Nach München-Abschied im Sommer

„Wer weiß...“: Chelsea-Star Melanie Leupolz spricht über mögliche Rückkehr zum FC Bayern

Melanie Leupolz zieht ab, eine Gegnerin schaut nur zu.
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Volltreffer: Melanie Leupolz hat sich beim FC Chelsea einen Stammplatz gesichert.

Im Sommer wechselte Melanie Leupolz vom FC Bayern zum FC Chelsea. Im tz-Interview spricht sie über ihr erstes halbes Jahr in London.

  • Melanie Leupolz spielt seit Sommer für den FC Chelsea in London.
  • Die ehemalige Münchner Kapitänin berichtet im tz-Interview vom ersten Halbjahr auf der Insel.
  • Leupolz verrät außerdem, warum sie sich eine Rückkehr zum FC Bayern vorstellen könnte.

München - Eine Rote bei den Blues! Nach sechs Jahren verließ Melanie Leupolz (26) den FC Bayern im Sommer, ging zum FC Chelsea nach London. Im tz-Interview spricht die Nationalspielerin über ihr erstes halbes Jahr auf der Insel.

Stammspielerin, drei Tore, Tabellenführer mit dem FC Chelsea: Sie scheinen gut in London angekommen zu sein, Frau Leupolz.
Leupolz: Ich fühle mich von Anfang an total wohl, das Team hat mich super gut aufgenommen. Sportlich gesehen musste ich mich schon ein bisschen umstellen, das Training und die Anforderungen sind anders als in Deutschland. Viel von London habe ich leider noch nicht gesehen, aber ich bin sehr glücklich über mein neues Team. Es war auf jeden Fall der richtige Schritt, hierher zu wechseln.
Inwiefern haben sich die Anforderungen im Vergleich zur Bundesliga und zum FC Bayern verändert?
Leupolz: Ich denke, dass jedes Land seinen eigenen Fußball hat. Das sieht man ja auch bei den Männern. Die Liga in England ist sehr ausgeglichen, auch vermeintliche schwächere Gegner haben ihre Chancen im Spiel. Es wir etwas weniger Wert auf Taktik gelegt, dafür mehr auf Schnelligkeit. Dadurch ist alles etwas wilder und offener – und ich glaube, auch attraktiver zum Anschauen.
Wie schnell haben Sie gemerkt, dass Sie auch Ihr Spiel anpassen müssen?
Leupolz: Als ich ankam, habe ich beim ersten Training nur zugeschaut und schon gesehen, dass da echt Tempo drin ist. In den ersten Vorbereitungsspielen habe ich dann auch gespürt, dass alles sehr intensiv ist. Ich habe mich aber schnell reingefunden und es macht mir total viel Spaß, dass alles etwas schneller ist.
In England sind die Strukturen im Frauenfußball auch ganz anders als etwa in Deutschland, so muss jedes Profiteam der Männer auch eine Frauenmannschaft haben. Hilft das der Liga bei der Entwicklung?
Leupolz: Ja, total. Es gibt klare Regeln. So muss zum Beispiel bei jedem Training ein Arzt dabei sein, es muss einen festangestellten Torwarttrainer haben und alle Spielerinnen, die in der ersten Liga spielen, müssen Profis sein. Das sind sehr viele Regularien, die die englischen Teams erfüllen müssen und ich glaube, dass viele Frauenmannschaften in der Bundesliga diese nicht erfüllen – entweder weil sie es nicht können, oder weil sie es nicht müssen. Mit Ausnahme der drei Vereine oben gehen in der Bundesliga viele Mädels noch Vollzeit arbeiten. Dadurch geht natürlich auch Leistung verloren.

