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FCB-Präsident im großen tz-Interview: Hainer über Lewy-Zukunft – „habe es oft genug gesagt“

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Von: Manuel Bonke, Philipp Kessler

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Herbert Hainer (M), Vereinspräsident vom FC Bayern, feiert auf dem Balkon des Rathauses am Marienplatz die deutsche Fußball-Meisterschaft.
Präsident Herbert Hainer spricht im tz-Interview über die zurückliegende Saison des FC Bayern. © Matthias Balk/dpa

Neuer Trainer, nur ein Titel und diverse andere Themen. Präsident Herbert Hainer spricht im großen tz-Interview über die Saison des FC Bayern München.

München - Hinter Herbert Hainer (67) liegen turbulente Wochen. Nicht nur wegen der zahlreichen Feier-Verpflichtungen nach dem Gewinn der zehnten Meisterschaft des FC Bayern in Folge. Auch eine Aufsichtsratssitzung unter seiner Führung als Vorsitzender des Gremiums sorgte für Aufsehen. Der tz verriet Hainer, um was es ging.

Herr Hainer, wie fällt Ihr Saisonfazit aus?

Herbert Hainer: Es war ein Jahr mit Höhen, aber auch Herausforderungen. Sportlich war es gut, weil wir erneut Deutscher Meister geworden sind. Das ist der ehrlichste und fairste Wettbewerb. Allerdings sind wir enttäuscht über das Ausscheiden im Viertelfinale der Champions League und das 0:5 gegen Mönchengladbach im DFB-Pokal. Ansonsten gab es auch noch ein paar andere Themen.

Welche?

Die vielen Corona-Fälle zum Rückrunden-Auftakt, als uns auf einen Schlag elf Spieler gefehlt hatten. Joshua Kimmich und Alphonso Davies hatten nach ihren Corona-Infektionen mit Folge-Erkrankungen zu kämpfen. Und nach der Jahreshauptversammlung mussten wir die richtigen Schlüsse ziehen und haben seitdem den Dialog mit den Fans intensiviert.

Welche schönen Momente sind hängen geblieben?

Dass wir die Meisterschaft im eigenen Stadion gegen Dortmund perfekt gemacht haben. Oder unsere sechs Siege in der Gruppenphase der Champions League. Das war klasse!

Julian Nagelsmann hätte sich in seinem ersten Jahr mehr Titel gewünscht. Muss er geduldiger sein?

Er ist jung, er ist ehrgeizig, vielleicht auch manchmal ungeduldig. Aber Julian lernt sehr schnell, er wird hier seinen Weg machen. Auch andere große Bayern-Trainer wie Jupp Heynckes sind mit ihren Erfahrungen gereift.

FC Bayern: Herbert Hainer im Interview über Nagelsmann - „Das ist der richtige Weg“

Was bedeutet das für Julian Nagelsmann?

Julian wird mit zunehmender Trainertätigkeit noch mehr Erfahrung sammeln. Und er ist ja jetzt schon einer der gefragtesten Trainer in Europa. Julian hat viele innovative Ideen und will immer attraktiv nach vorne spielen lassen. Das ist der richtige Weg.

Hat er sich während des letzten Jahres verändert?

Er ist ja ein sehr offener Mensch, der gerne und gut kommuniziert. Durch die vielen Pressekonferenzen, die er abhalten musste, war er sehr präsent. Und wenn er bei seiner offenen Art dann vielleicht mal übers Ziel hinausschießt wie mit dem SC Freiburg oder der Freiwilligen Feuerwehr Giesing Süd, hat er die menschliche Qualität, dazuzustehen und sich zu entschuldigen.

Auch im Aufsichtsrat wurde die Saison kritisch hinterfragt. Vorstandschef Oliver Kahn und Sportvorstand Hasan Salihamidzic mussten sich bei der letzten Sitzung erklären.

Das ist der falsche Ausdruck. Es ist doch völlig normal, dass man Bilanz zieht. Ich habe in meinem Berufsleben bei Adidas gelernt, dass sich Aufsichtsrat und Vorstand nach einem Kalenderjahr hinsetzen und das zurückliegende Geschäftsjahr analysieren. Im Fußball erfolgt diese Analyse nach der Saison. Wir haben uns also zusammen hingesetzt und gesagt: Was war gut? Was war weniger gut? Wo können wir uns verbessern? Was müssen wir tun?

Diese Analyse erfolgte am Montag vor zwei Wochen.

