Regenbogen-Gate

FC-Bayern-Ikone Giovane Élber: „Schwule Profifußballer sollten offen zu ihrer Neigung stehen können“ 

FC Bayern Giovane Elber im Hotel Vier Jahreszeiten in München
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Giovane Élber im Gesprächmit tz-Kolumnist Sven Barthel über Homosexualität im Fußball. Für die FC-Bayern-Ikone gar kein Problem.

Giovane Élber plädiert für Weltoffenheit und mehr Toleranz im Fußball, auch der LGBTQ-Community gegenüber. Im Interview mit tz-Kolumnist Sven Barthel spricht der Ex-Stürmer Klartext zu den Themen Regenbogen und Homosexualität im Profifußball.

München - Hotel Vier Jahreszeiten an der Maximilianstraße: Fußball-Ikone Giovane Élber ist der Stargast einer Benefizauktion der Kunstmalerin Susanne von Anhalt, die an diesem Abend eines ihrer großformatigen Werke zugunsten benachteiligter Straßenkinder in Brasilien versteigern lässt. Der Ex-FC-Bayern-Stürmer, der mit seiner Giovane-Élber-Stiftung seit 25 Jahren selbst Straßenkinder unterstützt und heute als Markenbotschafter den FC Bayern in aller Welt repräsentiert, macht sich jedoch nicht nur für den Nachwuchs stark, sondern auf für die LGBTQ-Gemeinde. Zur Regenbogen-Debatte rund um die EM und Männerliebe im Profifußball hat er eine klare Meinung.

Die von der Stadt München geplante Beleuchtung der Allianz Arena in Regenbogenfarben als Zeichen der Solidarität mit der weltweiten LGBTQ-Community wurde von der UEFA untersagt. Hat die Uefa richtig entschieden?
Ich finde es schade, dass die Uefa so entschieden hat. Der Verband predigt doch immer Toleranz und gegenseitigen Respekt. Das muss meiner Meinung nach in Bezug auf die sexuelle Orientierung der Spieler genauso gelten, wie auf deren Nationalität. Hätte die Uefa die Beleuchtung einfach zugelassen, wäre sie imagetechnich besser damit gefahren. So hat sich die Sache zum Nachteil der UEFA weltweit hochgeschaukelt. Sogar in Brasilien haben die Menschen über das Regenbogen-Verbot gesprochen. 
In den sozialen Netzwerken äußerten viele Menschen die Meinung, das Sport nicht für politische Zwecke missbraucht werden dürfe.                                                                                                                
Was würde sich besser eignen als ein Großereignis wie die EM, um ein Zeichen für die LGBTQ-Gemeinde zu setzen? Es ging dabei nicht um Politik, sondern lediglich um eine klare Haltung der deutschen Nationalelf gegenüber Ungarns Umgang mit Menschen, die nicht hetero sind. Manuel Neuers Entscheidung eine Regenbogenbinde zu tragen, sollte zeigen, dass er und der deutsche Fußball hinter homosexuellen Menschen stehen. Ob als Profispieler oder Fan im Stadion. Das finde ich auch absolut richtig so. Leben und leben lassen. 

Die sexuelle Neigung eines Menschen geht niemanden etwas an, aber man sollte offen zu ihr stehen können

Wenn es um die Frage geht, ob sich aktive Fußballprofis outen sollten, raten Berater immer noch davon ab, wie siehst Du das? 
Zu meiner Zeit beim FC Bayern wäre ein Outing kaum möglich gewesen, ganz einfach, weil die Gesellschaft noch nicht so weit war. Ich glaube, da haben es die Spieler heutzutage einfacher. Mir fällt da gerade das Beispiel des amerikanischen Footballspielers Carl Nassib ein, der sich, obwohl aktiv in der NFL, vor kurzem als schwul geoutet hat. Ich finde das hammergeil. Jeder Mensch - auch der Profifußballer - sollte zu seiner sexuellen Neigung offen stehen können. Ein schwuler Fußballspieler ist doch kein schlechterer Spieler, bloß weil er auf Männer steht. 
Angenommen, ein junger, schwuler Fußballprofi käme zu dir und würde dich um Rat fragen, ob er sich outen sollte oder nicht, was würdest Du ihm antworten? 
Ich würde ihm sagen: ‚Befreie dich und genieß dein Leben. Was zählt, ist deine Leistung für den Verein, nicht deine Sexualität.‘ Die geht sowieso niemanden etwas an, aber man sollte sich eben auch nicht verstecken müssen. 

