Großes Interview vor dem Bundesliga-Match

Eintracht-Vorstand Bobic vor Duell gegen Bayern im Interview: „Niko hat uns die Basis gelegt“

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„Er macht seinen Job top professionell“: Bobic (l.) über Kovac, mit dem er zum Abschied den Pokalsieg feierte.

Am Samstag kehrt FC-Bayern-Trainer Niko Kovac zurück nach Frankfurt - Eintracht-Vorstand Fredi Bobic sprach im großen Interview über die Rückkehr. 

München – Fredi Bobic ist im Stress. Die Dreifachbelastung in Bundesliga, Pokal und Europa League halten den Sportvorstand wie die Spieler von Eintracht Frankfurt auf Trab, Verletzungssorgen um die Stürmer Bas Dost und Andre Silva tun ihr Übriges. Trotzdem nahm sich der 48-Jährige vor dem Duell mit dem FC Bayern an diesem Samstag Zeit – sogar sehr viel.

Herr Bobic, es treffen sich am Samstag Eintracht Frankfurt als Tabellen-Neunter mit 14 Punkten und der FC Bayern als Zweiter mit 18 Punkten. Was ist das für eine Tabelle – verrückte Bundesliga-Welt?

Ja, das kann man sagen. Aber ich finde es spannend – als Optimist, der ich immer bin. Und ich freue mich über diesen heißen Kampf da vorne. Das wird heiß hergehen bis in den Winter rein, also die ganze Vorrunde. Ich glaube aber, dass sich dann aber klarere Verhältnisse entwickeln.

Sie sind in brutalen Wochen – Lüttich, Gladbach, Pauli … wie passen die Bayern da rein? Ist es das Spiel, das man wenigstens verlieren darf?

Wenn der Spielplan rauskommt, schaust du genau, wann die Spiele gegen Bayern kommen. Manche Teams klammern diese Spiele aus, so machen wir das aber nicht. Das ist ein Topspiel, in dem wir etwas zu verlieren und noch mehr zu gewinnen haben. Vor allem, da es live im ZDF in jeden deutschen Haushalt übertragen wird und wir dadurch noch mehr Anerkennung, noch mehr Fans einsammeln können. Die Bayern zeigen ab und zu Schwächen – warum sollten wir nicht versuchen, diese zu nutzen? Andere haben das in dieser Saison auch schon geschafft.

„Ein Verein mit einer großen Fanbase ist erwacht“

Frankfurt hat die eigenen Ansprüche in den vergangenen Jahren selbst hoch-geschraubt. Wie viele Eintracht-Trikots sehen Sie inzwischen, wenn Sie morgens joggen gehen?

Tatsächlich sehr viele, es werden immer mehr. Diese Wertschätzung national wie international merkt man schon enorm, und am meisten natürlich hier in der Stadt. Wir hatten vor drei Jahren 35 000 Mitglieder, haben nun 82 000, das ist ein gewaltiger Sprung, das wird womöglich bald sechsstellig. Das ist ein Aufbruch hier, ein Verein mit einer großen Vergangenheit und einer großen Fanbase ist erwacht. Es ist für mich einfach schön zu sehen, wenn Kinder stolz mit ihrem Eintracht-Rucksack in die Schule gehen. Ich freue mich da über jeden Einzelnen.

Bas Dost spricht von Champions League, wollen Sie das überhaupt?

Ach, wissen Sie, ich sage immer: Die Jungs können gerne immer von allem reden, aber dann müssen sie auch liefern (lacht). Träume und Ziele sollen sie ruhig haben, aber ich bin einer, der die Realität einschätzen muss. Sollte es mal so weit sein, würden wir uns nie dagegen wehren. Aber jetzt müssen wir gerade von Spiel zu Spiel denken. Es ist nämlich meistens so, dass wir in der Hinrunde in Schlagdistanz sind und dann in der zweiten Hälfte schwächer werden. Das soll uns diesmal nicht passieren.

„Ich würde gerne Deutscher Meister werden“ 

Bleiben Sie bei der Aussage: „Wir werden nie Deutscher Meister werden.“?

Da bleibe ich dabei, ja. Ich würde gerne Deutscher Meister werden, mit Eintracht Frankfurt sowieso. Aber wenn ich ganz realistisch bin und die Emotionalität rauslasse, dann wird das nie passieren.

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Große Mannschaften gewinnen ja oft nach Schicksalstagen wie einer knappen Halbfinal-Niederlage … Ist das bei Frankfurt anders, weil Sie sich als „Fabrik“ für große Klubs sehen – also Jahr für Jahr Spieler verlieren?

Ja, das stimmt schon so. Es ist aber dieses Jahr auf jeden Fall ein bisschen besser. Wir werden nicht jeden namhaften Spieler verlieren, auch wenn wir wissen, dass wir nie eine Chance haben, wenn die ganz großen Champions-League-Klubs um die Ecke kommen. Wirtschaftlich gar nicht, romantisch gesehen vielleicht. Wenn man den Jungs erzählt, warum es in Frankfurt so viel schöner ist als bei Real Madrid (lacht).

Konnten Sie schon mal Nein sagen, als ein großer Verein einen Ihrer Spieler haben wollte?

