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So verabschiedete sich van Gaal von der tz

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tz-Reporter Jan Janssen (l.) und Louis van Gaal. © Sampics

München - tz-Reporter Jan Janssen heftete sich nach der Van-Gaal-Entlassung eine Woche lang an die Fersen des Niederländers. Am Ende bekam er noch ein kleines Abschiedsinterview.

Mehr als eineinhalb Jahre war Louis van Gaal in München. Ich erinnere mich gut an unsere erste Begegnung. Es war der 2. Juni 2009, van Gaals erster Tag in München. Gemeinsam mit seiner Frau Truus schaute er sich Wohnungen an. Ich, der tz-Reporter, folgte ihnen im Auto. Als ich mich vorstellen wollte, schaute er mich von oben bis unten an: „Und? Was wollen Sie?“ – „Ein Interview.“ – „Ich sage nichts.“ Aber mein Gesicht hatte er sich gemerkt. 

Nun ist die Ära van Gaal vorüber. Seit unserem ersten Treffen sind wir uns ständig begegnet. Ich lernte ihn kennen. Wie reagiert er auf kritische Fragen? Was kann er nicht leiden? Und ein bisschen auch: Wie ist er privat? So machte ich mir nach dem Rauswurf natürlich Gedanken: Wie fühlt er sich jetzt? Es gehört zu meiner Aufgabe als Reporter, das herauszufinden. Ihm auch die Möglichkeit einer Stellungnahme zu geben. Also versuchte ich, ihn zu treffen.

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Sonntag, 10. April: Schon am Vorabend hatten wir von seinem Rauswurf erfahren. Also fahre ich zu seinem Wohnhaus am Herzogpark, will ihn ansprechen, wenn er aus der Garage fährt. Gemeinsam mit einigen Kamerateams und Fotografen warte ich vor seinem Appartement. Nichts passiert. Die Stunden vergehen, irgendwann klingeln wir. Truus meldet sich an der Gegensprechanlage. „Mein Mann ist nicht da. Er ist heute Morgen ganz früh zum Klub gefahren.“ Ob’s stimmt? Wir warten weiter, wenigstens scheint die Sonne. Die Wohnung sieht aus wie ausgestorben. Kein Licht, alle Fenster geschlossen, die Vorhänge zugezogen. Dahinter: nichts. Kein Schatten, keine Bewegung. Wir klingeln wieder. Truus: „Nein, mein Mann ist nicht da.“ Nach Stunden brechen die ersten Kamerateams ab, am Ende sind wir nur noch zu dritt. Plötzlich geht das Tor zur Tiefgarage auf. Der silberne Dienstwagen, ein Audi Q5. Van Gaal schießt aus der Ausfahrt, fährt die Fotografen fast über den Haufen. Ich springe in meinen Wagen, will ihm folgen. Doch van Gaal gibt Gas, nach wenigen Ampeln habe ich ihn verloren. Ich gehe die Möglichkeiten durch: fahre zur Säbener, zum Flughafen, danach zu den besten Restaurants. Ich finde ihn nicht.

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Montag, 11. April: Ein Kollege informiert mich, dass van Gaal gerade an der Säbener Straße losgefahren ist. Dort hatte er sich von den Spielern verabschiedet. Ich rase zu seinem Wohnhaus, komme zeitgleich mit ihm an. Er will keine Fragen beantworten, schüttelt nur den Kopf. Ihm ist anzusehen: Der Rauswurf nagt an ihm. Wieder warten. Plötzlich erscheint Truus auf dem Balkon. „Frau van Gaal? Wie geht es Ihnen?“ Sie schüttelt den Kopf, verschwindet wieder im Haus. Ich bin der einzige Journalist, warte weiter. Dann klingle ich. „Ich werde keinen Kommentar geben!“, sagt van Gaal durch die Gegensprechanlage. „Aber…“ – „Auf Wiedersehen!“

Dienstag, 12. April: Okay, wenn ich nicht mit ihm selbst reden kann, muss ich mit Leuten reden, die ihn kennen. Ich telefoniere mit holländischen Journalisten, Bekannten von van Gaal. Sie sagen: „Er ist persönlich verletzt. Gefeuert zu werden, ist seine schlimmste Niederlage.“ Deswegen will er niemanden sehen. Vielleicht will er etwas klarstellen, auf die Vorwürfe von Hoeneß antworten. Morgen werde ich es wieder versuchen.