Melanie Leupolz: Missverständnis um die Trainer-Ausbildung

Stimmt es, dass der Trainingsfortschritt auch viel mehr mit Daten überprüft wird?
Leupolz: Ja, in jedem Training wird überprüft, wie oft du aufs Tor schießt, wie oft du triffst, wie oft du den letzten oder vorletzten Pass anbringst. Das war mir am Anfang gar nicht so bewusst, aber da stehen tatsächlich Jungs mit ihrer Strichliste und schreiben alles auf. Es wird auch jedes Training aufgezeichnet und wir können die Einheiten zu Hause noch mal anschauen. Und auch die Gegneranalyse ist sehr detailliert.
Sie arbeiten auch schon am Trainerschein. Geht der Blick bereits auf die Zeit nach Ihrer Karriere?
Leupolz: Das war eher ein Missverständnis (lacht). Chelsea kümmert sich ganzheitlich um uns, auch darum, was mit uns nach der Karriere passiert. Deshalb gibt es total viele Angebote zur Weiterbildung, unter anderem auch Trainerscheine. Ich habe unserem Head of Performance eigentlich gesagt, dass ich erst mal nicht daran teilnehme, weil ich mich erst einleben möchte und nebenher auch noch mein Studium habe. Ich weiß nicht, ob mein Englisch so schlecht war oder er einfach so euphorisch war, dass er die Absage überlesen hat, aber es kam eine SMS zurück, dass er sich sehr freut, dass ich dabei bin. Dann konnte ich ihm nicht mehr absagen. Ich habe viel aus den Kursen mitgenommen, aber ich weiß für mich, dass ich keine Trainerin werden möchte.
Sehen Sie sich später eher im Management?
Leupolz: Ja, als Trainerin auf dem Platz zu stehen ist nichts für mich. Ich könnte mir aber gut vorstellen, mich bei einem Klub um die Sponsoren oder die Vermarktung zu kümmern. Das finde ich deutlich interessanter.
Wie schwer fiel Ihnen die Eingewöhnung in London unter all den Corona-Beschränkungen?
Leupolz: Das war wirklich nicht einfach. Ich war bislang vielleicht viermal in der Stadt, auch die Wohnungssuche hat sich schwerer dargestellt als sonst, weil die Besichtigungen nur per Video möglich waren. Dass Fußballleben hat sich aber nicht drastisch verändert. Wir sind sehr privilegiert, dass wir weiterhin trainieren und spielen dürfen. Ich versuche, mich gar nicht in der Opferrolle zu sehen, es ist nur schade, dass keine Fans ins Stadion dürfen. Dabei hatte ich mich darauf schon so gefreut, seit ich mit den Bayern vor drei Jahren in der Champions League gegen Chelsea gespielt habe. Normalerweise ist das Stadion mit 5000 Fans immer ausverkauft und jede Spielerin hat ihr eigenes Fanlied.
Sechs Jahre lang lief Melanie Leupolz für den FC Bayern auf.

FC Bayern wieder Meister? Leupolz: „Ich würde es den Mädels sehr gönnen“

Erzählen Sie.
Leupolz: Sobald eine Spielerin für Chelseas Frauen unterschreibt, dichten die Fans ein Lied über sie. Meine Teamkolleginnen meinten, dass die Chelsea-Fans sicher schon ein Lied über mich haben, denn sie sind ja vorbereitet für den Tag, an dem sie wieder ins Stadion dürfen.. Ich konnte es aber leider noch nicht hören.
Wie war die Stimmung in London während der Pandemie?
Leupolz: Ich habe mich manchmal schon nach dem Allgäu gesehnt, weil ich mich dort so sicher fühle. Aber nach zwei Tagen wird es dort auch langweilig (lacht), deswegen lebe ich doch gerne in einer Großstadt. Seitdem ich in London bin, leben wir Fußballerinnen in unserer Blase. Wir werden engmaschig getestet und dürfen außerhalb unserer Blase niemanden sehen. Jetzt gerade greift sogar die Regel, dass wir gar keine anderen Menschen sehen und nur einmal am Tag nach draußen gehen dürfen. Wir sind froh, dass wir uns innerhalb der Mannschaft sehen können.
Gibt es schon etwas, das Sie aus Münchner Zeiten vermissen? Vielleicht kulinarisch...
Leupolz: Ich mochte die Restaurants in München sehr gerne, war viel in der Stadt unterwegs. München ist eine wunderschöne Stadt. Eine Großstadt zwar, aber viel kleiner als London. Trotzdem gibt es in München sehr viele Angebote und ich schätze den Englischen Garten sehr. Ich war aber nie die Schweinsbraten-Liebhaberin, deshalb fehlt mir das auch jetzt nicht. Alles was ich in München gerne gegessen habe, bekomme ich in London auch. Als hier in London Schnee lag, habe ich mich aber ein bisschen in die Berge gesehnt – mit ganz viel Schnee und Kaiserschmarrn.
Wie ist Ihr Kontakt zum Ex-Klub FC Bayern?
Leupolz: Ich fiebere total beim FC Bayern mit. Ich würde es den Mädels sehr gönnen, wenn sie es dieses Jahr durchziehen und Meister werden. Beim FC Chelsea wird viel Gegneranalyse betrieben, auch in den anderen Ligen. Ich bin über die Bayern also bestens informiert und weiß zum Beispiel, wie lange sie brauchen, um ins Gegenpressing zu kommen. Ich schaue die Spiele, wenn sie zu sehen sind, und bin auch noch mit einigen Spielerinnen und Teammitgliedern in Kontakt. Mir ist es sehr wichtig, dass der Kontakt nicht ganz abbricht, denn es war eine wunderschöne Zeit beim FC Bayern. Und wer weiß, was später mal passiert. Vielleicht braucht der Klub ja einen Zugang im Management. Ich habe sechs Jahre in München gespielt, bin deshalb tief verwurzelt dort.