Genau. Weil es turnusgemäß die letzte Aufsichtsratssitzung der Saison war und unser Gremium erst wieder im August zusammenkommt. Im ersten Teil hat der Vorstand dem Aufsichtsrat die sportliche Situation erläutert – und das haben natürlich Oliver Kahn und Hasan Salihamidzic getan und ganz normale Fragen beantwortet: Warum waren wir in der Vorrunde so gut? Warum waren wir in der Rückrunde nicht mehr so stark? Warum haben wir gegen Villarreal im ersten Spiel so schwach gespielt? Dann haben wir als Aufsichtsrat ohne die Vorstandsmitglieder deren Arbeit Revue passieren lassen. Wir haben uns über die einzelnen Vorstände unterhalten, wie wir sie in der abgelaufenen Saison erlebt haben. Es hat ja jeder von uns sehr unterschiedliche Begegnungen.

Inwiefern?

Ich habe als Präsident des e.V. und als Aufsichtsratsvorsitzender relativ viel Kontakt mit allen Vorständen. Die Mitglieder unseres Prüfungsausschusses haben primär Begegnungen mit unserem Finanz-Vorstand Jan-Christian Dreesen. Die Sponsoren-Vertreter, die bei uns im Aufsichtsrat sitzen, haben viel mit Marketingvorstand Andreas Jung zu tun. So hat jeder seine unterschiedlichen Momente mit den Vorständen erlebt. Natürlich kann ich Ihnen keine Gesprächsinhalte verraten, aber das war der Sitzungsablauf.

FCB-Präsident Hainer im Interview: Salihamidzic unter Druck? - „vollkommen weg von der Realität!“

Hasan Salihamidzic hat derzeit einen schweren Stand. Er wurde beim Fan-Fest am Nockherberg ausgepfiffen.

Wenn das so war, kann ich das nicht nachvollziehen. Schauen Sie: Wenn wir zehn Meisterschaften in Folge oder das Triple gewinnen, ist es das Verdienst von Trainer und Spielern – und wenn wir verlieren, liegt es an Hasan Salihamidzic? Da gehe ich nicht mit. Die Spieler, die 2020 das Triple gewonnen haben, hat auch zum Großteil Hasan Salihamidzic geholt. Er war auch damals für den Sport verantwortlich und war so nah an der Mannschaft, wie es auch jetzt der Fall ist.

Stand er im Aufsichtsrat zur Diskussion?

Natürlich nicht. Das ist vollkommen weg von der Realität! Wir diskutieren mit Hasan – nicht über ihn. Es steht außer Frage, dass er für den FC Bayern sehr wichtig ist. Natürlich reden wir mit ihm über die Spieler, deren Leistungen und warum es bei dem einen oder anderen Spieler nicht so lief – aber genauso auch über die vielen positiven Beispiele wie Joshua Kimmich, Leon Goretzka, Kingsley Coman und Thomas Müller, mit denen wir verlängert haben, sowie die jungen Spieler wie Jamal Musiala, Alphonso Davies oder Josip Stanisic. Das ist doch völlig normal. Am Campus tut sich aktuell enorm viel, wie zum Beispiel mit Paul Wanner oder Gabriel Vidovic, um nur zwei zu nennen. Wir haben sieben, acht Jahre niemanden mehr aus der eigenen Jugend herausgebracht. Dann haben wir angefangen, uns im Nachwuchsbereich neu aufzustellen, und Hasan den Auftrag gegeben, ein Konzept zu erstellen. Den Effekt sieht man natürlich nicht von heute auf morgen. Aber jetzt ernten wir die ersten Früchte der Arbeit. Das haben wir bei besagter Sitzung alles diskutiert.

Und Oliver Kahn?

Er hat als Vorstandsvorsitzender nun sein erstes Jahr hinter sich. Davor war er zwar schon ein Jahr als Mitglied im Vorstand, aber der Vorstandsvorsitz ist noch mal etwas anderes, weil man dann wirklich ganz vorne in der ersten Reihe steht. Oliver hat die Gesamtverantwortung, arbeitet an der Strategie des FC Bayern, entwickelt sie weiter und muss sich insgesamt zu vielen Themen äußern. Das hatten wir die letzten Tage ja erst mit Robert Lewandowski, bei dem Oliver sehr klar Stellung bezogen hat. Er bringt vieles auf den Weg, beim FC Bayern und auch in der ECA. Oliver setzt Impulse und stößt Dinge an.

