FCB-Assistenztrainer im Interview

Gerland verrät: Das war das Einzige, was ich Lahm beibringen konnte

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Lahm und Gerland haben eine ­besondere Beziehung.

München - Im Interview spricht Hermann Gerland über den scheidenden Bayern-Kapitän und den einzigen Tipp, den er Philipp Lahm jemals in Sachen Fußball geben konnte.

Herr Gerland, Sie haben schon nach den ersten Eindrücken von Philipp Lahm gesagt, dass der einmal ein ganz Großer werden würde. Warum waren Sie sich da so sicher?

Hermann Gerland: Schon das erste Training war faszinierend. So etwas hatte ich noch nie gesehen – wie einer so fehlerlos Fußball spielen kann, mit einer Selbstverständlichkeit, die Bälle verarbeitet und nie seine Mitspieler in Verlegenheit bringt. Philipp hatte ein unglaubliches Niveau im Training – und zwar in jedem Training bis jetzt. Er ist nie in Schwierigkeiten gekommen.

Konnte man so einem Spieler überhaupt noch etwas beibringen?

Gerland: Ich konnte Philipp nicht viel beibringen. Er konnte schon alles. Ich habe einmal nach einem Spiel zu ihm gesagt: Philipp, wenn du zur Grätsche runtergehst, dann musst du den Ball auch haben. Das war das Einzige.

Sie gelten dennoch als sein Förderer.

Gerland: Ich habe dafür gesorgt, dass er bei uns nicht noch ein drittes Jahr in der 3. Liga spielen musste, weil er so überragend war. Einige bei uns haben dies nicht so gesehen.

Aber offenbar Felix Magath beim VfB Stuttgart?

Gerland: Ich habe vielen ehemaligen Kollegen erzählt, dass Philipp herausragende, außergewöhnliche Fähigkeiten hat. Felix hat meinem Urteil vertraut. Er hat mich nur gefragt, was Philipp spielen könnte. Ich habe gesagt, dass er ihn auf die linke oder rechte Abwehrseite, auch vor die Abwehr stellen könnte – vielleicht nur nicht ins Tor, weil Philipp da wohl nicht an die Latte kommen würde.

Gerland über Lahm: „Ich war mir noch nie so sicher“

Haben Sie nie an ihrem Urteil gezweifelt?

Gerland: Meine Frau hat mich mal gefragt, ob ich mich da nicht vertue. Da habe ich ihr gesagt: Hör auf, wenn das kein Super-Spieler wird, dann gebe ich meine Lizenz zurück und werde Volleyball- oder Wasserballtrainer. Ich war mir noch nie so sicher.

Andere Vereine waren offenbar nicht so überzeugt?

Gerland: Es gab wirklich ‚Experten‘, die zu mir gesagt haben: Was willst du denn mit dem Kleinen, der ist zu langsam. Aber Philipp hat solche Vorurteile ja eindrucksvoll widerlegt. Er ist der perfekte Spieler. Ich habe seit den 1970er-Jahren, seitdem ich die Bundesliga hautnah erlebe, noch nie so einen Spieler gesehen. Was mir deshalb überhaupt nicht in den Kopf will: Dass Philipp von den Journalisten noch nie zum Fußballer des Jahres gewählt worden ist. Er spielt zwar nicht spektakulär und er schießt auch keine Tore, aber er spielt seit 2001 immer auf einem unglaublichen Niveau. Das ist für mich unbegreiflich.

Was macht einen Philipp Lahm auch außerhalb des Platzes aus?

Gerland: Er gibt den jungen Spielern Hilfestellung. Er fällt nicht auf durch Eskapaden in der Öffentlichkeit oder durch Skandale. Wahrscheinlich ist er noch nie zu schnell gefahren. Bei ihm stimmen der Kopf und das Herz.

War Philipp Lahm schon immer so?

Gerland: Er war schon mit 17 so – freundlich, höflich, pünktlich. Er war wie ein Erwachsener, und er hatte schon immer diese herausragenden Fähigkeiten. So etwas kann man nicht lernen. Das ist angeboren.

Bedauern Sie seinen Rücktritt?

Gerland: Es ist schade. Ich sehe ihn jeden Tag im Spiel und Training. Natürlich könnte er noch weiterspielen. Aber vielleicht will er auch nicht, dass die Leute irgendwann sagen: So, Lahm, es ist an der Zeit, dass du langsam mal aufhörst.

Wie schwer wird es für seinen Nachfolger?

Gerland: Das wird eine sehr große Herausforderung. Philipp hinterlässt riesige Fußstapfen, auch wenn er nur Schuhgröße 7 oder 7,5 hat. Das macht mir schon Sorgen.

Er hinterlässt auch in der Mannschafts-Hierarchie eine Lücke. Erwarten Sie da Probleme?

Gerland: Da habe ich keine Angst. Wir haben Spieler, die diese Lücke schließen können. Manuel Neuer, Mats Hummels und Thomas Müller übernehmen ja schon jetzt Verantwortung – auch Robert Lewandowski oder Jerome Boateng. Es gibt einige Führungsspieler im besten Fußballalter.

„Philipp hätte jede Mannschaft der Welt besser gemacht“

Hätte Lahm in jedem Verein so eine Karriere hingelegt?

Gerland: Philipp hätte jede Mannschaft der Welt besser gemacht. Er hätte auch in jeder Weltmeister-Mannschaft in Deutschland gespielt – in der 1954er, in der 1974er und in der 1990er. Er gehört in jede Weltauswahl.

Ist ein neuer Lahm planbar?

Gerland: Nein, so ein Spieler ist nicht planbar.

Sie übernehmen ab Sommer die sportliche Leitung des neuen Nachwuchsleistungszentrums. Die Erwartungen, wieder Talente wie Lahm für die Profis auszubilden, ist groß. Verspüren Sie Druck?

Gerland: Nein, ich spüre keinen Druck. Ich bin jetzt 21 Jahre hier und habe ein bestimmtes Niveau erreicht. Und eines ist sicher: Ich mache mir doch in den letzten Jahren nicht das kaputt, was ich mir aufgebaut habe.

Das heißt?

Gerland: Ich habe Uli (Hoeneß, d.Red.) gesagt, dass es dauern wird und ich nichts garantieren kann. Aber eines kann ich versprechen: Ich werde Vollgas geben. Und die, die nicht Vollgas geben, haben hier nichts zu suchen. So einfach ist das. Ich will, dass die jungen Spieler zu uns kommen, weil wir die besten Trainer haben.

Was wird sich in der Ausbildung ändern?

Gerland: Wir brauchen Talente mit Ellbogen und Kanten. Alle müssen den Ball haben wollen. Das Motto ist: Gib dem Gegner keine Zeit zu denken. Aber die Jungs müssen sich auch anständig benehmen – auf und außerhalb des Platzes. Wir sind Bayern München und vertreten diesen Verein. Nur zwei Beispiele: Ich sage den Jungs, dass sie die Kabine oder auch den Bus wieder so zu verlassen haben, wie sie ihn vorfinden. Das sind Kleinigkeiten. Da kann einer sagen, das ist Old School, aber Disziplin gehört einfach dazu.

Sie sind ein Mann der Tat. Haben Sie nun einen Schreibtisch-Job?

Gerland: Nein, ich werde rausgehen und den Jungs zeigen, wie Eins-gegen-Eins gespielt wird. Ich will helfen, Erfolg haben, ausbilden. Ich habe bei Louis van Gaal aufgepasst, bei Pep Guardiola, Jupp Heynckes oder jetzt Carlo Ancelotti.

tz

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