Oh ja. Bei Ante Rebic haben wir das schon getan. Und in diesem Sommer habe ich das bei den Angeboten für Filip Kostic gesagt. Wir konnten ja unmöglich die ganze Mannschaft verkaufen, und wir hatten schon genug eingenommen, deshalb kam dieses Nein aus voller Überzeugung. Es ging um die sportliche Perspektive, um die Wettbewerbsfähigkeit und nicht um das Geld auf dem Konto. Ein schönes Gefühl!

Viele Spieler mit Potenzial, die bei großen Vereinen nicht zum Zug kommen

Wie kann man die 57 Tore durch Jovic, Haller und Rebic ersetzen? Machen Sie Ihren Job besonders gut?

Mein Team ist schon sehr gut, das stimmt. Das ist ein fortlaufender Prozess, bei uns geht die Kaderplanung über die ganze Saison. Es gibt so viele Spieler auf dem Markt, wir müssen die finden, die für uns wirtschaftlich tragbar sind, uns nach vorne bringen und die Eintracht als Chance sehen, den nächsten Schritt zu gehen. Man glaubt ja gar nicht, wie viele Spieler mit Potenzial es gibt, die bei den großen Vereinen nicht zum Zug kommen. Die verschwinden oft, weil sie den Anschluss verlieren. Es war klar, dass wir dieses Trio verlieren können, das Gefühl hatte ich schon im Mai oder Juni. Dann sage ich: Okay, dann holen wir halt den nächsten. Das ist mein Job.

Wurden Sie lange unterschätzt?

Ehrlich gesagt ist mir das ziemlich egal. Der Job macht mir brutal Spaß, jeden Tag. Etwas aufbauen zu können so wie hier, das geht aber nur, wenn alles funktioniert. Ich stehe da an der Spitze, gefühlt hat man mir in den letzten zwei Jahren alle Preise zugejagt – das ist alles schön und gut. Aber das Wichtigste ist für mich, dass ich mich auf meine engsten Mitstreiter verlassen kann. Und da macht es auch nichts aus, ob man mal Zehnter wird oder zwischendurch den Pokal gewinnt. Ich bin glücklich, wenn das Produkt funktioniert, und auch dankbar, dass ich in Frankfurt mit zwei tollen Trainern zusammenarbeiten durfte und darf.

Wie viel Niko Kovac steckt noch in diesem Team?

Er ist das zweite Jahr weg, aber er hat zwei Jahre dieses Teams überragend mit aufgebaut. Er war und ist ein ganz wichtiger Bestandteil dafür, wie wir zusammenspielen. Wie wir diese verrückten Typen, diese Spieler, die so lange nicht gespielt haben, wieder auf die Reihe bekommen haben, in unterschiedlichen Arten, auf und neben dem Platz – das war eine große Freude. Aber dann ging es weiter mit der Entwicklung. Ich sage es so: Niko hat uns die Basis gelegt.

Ein Paradebeispiel war Luka Jovic, der sagt, unter Niko Kovac zum Mann geworden zu sein. Täuscht in München der Eindruck, dass Kovac jungen Spielern kaum Chancen gibt?

Es gibt ja nicht so viele junge Spieler in München, auf die man setzen kann. Und man darf nicht vergessen, dass der Sprung zu den Profis bei Bayern riesig ist. Dass Niko mit jungen Spielern arbeiten kann, hat er in Frankfurt gezeigt. Dass er sie besser machen kann, hat er auch gezeigt. Alles andere, was in München ist, ist für mich einfach schwer zu beurteilen. Ich maße mir nicht an, über andere Vereine zu sprechen.

Aber über Ihren Freund Kovac?

Zumindest so weit, dass ich sagen kann: er macht seinen Job einfach topprofessionell. Dass ein Trainer mal eine falsche Aussage trifft – noch dazu, wenn er in 365 Tagen gefühlt 300 Interviews gibt –, ist doch ganz normal. Das wird mir zu hoch aufgebauscht.

Wie viel Rat sucht Kovac bei Ihnen als Freund? Und wie ist es umgekehrt?

Leider sehen und hören wir uns zu wenig, weil wir immer unterwegs sind. Ich freue mich, ihn jetzt wiederzusehen. Wir sind in Kontakt, ganz normal, aber wir reden nicht nur über Fußball, sondern auch über die Familie. Manchmal ist das vielleicht auch wichtiger.

Gegen Gladbach sagten Sie, es habe der Eintracht an PS gemangelt. Wie viele PS braucht man nun gegen die Bayern?

Nachdem wir gegen Gladbach in der ersten Hälfte gar keine PS hatten, haben wir uns die womöglich aufgespart (lacht). Wir freuen uns, wir wissen, dass wir den Bayern Paroli bieten können, wenn wir gut drauf sind.

Vor dem Pokalfinale 2018 hatten Sie als Spieler und Manager noch nie gegen Bayern gewonnen. War das eine Eintagsfliege?

Bitte nicht … Aber die Jungs müssen nicht für mich spielen, sondern für sich selbst und den Verein. Ich feiere dann bei einem Sieg aber natürlich gerne mit (lacht).

Interview: Hanna Raif

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