Trotzdem heißt es, der Aufsichtsrat macht sich Gedanken.

Ein Aufsichtsrat hat generell die Aufgabe, zu analysieren, Rat zu geben und den Dialog mit den Vorständen zu führen. Beim FC Bayern können die Vorstände außerdem auch ihre Erwartungen gegenüber dem Aufsichtsrat äußern und sagen, wo sie Unterstützung benötigen. Das sind ganz normale Abläufe. Wir haben viele erfahrene Leute in diesem Gremium, die bei großen Wirtschaftsunternehmen in verantwortungsvollen Positionen tätig sind, für sie ist das gelernte Praxis – und das ist richtig und wichtig so.

Münchens Sportvorstand Hasan Salihamidzic winkt vor dem Spiel im Stadion.
Sportvorstand Hasan Salihamidzic steht in seiner Rolle beim FC Bayern nicht selten in der Kritik der Fans. © Swen Pförtner/dpa

FC Bayern: Präsident Hainer im Interview - „Man kann es nie allen recht machen“

Wie war es für Sie bislang als Präsident?

Es war schon aufregend. Ich kenne den Klub ja sehr gut, seit ich 2002 im damals neu gegründeten Aufsichtsrat angefangen habe. Aber wenn man dann an führender Stelle und tagtäglich involviert ist, ist es noch mal ein emotionalerer Aufschlag. Die letzten zweieinhalb Jahre waren natürlich auch außergewöhnlich durch Corona. Auf einmal spielen wir vor leeren Rängen, uns fehlen 150 bis 200 Millionen Euro Umsatz. Auf der einen Seite müssen wir sehen, wie wir das Geld einigermaßen einsparen. Auf der anderen müssen wir auf dem Transfermarkt tätig sein. Es ist für keinen der Beteiligten einfach.

Sie mussten sich auch regelmäßig öffentlich äußern.

Ja, und ganz ehrlich: Man kann es nie allen recht machen. Man muss da einfach dem Kompass folgen: Was ist das Beste für den FC Bayern? Das mag nicht immer populär sein, weil nicht jeder auch dahinterschaut und sich fragt, was der zweite und dritte Schritt ist: Warum zum Beispiel geben wir den älteren Spielern keine Dreijahres-Verträge?

Warum eigentlich?

Weil wir damit lange Geld binden würden, das wir dann nicht in jüngere Spieler investieren können. Auf der anderen Seite wollen wir arrivierten Profis gegenüber aber auch fair sein und sagen: Verlängere um ein Jahr, und wenn alles gut läuft, setzen wir uns wieder zusammen. Wir brauchen auch Flexibilität.

Präsident Herbert Hainer spricht auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern im November 2021.
Präsident Herbert Hainer spricht auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern im November 2021. © Ulrich Gamel/dpa

Herbert Hainer über Vorgänger Uli Hoeneß: „Er will immer das Beste für den Klub“

Wie ist es für Sie, wenn Ihr Vorgänger Uli Hoeneß am Rande der Meisterfeier Klartext spricht und auch Kritik an der Vereinsführung übt?

Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu ihm. Er will immer das Beste für den Klub und ist dabei manchmal auch emotional. Das zeichnet ihn ja auch aus. Ich kenne Uli seit über 30 Jahren. Er hat sich nicht verändert. Und so war er auch immer super erfolgreich.

Lässt sich der FC Bayern – wie von Hoeneß kritisiert – tatsächlich zu viel von den Medien gefallen, die auslaufende Verträge regelmäßig thematisieren?

Wir haben bezüglich der auslaufenden Verträge eine klare Vorgehensweise. Ich glaube, wir sind jetzt gefühlt 723 Mal gefragt worden, wann wir jetzt endlich mit Serge Gnabry verlängern.

Wie ist da der Stand der Dinge?

Ich habe bereits gesagt, es gibt da noch ein paar unterschiedliche Vorstellungen. Und wir arbeiten daran, hier eine Lösung zu finden.

Ist es bei Robert Lewandowski in Stein gemeißelt, dass er nicht verkauft wird?

Robert Lewandowski schießt Jahr für Jahr unglaublich viele Tore. Warum sollten wir ihn verkaufen? Es gibt für ihn keinen Ersatz – keinen, der so beständig, so viele Tore schießt. Ich habe es oft genug gesagt: Robert Lewandowski hat bis zum 30.6.2023 Vertrag, und den wird er auch erfüllen.