Es kann passieren, dass man nach 20 Jahren einfach die Schnauze voll hat vom Fußballerleben                                                 

Bastian Schweinsteiger hat im Interview mit Jessy Wellmer spekuliert, das Thomas Müller und Mats Hummels der Nationalelf bald Bye Bye sagen werden - deine Einschätzung? 
Ich glaube, das hängt ganz von den Gesprächen ab, die die beiden diesbezüglich mit Hansi Flick führen werden und denke, dass der neue Bundestrainer sich bemühen wird, sowohl Thomas als auch Mats in der Nationalmannschaft zu halten. Denn, die beiden haben viel Erfahrung und sind für die Mannschaft wichtig, um die Jungspieler aufzubauen. Bei den Qualifikationsspielen für die WM 2022 in Katar werden sie ganz sicher noch mit von der Partie sein. 
Wann ist der richtige Zeitpunkt für einen Profispieler, aufzuhören? 
Sobald er den Spaß an der Sache verliert und die Leistung nicht mehr stimmt. Zu meiner Zeit war spätestens mit 35 der Zeitpunkt gekommen, um die aktive Karriere zu beenden, aber heute können die Profis locker bis 40 spielen. Das liegt an ihrem Lebensstil, der viel bewusster ist und an der Art des Trainings, bei dem auch gesundheitliche Aspekte stärker berücksichtigt werden als noch in den 1990er Jahren. Zum Ende meiner Karriere hat mein Sprunggelenk immer wieder Probleme gemacht und mir die Freude am Kicken genommen. Die Leute wollten einen Giovane Élber sehen, der ich nicht mehr war, weil ich nicht mehr gescheit laufen konnte. Und natürlich kann es auch sein, dass man nach 20 Jahren Fußballerleben einfach die Schnauze voll davon hat - von den vielen Reisen, Trainingslagern und Wochenenden getrennt von der Familie.

Fußballprofis haben keine Zeit für Disko!

Seit zwei Jahren lebst Du mit deiner Frau Cintia wieder in München, wie kam es dazu? 
Nach meinem Karriereende 2006 bin ich mit meiner Familie nach Brasilien gezogen, um mich dort meiner Rinderfarm und meinem Unternehmen für Tiernahrung zu kümmern. Die Farm hatte ich bereits 1999 gekauft, da mir schon früh klar war, dass ich nach meiner Fußballerkarriere nicht jeden Tag an der Copacabana mit einem Caipi in der Hand abhängen wollen würde. Doch nachdem ich 2017 Markenbotschafter beim FC Bayern wurde, stellte ich fest, dass ich diese Funktion von München einfach komfortabler ausüben kann. Schon allein deshalb, weil mich dieser Job oft nach Asien führt, und da ist man von München aus in der Hälfte der Zeit, die es braucht, um von Brasilien dorthin zu fliegen. 
Letzte Frage: Warum haben Fußballspieler eigentlich fast immer Models als Freundinnen? 
Ich glaube, das liegt daran, dass die heutigen Profi-Fußballer privat keine Zeit haben, um in Clubs abzuhängen. Stattdessen werden sie im beruflichen Kontext zu Events eingeladen, wo man immer wieder auf die gleichen Leute trifft, darunter auch Models. Man sieht sich ein paar Mal in Folge auf solchen Veranstaltungen und wird mit jeder Begegnung immer vertrauter miteinander, bis es eben funkt. Bei mir und meiner Frau war das ganze anders: Wir kennen uns seit dem Kindergarten. Cintia ist Psychologin und ich kann aus Erfahrung sagen, dass es für Profi-Fußballer wichtig ist, einen Partner zu haben, der einen auch mental stärkt und nicht nur heiß aussieht.  *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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