Porto-Stürmer im Porträt

Quaresma: Von der "Goldenen Mülltonne" zum Bayern-Schreck

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Am Ball kann "Harry Potter" alles: Auf Ricardo Quaresma müssen die Bayern im Rückspiel besonders Acht geben.

München - Im Hinspiel schnürte Ricardo Quaresma einen Doppelpack zum 3:1-Sieg gegen den FC Bayern. Auch im Rückspiel liegen die Hoffnungen des FC Porto auf ihm. Dabei wollte der eigentlich gar kein Fußballer werden.

Vielleicht muss sich der FC Bayern einfach mal bei der Mutter beschweren. Die versagte ihrem Sohn nämlich, seinem liebsten Hobby nachzugehen. "Los, Sohnemann, jetzt pack endlich diesen blöden Hockeyschläger weg und geh raus zum Fußballspielen" - so oder so ähnlich lautete die Ansage von Mama Quaresma an ihren Sohn Ricardo. Der wollte als Jugendlicher nämlich viel lieber Hockeyspieler als Fußballprofi werden. "Zu der Zeit wollten alle an meiner Schule und in meiner Nachbarschaft Hockeyspieler werden. Ich denke, es war eine gute Sache, dass mir meine Mutter das damals nicht erlaubt hat", erinnert sich Ricardo Quaresma in einem Interview auf uefa.com an diese Zeit.

Quaresma ist wie Portwein - mit dem Alter immer besser

Dieser Quaresma war es nämlich, der vergangenen Mittwoch im Hinspiel des Champions-League-Viertelfinales für den FC Porto die Tür zum Halbfinale weit öffnete (das Rückspiel gibt's hier im Live-Ticker!). 3:1 lautete das Endergebnis gegen den FC Bayern - und Quaresma war der überragende Mann auf dem Platz mit zwei eigenen Treffern und einer Torvorlage.

Dabei hätten ihm die wenigsten eine solche Leistung noch zugetraut - Quaresma galt bereits als gescheitertes Supertalent. Die portugiesische Zeitung „Record“ verglich Quaresma nach dem Hinspiel gegen die Bayern mit einem Portwein – der wohl bekanntesten Spezialität aus der Stadt an der Mündung des Douro in den Atlantik. Der werde, wie Quaresma, auch mit zunehmenden Alter immer besser.

31 Jahre alt ist der Flügelstürmer inzwischen - und hat einige Höhen und Tiefen hinter sich. Aufgewachsen in einer Lissabonner Roma-Familie im Hafenviertel Alcantara, kam er im Alter von elf Jahren in die Jugendakademie von Sporting Lissabon. Sechs Jahre später feierte er sein Debüt in Portugals erster Liga, in der sich Sporting Lissabon 2002 das Double aus Meisterschaft und Pokal sicherte.

"Mustang", "Harry Potter" und Goldene Mülltonne"

Gemeinsam mit Cristiano Ronaldo, der ebenfalls aus der Sporting-Talenteschmiede stammt, galt Quaresma als Hoffnungsträger des portugiesischen Fußballs. 2003 verließen er und Ronaldo Lissabon: Quaresma zog es zum FC Barcelona, Ronaldo ging zu Manchester United. Unterschiedlicher hätte die Entwicklung der beiden Hochbegabten anschließend nicht verlaufen können.Während "CR7" in England zum absoluten Weltstar aufstieg, scheiterte "Mustang" Quaresma bei den Katalanen. Den Spitznamen bekam er von seinem ersten Proficoach Laszlo Bölöni bei Sporting, weil er ähnlich einem Wildpferd ungestüm über den Platz galoppierte. Ohne Sinn und Verstand, dafür aber mit einer gehörigen Portion Ballverliebtheit. Unter Frank Rijkaard saß er bei Barca nur auf der Ersatzbank, forderte die Entlassung des Trainers und wechselte nach nur einer Saison zum FC Porto. "Ich war erst 20 Jahre alt", bewertet Quaresma entschuldigend seine erste Auslandsstation.

Es folgten die vier erfolgreichsten Jahre in Quaresmas Karriere. Mit Porto holte er 2004 den Weltpokal und legte von 2006 bis 2008 den Meisterschafts-Hattrick hin. Dank seiner Zaubertricks, mit denen er Gegner narrte und Zuschauer verzückte, verliehen ihm die Porto-Fans den Spitznamen "Harry Potter". Und Quaresma etablierte sein eigenes Markenzeichen, den Trivela, bei der er mit dem rechten Außenrist Tor um Tor erzielte, eines schöner als das andere.

2008 wechselte er schließlich für knapp 19 Millionen und mit vielen Hoffnungen zu Inter Mailand. Der aufgrund seines markanten Äußeren mit zahlreichen Tätowierungen und Diamantohrringen auffallende Quaresma schaffte aber nie den Sprung zum Stammspieler. Von den Hörern einer italienischen Radiosendung bekam er gar den Titel "Bidone d'Oro" verliehen, zu Deutsch: Goldene Mülltonne - eine Auszeichung für den schlechtesten Spieler der Serie A. Inter lieh Quaresma in der Rückrunde der Saison 2008/09 an den FC Chelsea aus, doch auch dort versauerte er auf der Bank. "Mit Druck konnte ich schon immer umgehen, mit dem Ruhm hatte ich mehr Schwierigkeiten", sagt er rückblickend.

Quaresma steht sich gern mal selbst im Weg

Nach seiner Rückkehr zu den "Nerazzurri" holte er unter Trainer Jose Mourinho 2010 das Triple aus Meisterschaft, Pokal und Champions League, flüchtete aber anschließend in die Türkei zu Besiktas Istanbul. Mit seiner trickreichen Spielweise eroberte er schnell die Herzen der türkischen Fans, scheiterte aber erneut an seinem Ego.

Am 8. März 2012, in der Halbzeitpause des Europapokalspiels gegen Atletico Madrid, wollte Besiktas-Coach Carlos Carvahal angesichts eines aussichtslosen 0:3-Rückstands Quaresma auswechseln. Doch der schlug zurück im Stile einer absoluten Diva. "Wie kannst du mich aus dem Spiel nehmen? Ich habe dich hierhin gebracht! Für wen hältst du dich? Wäre ich nicht hier, wärst du auch nicht hier. Du kannst mich gar nicht aus dem Spiel nehmen, du bist ein Nichts!", schleuderte er seinem Trainer entgegen. Es folgten: Auswechslung, Suspendierung, Entschuldigung, Versöhnung - aber schließlich doch die Trennung.

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Im Januar 2013 wechselte Quaresma in die Vereinigten Arabischen Emirate zu Al-Ahli Dubai, normalerweise die Endstation für alternde Fußballprofis, die nochmal richtig Geld verdienen wollen. Doch das Wüsten-Gastspiel dauerte kein halbes Jahr, im Januar 2014 kehrte Quaresma schließlich zum FC Porto zurück. Und blüht nun wieder richtig auf. Entweder trifft er selbst oder bereitet für Jackson Martinez maßgerecht vor. Wie gut, davon konnten sich auch die Bayern am vergangenen Mittwoch ein Bild machen. Ach, wäre er doch nur Hockeyspieler geworden...

Schafft der FC Bayern trotz der 1:3-Pleite im Hinspiel noch den Sprung ins Halbfinale der UEFA Champions League 2015? *

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