1. tz
  2. Sport
  3. FC Bayern

Ex-FCB-Profi Alexander Baumjohann: „Heute wäre ich 50 Millionen Euro wert“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Johannes Ohr

Kommentare

Australien-Auswanderer: Alexander Baumjohann spielte zuletzt für den FC Sydney und studierte Sportmanagement.
Australien-Auswanderer: Alexander Baumjohann spielte zuletzt für den FC Sydney und studierte Sportmanagement. © Imago images

Alexander Baumjohann (35) lebt seit 2018 in Sydney. Vor Kurzem hat der Ex-Bayern- und Schalke-Profi ein Studium zum internationalen Sportmanager abgeschlossen.

München – „Zu lernen und sich auf die Prüfungen vorzubereiten, war schon intensiv und etwas Neues. Ich war ja seit 2004 nicht mehr in der Schule und musste seitdem auch nicht mehr büffeln“, lacht Baumjohann im Gespräch mit unserer Zeitung. Das Interview mit dem Australien-Auswanderer.

Wie wurden Sie Student?

„Im Prinzip fing alles mit Corona an. Ende 2020 habe mich in der Quarantäne aus Langweile damit befasst, was ich neben meiner Karriere noch machen könnte. In meinem Postfach habe ich eine Mail meiner Uni gesehen, mit der ich mich dann in Verbindung gesetzt habe. Im Januar 2021 habe ich das Studium begonnen, jetzt im April hatte ich die letzte Prüfung. Ich habe den internationalen Studiengang gewählt, den es so zum ersten Mal gab. Die Inhalte waren komplett auf Englisch. Das war mir wichtig, weil ich jetzt seit vier Jahren in Australien lebe und ich mir einen Job im Ausland gut vorstellen kann.“

Wie lief das Studium ab?

„Es gab eine Vorlesung pro Woche. Zu lernen und sich auf die Prüfungen vorzubereiten war schon intensiv und etwas Neues. Ich war ja seit 2004 nicht mehr in der Schule und musste seitdem auch nicht mehr büffeln (lacht). Es gab eine schriftliche und eine mündliche Prüfung sowie eine Hausarbeit, die man während des Studiums schreiben musste. Ich habe mich darin mit dem Einfluss des Salary Cap auf den australischen Fußball beschäftigt. Es hat Spaß gemacht und ich bin stolz, dass ich das Studium erfolgreich abgeschlossen habe.“

Was waren die Inhalte?

„Marketing, Management, Human Resources, Finance, Psychologie, Sportrecht, usw. Dafür, dass es nur über ein Jahr ging, war es schon komplex.“

D.h. Sie sehen sich nach Ihrer Karriere im Management – und nicht etwa als Spielerberater oder Trainer?

„Wenn ich nach meiner Spieler-Karriere weiter im Fußball bleiben sollte, dann auf jeden Fall im Management. Ich habe während meiner Karriere mit sehr guten Sportdirektoren zusammengearbeitet und Kontakt gehalten. Ich möchte jetzt aber erst mal schauen, ob ich weiter Fußball spiele oder meine Karriere beende.“

Sie haben Ihre Schuhe noch nicht an den Nagel gehängt?

„Ich bin seit Juli letzten Jahres ohne Vertrag. Ich hatte immer wieder mal Gespräche mit Vereinen, aber da war bis jetzt noch nicht das Richtige dabei. Ich bin kein Träumer. Ich bin 35, da stehen die Top-Vereine in Europa nicht mehr Schlange. Wenn noch etwas Passendes kommen sollte, würde ich es mir aber auf jeden Fall überlegen.“

Wo möchten Sie Ihre Karriere fortsetzen?

„Ich habe die letzten zwei Jahre für den Sydney FC gespielt. Das ist das Maß aller Dinge. Ich kann mir nicht vorstellen, in Australien noch einmal für einen anderen Verein zu spielen. Es gab mehrere Klubs, die mich verpflichten wollte. Aber das kam für mich nicht infrage. Ich hatte auch immer wieder mal Kontakt mit japanischen Vereinen, hätte da sehr gerne nochmal gespielt. Im September war ich sehr weit mit einem Klub, habe nach Olympia aber wie viele andere Ausländer leider kein Visum bekommen.“

Und Deutschland bzw. Europa?