Münchens Robert Lewandowski hält die Kicker-Torjägerkanone als bester Torschütze hoch.
Trägt er in der kommenden Saison noch einmal das Trikot des FC Bayern? Die Zukunft von Robert Lewandowski ist weiterhin ungewiss. © Swen Pförtner/dpa

FC Bayern in der europäischen Konkurrenz: „Wir müssen ja jeden Cent selbst verdienen“

Aktuell gibt es wieder die Spannungsdebatte in Deutschland. Wie kann man das Produkt Bundesliga wieder attraktiver machen und mehr Einnahmen generieren?

Es wird gerade intensiv daran gearbeitet, weil wir in der Bundesliga einen deutlichen Rückstand zu den anderen europäischen Top-Ligen haben, was die Einnahmen in der internationalen TV-Vermarktung betrifft. Das ist eine große Herausforderung. Die Engländer haben im Vergleich zur Bundesliga enorme Erlöse aus der TV-Vermarktung, haben daher auch viel Geld und dadurch auch viele tolle Spieler in ihrer Liga. Spanien hat Real Madrid und den FC Barcelona, die nicht zuletzt im südamerikanischen Markt enorme Reichweiten haben. Ich glaube schon, dass in der Bundesliga ein bisschen die internationalen Stars fehlen. Wir beim FC Bayern sind da gut aufgestellt. Aber ligaweit ist es rar gesät. In Erling Haaland, der jetzt zu Manchester City wechselt, geht wieder ein internationaler Spitzenspieler. Das ist schon auch das Problem der Bundesliga.

Heißt, der FC Bayern muss neue Top-Stars holen?

Wir können auch nicht alles alleine machen. Wir bemühen uns wirklich, international wettbewerbsfähig zu sein, obwohl wir nicht so viel Geld zur Verfügung haben wie andere internationale Top-Klubs. Wir müssen ja jeden Cent selbst verdienen und haben das bisher auch sehr gut gemacht, finde ich. Aber es wird nicht einfacher. Uns als Klub hat Corona finanziell schwer getroffen, doch an den Gehaltsforderungen der Spieler und Berater ist die Pandemie anscheinend spurlos vorübergegangen.

In der Vergangenheit hat der FC Bayern bewiesen, dass er nicht alle Forderungen erfüllt.

Für uns muss immer an oberster Stelle stehen, dass wir den Verein auch wirtschaftlich so steuern, dass er auf stabilen Beinen steht. Gerade durch Corona haben wir gesehen, was passieren kann. Ich klopfe auf Holz: Gott sei Dank ist der FC Bayern so gut aufgestellt. Wir haben keine Schulden, brauchen zu keiner Bank zu gehen und können trotzdem auf dem Transfermarkt investieren.

FCB-Präsident Hainer über Sadio Mané: „Sehen uns überall auf dem Markt um“

Ist Sadio Mané vom FC Liverpool tatsächlich Thema?

Zu Namen kann ich nichts sagen. Wir sehen uns überall auf dem Markt um, tun alles, um eine international wettbewerbsfähige Mannschaft auf den Platz zu bringen. Eines ist ganz klar: Der maximale sportliche Erfolg ist unser Anspruch. Natürlich wollen wir nächstes Jahr wieder Deutscher Meister werden. Und übernächstes Jahr auch wieder. Und wir wollen wieder um den Sieg in der Champions League mitspielen.

Wie sehen Sie die Saison der Frauen des FC Bayern? Sie sind ja oft vor Ort.

Sie haben leider keinen Titel gewonnen, nachdem sie letztes Jahr Deutscher Meister geworden sind.

Mit der Trennung von Trainer Jens Scheuer hat man ja auch darauf reagiert.

Wenn man im Jahr vorher Deutscher Meister war und im nächsten Jahr keinen Titel erringt, dann ist man natürlich nicht zufrieden. Ich finde aber trotzdem, dass sie sehr gut gespielt haben, gerade im Champions-League-Viertelfinale gegen Paris. Da hätten sie das Weiterkommen verdient gehabt. Natürlich wollen wir auch mit den Frauen sowohl national als auch international an die Spitze.

Gibt es schon einen neuen Trainer oder eine Trainerin?

Nein. Die Frauen haben einen engeren Kreis und hoffen, dass sie relativ bald Vollzug vermelden können. Der Markt wird nicht nur nach Männern sondiert. Es gibt auch Top-Frauen als Trainerinnen.

Interview: Manuel Bonke, Philipp Kessler

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