. Früher war es für mich selbstverständlich, immer die Beste in allem sein zu wollen. Heute weiß ich, dass dieser Perfektionismus meinem Glück oft im Wege gestanden hat. Drastisch formuliert: Ich habe das Mia-San-Mia-Gen verloren.

FC Bayern: Darf man unter moralischen Gesichtspunkten überhaupt noch Fan sein?

Doch selbst, wenn ich urplötzlich all meine Begeisterung für den Rekordmeister zurückbekäme, wüsste ich nicht mehr, wie ich es moralisch mit mir vereinen sollte, Fan dieses Vereins zu sein.

Seit ich 2014 mit feierlich trauervoller Miene #miasanuli in meinen Facebook-Status tippte und ein weinendes Emoji anfügte, hat sich mein Verhältnis zur Chef-Etage deutlich abgekühlt. Ich sehe eine sportliche Leitung, die gegenüber der Boulevardpresse großspurig von der Würde des Menschen schwafelt und die gesamte Truppe dann Jahr für Jahr ins Winter-Trainingslager nach Katar schickt. Da frage ich mich schon allein von Berufswegen her: Wo ist euer Bezug zur Realität geblieben?

Fansein hat etwas von Religion – und ich bin jetzt eine Ketzerin

Was auch immer den finalen Ausschlag dafür gegeben hat, dass mein Fan-Herz kalt geworden ist – sozial akzeptiert ist es auf keinen Fall. Fan, das ist man nicht einfach mal so ein paar Jahre lang. Man wird so geboren, man muss so sterben. Für eingefleischte Bayern-Fans bin ich jetzt eine Ketzerin.

Und dieses Gefühl – dass nicht der FC Bayern etwas falsch gemacht hat, sondern ich ihm einfach nicht treu genug gewesen bin – es geht nicht spurlos an mir vorbei. War ich einfach ein Erfolgsfan? Ging es mir nie wirklich um den Verein? Wollte ich einfach nur so verzweifelt dazu gehören, dass ich all das in den Fußball projiziert habe?

Wer weiß es schon.

Sag niemals nie - Ich träume insgeheim vom Fan-Comeback

Ich gestehe: All der harten Worte und moralischen Bedenken zum Trotz habe ich es bisher nicht geschafft, mich von meinen Bayern-Insignien zu trennen. Das riesige Bernie-Kuscheltier liegt noch in meinem Bett, diverse Trikots und Trainingsshirts pflastern meinen Schrank. Vielleicht steckt doch noch ein bisschen FCB-DNS in mir: Nie aufgeben, egal wie aussichtslos die Situation scheint.

Denn gibt es am Ende etwas Schöneres, als zu hoffen, zu bangen; Teil von etwas zu sein, das so viel größer ist als man selbst? Ich hoffe noch immer darauf, dass der Tag kommen wird, an dem ich mich wieder aus vollem Herzen mit meinem FC Bayern freuen kann. Oder zumindest um ihn weinen.

Auch interessant

Kommentare