Mittwoch, 13. April: Ich habe einen Tipp bekommen: Van Gaal soll Mittags zum Dallmayr kommen. Ich fahre hin, warte im Laden. Nach drei Stunden werde ich rausgeworfen, also warte ich vor der Türe. Es ist saukalt. Der Geschäftsführer kommt, sagt: „Glauben Sie mir, er kommt nicht mehr.“ Im selben Moment sehe ich, wie Torwarttrainer Frans Hoek in den Laden geht. Jetzt ist klar: Der Tipp war heiß! Kurz darauf sehe ich seinen Wagen. Van Gaal sieht mich, fährt in die Tiefgarage von Bayern-Arzt Müller-Wohlfahrt. Von dort wird er durch den Hintereingang reingeschleust. Vier Stunden später kommt Hoek heraus, ich renne zum Hintereingang, doch van Gaal kommt nicht. Das Feierbiest bleibt länger. Später treffen sich alle bei ihm zu Hause, es ist van Gaals Ausstands-Party. Wieder nichts.

Donnerstag, 14. April: Ein neuer Tipp: Van Gaal will Golf spielen, in Schloss Egmating. Ich warte auf dem Parkplatz, nach einer Stunde kommt er. Schwarzer Pulli, rotes Poloshirt, Sonnenbrille. Ich spreche ihn an. Er barsch: „Gehen sie weg! Sie verfolgen mich! Das ist unglaublich! Ich werde keinen Kommentar geben.“ Als er nach drei Stunden Golf mit seinem Lehrer zurückkommt, stehe ich an seinem Auto. „Sie sind ja immer noch da!“ Ich sage: „Wir bei der tz haben Sie doch immer fair behandelt, würden sie mir nur drei Fragen beantworten?“ – „Fair behandelt? Das denke ich nicht! Die ganze Presse hat mich nicht gut behandelt.“

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Van Gaal ist gekränkt, fühlt sich missverstanden. Er zieht seine Golfschuhe aus, verstaut sie sorgfältig im Kofferraum. „Sie waren nicht Van-Gaal-freundlich, sie waren Hoeneß-freundlich! Und Rummenigge-freundlich! Das ist ein Unterschied.“ „Aber…“ – „Kein Aber. Sie wissen genau, warum das alles passiert ist! Sie wissen es genau. Aber sie trauen sich nicht, es zu schreiben.“

Van Gaal in Rage. Für ihn ist klar: Hoeneß hat ihn aus dem Job gemobbt. Ich: „Sie könnten ja Ihre Sicht der Dinge schildern, alles klarstellen.“ – „Nein! Ich warte, dass die Spieler für mich sprechen. Und wenn sie das nicht machen – okay. Schade.“ Van Gaal glaubt immer noch, die Spieler auf seiner Seite zu haben. „Fragen Sie die Leute. Die lieben mich immer noch. Weil ich immer alles für diesen Verein getan habe. Es tut mir leid für sie. Sie stehen hier den ganzen Tag, aber ich werde nichts sagen.“

Ein letzter Versuch: „Der Vorstand hat ja auch schon über Sie gesprochen. Und nicht gerade nett.“ – „Das hat er ja mehrere Male gemacht. Und das sagt viel über diese Leute aus. Finden sie nicht?“ Van Gaal ist von Hoeneß’ Kritik tief getroffen. Er lädt die Golftasche ins Auto. „Immerhin habe ich jetzt mehr Zeit zum Golfspielen“, scherzt er. Und weiter: „Ich wünsche Ihnen alles Gute.“ Er steigt in den Caddy und braust davon. Vermutlich war es unser letztes Gespräch.

Jan Janssen

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