Ex-Nachwuchskoordinator fordert Trendwende im Nachwuchsbereich

„Weißbiertrinker fehlen“ - Hermann Hummels kritisiert Bayerns Nachwuchs-Arbeit

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Hermann Hummels fordert eine Trendwende im deutschen Nachwuchsbereich. Die Clubs müssten wieder „heimatnah“ ausbilden, sagte er in der BR-Sendung „Blickpunkt Sport“.

Hermann Hummels, ehemaliger Jugendkoordinator des FC Bayern München, fordert ein Umdenken im Nachwuchsbereich. Seinen Ex-Verein sieht er auf dem falschen Weg.

Hermann Hummels weiß, wovon er spricht: Der 59-Jährige war jahrelang beim FC Bayern München als Jugendtrainer und Nachwuchskoordinator tätig. Nach seinem unfreiwilligen Abschied im Jahr 2012 wechselte Hummels die Seiten und arbeitet seitdem als Spielerberater, unter anderem für seinen älteren Sohn Mats. Seitdem hat sich an der Arbeit im Münchner Nachwuchs einiges verändert – nicht zum Positiven, wie Hummels findet.

FC Bayern erhält von Hummels deutliche Kritik

Seinen Auftritt in der BR-Sendung „Blickpunkt Sport“ nutzte der frühere FCB-Mitarbeiter zur deutlichen Kritik an den Praktiken bei seinem ehemaligen Verein und den deutschen Proficlubs im Allgemeinen. Bereits im vergangen Jahr hatte Hummels in diesem Zusammenhang von „NLZ-Tourismus“ gesprochen.

Hummels hält das immer frühere Abwerben von Talenten für falsch. Diese Praxis schade nicht zuletzt den Spielern selbst: „Wir müssen dazu zurückkehren, dass wir heimatnah ausbilden“, meint Hummels. Er plädiert dafür, Kinder möglichst lange im familiären Umfeld „normal“ aufwachsen zu lassen. Nur so sei es in Zukunft wieder möglich, dass gute Spieler nicht „importiert werden müssen“, wie Hummels es ausdrückt. Sein Credo: Je normaler die Kinder groß werden, desto besser.

Erfahrung eines Nachwuchsspielers beim FC Bayern München

Der 20-jährige Torwart Enrico Caruso wechselte 2013 zum FC Bayern, kurz nach Hummels‘ Abschied vom Rekordmeister. Er kam nicht von einem Amateurverein, sondern vom Nachwuchs des VfB Stuttgart, der in der Branche einen sehr guten Ruf genießt. Nach vier Jahren in der Bayern-Jugend wechselte Caruso nach der U19 zum damaligen Regionalligisten FC Unterföhring. Inzwischen kämpft er mit dem FC Deisenhofen um den Aufstieg in die Bayernliga. Er spielt auf hohem Amateurniveau, verpasste aber den Sprung in den Profi-Bereich.

Der 20-jährige Keeper erzählt in der BR-Sendung in einem Videobeitrag, wie schwierig es gerade anfangs für ihn war, ohne sein gewohntes Umfeld im Internat aufzuwachsen. Auch die Familie musste einige Opfer bringen, die bei seinem Abschied elfjährige Schwester habe viel geweint, so Caruso. 

Ein harter, aber notwendiger Schritt? Hummels verneint das vehement: „Es besteht keine Notwendigkeit, aus dem Nachwuchsleistungszentrum des VfB Stuttgart zu Bayern München zu wechseln. Das ist ja idiotisch, wenn man bedenkt, welche Fußballer alle in Stuttgart ausgebildet wurden.“ Die vielen Transfers seien nicht förderlich für die Entwicklung der Spieler und obendrein sinnlos: „Es macht keinen Sinn, dass einer von Stuttgart nach München ins NLZ wechselt, einer aus München nach Leipzig und der Leipziger geht nach Stuttgart. Dann sollte jeder zu Hause bleiben.“ Nicht zuletzt, weil der Weg zurück bei einem Scheitern des Profi-Traums viel leichter sei, wenn man dafür nicht umziehen müsse. Nur ein Bruchteil der NLZ-Kicker schafft den Sprung in die Bundesliga, wie eine aktuelle Recherche der Sport-Redaktion des ARD-Radios bestätigt.

„Weißbiertrinker“ Lahm bekam beim FC Bayern das Vertrauen

Ein nicht zu unterschätzender Nebenaspekt: Der Bezug zur Region gehe immer weiter verloren. Spieler wie Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger oder Thomas Müller bezeichnete Hummels als „Weißbiertrinker“. Der Anteil an solchen in der Region verwurzelten Spielern werde beim Nachwuchs wie bei den Profis immer geringer. „Philipp Lahm war sehr gut, aber sehr schmächtig. Trotzdem haben wir uns nicht darum gekümmert, dass jemand aus Berlin seine Rolle übernehmen könnte“, erklärt Hummels. Man habe auf Lahm gesetzt, obwohl er „körperlich ein bisschen hintendran war.“ Grund dafür war auch eine damals bestehende Regel, keinen Spieler zu holen, der weiter entfernt als in Memmingen wohnte.

Davon ist der FC Bayern längst abgerückt. Im Wettbewerb mit anderen Talentschmieden wie dem aufstrebenden  RB Leipzig wollen die Münchner nicht zurückstecken und bemühen sich immer früher um Talente. Die Verpflichtung von drei Spielern für die eigene U14 und U15 ließ der Rekordmeister sich im vergangenen Jahr kolportierte 200.000 Euro kosten.

FCB wählt gleiche Methode wie andere Profi-Clubs

Doch lässt sich das Rad überhaupt noch zurückdrehen? Sind die Bayern nicht gezwungen, deutschland- wenn nicht weltweit zu scouten, wenn sie weiter im Konzert der Top-Clubs mitspielen wollen? Hätte etwa Wunderkind Lionel Messi die gleiche Entwicklung genommen, wenn er „heimatnah“ in Argentinien ausgebildet worden wäre, anstatt mit 13 Jahren den Sprung nach Barcelona zu wagen? Schwer zu beantwortende Fragen. Fest steht: Der FC Bayern setzt wie die meisten anderen deutschen Profi-Clubs auf einen anderen Weg als Hummels es fordert. Ob es der richtige ist, wird die Zeit zeigen. 

Text: Tobias Empl

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