FC Chelsea: So sieht der Kontakt zu Timo Werner und Thomas Tuchel aus

Gelingt es dem FC Bayern in dieser Saison, den VfL Wolfsburg nach fünf Jahren endlich vom Thron stoßen zu stoßen?
Leupolz: Es schaut sehr gut! Bayern hat sich mit vielen jungen Spielerinnen noch mal deutlich verstärkt und ich hoffe, dass die gehalten werden und sich über mehrere Jahre etwas aufbauen kann. In den letzten Jahren hatten wir oft acht bis zehn Abgänge und dadurch immer wieder einen großen Umbruch. Die Bayern spielen einen super Fußball, deshalb bin ich sehr zuversichtlich, dass sie Wolfsburg dieses Jahr vom Thron stoßen.
Am 16. Februar steht die Auslosung des Champions-League-Achtelfinals an. Wünschen Sie sich das Los FC Bayern oder lieber nicht?
Leupolz: Weder noch. Im Achtelfinale wäre der FC Bayern ein sehr schweres Los – das würde ich mir gerne für später aufheben. Ich hätte aber keine Angst, gegen sie zu spielen, nur weil es mein Ex-Verein ist. Ich muss aber auch nicht unbedingt gegen die Bayern spielen, um es allen zu beweisen.
Neben Ihnen sind im Sommer Timo Werner und Kai Havertz zu Chelsea gewechselt, jetzt auch noch Thomas Tuchel als Trainer. Gibt es Austausch zwischen den Deutschen in London?
Leupolz: Das ist bisher leider gar nicht möglich, weil die Männer- und Frauenmannschaft jeweils in ihrer eigenen Blase leben. Wir haben ein eigenes Gebäude auf dem Vereinsgelände, deswegen läuft man sich auch nicht zufällig über den Weg. Ab und zu sehe ich die Kollegen trainieren und verfolge natürlich die Spiele. Es ist super spannend, was sich unter Thomas Tuchel verändert und wie er typisch deutsche Eigenschaften einbringt. Im Training mussten die jüngeren Spieler jetzt wieder die Tore tragen, das finde ich sehr amüsant.
Wie sehen Ihre Saisonziele mit Chelsea aus?
Leupolz: Wir stehen in der Liga auf dem ersten Tabellenplatz, es wäre also absurd, etwas anderes als die Meisterschaft anzuvisieren. Im Finale des Conti-Cups treffen wir auf Bristol, auch dieser Titel steht auf unserer To-Do-Liste – und dann gibt es noch den FA-Cup. Wir wollen in England alle Titel gewinnen. Das ist auch die klare Marschroute unserer Trainerin. Diese Mentalität überträgt sich auf uns Spielerinnen und die Sicherheit, mit der wir auf den Platz gehen. National gehen wir auf jeden Fall auf Titeljagd und auch die Champions League wird immer wieder thematisiert. Wir visieren auch dort den Titel an, dafür quälen wir uns tagtäglich. Wir haben eine super starke Mannschaft und es wäre nicht richtig, wenn wir in der Champions League das Halbfinale als Ziel ausgeben.

Interview: Jonas Austermann

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