„Wie gesagt: Ich bin 35. Wie viele Spieler sind denn in dem Alter noch in Deutschland aktiv? Selbst Topspieler wie Lahm und Schweinsteiger haben ihre Karriere ja schon früher beendet. In Ländern wie der Türkei, Griechenland oder Zypern wäre vielleicht noch etwas möglich. Aber wir fühlen uns hier super wohl, wollen langfristig in Sidney leben. Ich will nicht so egoistisch sein und meine Familie aus dem gewohnten Umfeld herausreißen, nur weil ich noch ein bis zwei Jahre Fußball spielen will.“

Profi-Fußballer werden immer jünger und beenden früher ihre Karrieren. Wie stehen Sie dazu?

„Als ich Profi wurde, war man mit 22 oder 23 noch echt jung. Viele Spieler haben erst in dem Alter den Durchbruch geschafft. Ich habe mit 16 meinen ersten Vertrag unterschrieben. Würde das heute passieren, wäre ich wahrscheinlich 50 Millionen Euro wert (lacht). Die Zeiten haben sich geändert. Ich finde es gut, dass junge Spieler schon früher ihre Chancen bekommen.“

Wie halten Sie sich fit?

„Ich bin drei bis vier Mal die Woche im Fitnessstudio, gehe Joggen oder mache ein bisschen was auf dem Platz. Wenn kein passendes Angebot mehr kommen sollte, bin ich aber auch mit mir im Reinen und kann mich dann damit anfreunden, meine Schuhe an den Nagel zu hängen.“

Welcher Manager hat sie am meisten geprägt?

„Rudi Assauer und Horst Heldt, mit denen ich zusammen auf Schalke gearbeitet habe. Was Ralf Rangnick in Leipzig und Max Eberl in Mönchengladbach aufgebaut haben, ist für mich auch beeindruckend.“

Hat Ihre Karriere nach der Karriere still und heimlich schon begonnen?

„Ich glaube schon. Ich habe auch schon als Fußballer über den Tellerrand hinausgeschaut und versucht, mich weiterzubilden. Ich muss nicht zwingend im Fußball bleiben. Aber ich bin seit 2004 im Profigeschäft, habe sehr viel erlebt. Erfahrung und Expertise hilft einem natürlich weiter.“

Dazu spielten Sie in Deutschland, Brasilien und Australien.

„Klar, ich habe auf drei Kontinenten gespielt, spreche vier Sprachen, habe viele Leute und verschiedene Mentalitäten kennengelernt. In den letzten 12 Monaten seitdem ich Sydney FC verlassen habe, habe ich sehr viele Gespräche geführt und mein Netzwerk ausgebreitet.“

Spielerberater oder Trainer: Sind diese Jobs nichts für Sie?

„Nein, da bin ich nicht der Typ dafür. Tendenziell müssen Berater ihren Spielern oft gut zureden und Honig um den Mund schmieren – auch wenn das die Realität gar nicht hergibt. Das ist nicht so mein Ding. Klar man kann in dem Business viel Geld verdienen, aber man ist hin und wieder gezwungen, sein Gesicht zu verlieren. Ich bin ein ehrlicher Typ und könnte dann nicht mehr in den Spiegel schauen.“

Und der Trainer-Job?

„Ich sehe mich eher im Management. Auf einer Ebene, auf der ich über mehr Dinge entscheide als „nur“ über das, was auf dem Platz passiert.“

Ist alles nur Typ-Sache?

„Ja. Für mich ist das Leben als Trainer auch zu schnelllebig. Ich bin schon als Spieler oft gewechselt und umgezogen. Als Trainer würde es so weitergehen. Wenn man im Management arbeitet, hat man ein bisschen mehr Zeit, um etwas aufzubauen.“

Sie wollen in Zukunft weiter in Sidney leben. Was gefällt Ihnen dort so gut?

„Wir sind 2018 hierhergezogen und hatten überhaupt keine Vorstellungen. Ich habe nur gehört, dass es ein super Land sei, sehr sicher mit tollem Wetter. Also eigentlich alles, was man will, wenn man eine junge Familie hat. Das einzige Problem ist die Entfernung. Meine Frau kommt aus Brasilien, ich aus Deutschland. Meine Mutter ist vor zweieinhalb Jahren leider verstorben. Das war dann krass, dass wir hier waren und nicht die ganze Zeit bei ihr sein konnten. Das ist die Kehrseite der Medaille. Aber wir fühlen uns hier super wohl. Ich bin jedoch ambitioniert genug, um zu sagen, dass wenn ich mal im Profigeschäft arbeite, ich irgendwann zurück nach Europa muss.“

Ist Ihr Ziel die Bundesliga?

„Wenn ich den Weg gehe, dann ist das natürlich ein Ziel.“

Wie bewerten Sie Ihre sportliche Zeit in Australien?

„Es war super. Als mein Vertrag in Brasilien auslief, hat sich Markus Babbel bei mir gemeldet. Wir hatten vorher ab und zu schon mal Kontakt, weil er mich schon nach Hoffenheim und nach Stuttgart holen wollte, als ich noch in Deutschland gespielt habe. Er war der ausschlaggebende Grund, warum ich gewechselt bin.“

Wie ging es weiter?

„Meine erste Saison bei Western Sidney war ein Übergangsjahr. Das Stadion und das Trainingsgelände waren noch nicht fertig und sportlich lief es auch nicht. Der Kader war qualitativ nicht so gut, wie mir das im Vorfeld berichtet wurde. Die nächsten beiden Jahre mit Sidney FC waren dafür top. In der ersten Saison waren wir dabei, alle Rekorde zu brechen. Wir hatten die meisten Siege und schossen die meisten Tore aller Zeiten. Wir haben jeden Gegner abgeschossen. Dann kam Corona. Wir wurden aber trotzdem Meister, in der nächsten Saison dann Vizemeister.“

Und persönlich?

„Es war schon so, dass ich im ersten Jahr gebraucht habe, um mich an alles zu gewöhnen. Im Sommer spielt man hier bei bis zu 40 Grad, zu Auswärtsspielen nach Perth oder Wellington fliegt man vier oder fünf Stunden.“

Sprechen wir über Ihre Ex-Klubs. Bayern und Lewandowski: Geht das noch ein Jahr gut?

„Es kommt darauf an, was Bayern will und ob sie es finanziell verkraften können, ihn ablösefrei gehen zu lassen. Mit Sadio Mane haben sie einen top Nachfolger verpflichtet. Es ist schwierig für einen Verein, einen Spieler auf Teufel komm rauszuhalten, der unbedingt wegwill. Ich glaube am besten wäre es, wenn man eine Lösung findet, dass Lewandowski den Verein verlassen kann und man sich im Sommer trennt. Wenn er bleiben sollte, zieht man die ganzen Nebengeräusche durch die komplette Saison.“

Schalke hat den sofortigen Wiederaufstieg gepackt.

„Schalke ist mein Herzensverein. Ich bin übertrieben froh, dass der Verein jetzt wieder in der Bundesliga ist. Ich freue mich auch für Mike Büskens, der den Verein zu 150 Prozent lebt. Beim Abstieg habe ich echt mitgelitten, weil ich mir das nie hätte vorstellen können. Der Gang in die 2. Liga hat dem Verein aber vielleicht ganz gutgetan, darüber zu nachdenken, wie man die Zukunft gestalten möchte. Es werden jetzt kleinere Brötchen gebacken. Schalke wird noch eine Weile brauchen, um wieder da hinzukommen, wo der Verein vor fünf bis sechs Jahren war.“

Haben Sie noch Kontakt zu Schalke und Büskens?

„Nach dem Aufstieg nicht. Zwischendurch schon immer wieder mal. Ich finde es schade, dass er nicht als Cheftrainer weitermacht. Ich bin gespannt, wie es mit Frank Kramer funktioniert. Ich hoffe, dass Schalke wieder wie früher auf Spieler aus der Knappenschmiede setzt. Das macht den Klub aus, auch wenn man damit nicht um die Meisterschaft mitspielt.“

Auch Kaiserslautern konnte einen Aufstieg feiern...

„Mit den Fans, dem Stadion und der Tradition gehört der Verein eigentlich in die Bundesliga. Ich bin froh, dass sie es aus der 3. Liga rausgeschafft haben. Ich freue mich auch, dass Hertha nicht abgestiegen ist.“

Bei welchem Ihrer Ex-Klubs hatte Sie Ihre beste Phase?

„Meine Karriere verlief wie eine Achterbahnfahrt. Ich hatte überall gute und schlechte Phasen. Selbst bei Bayern, wo ich nur kurz war, gab es gute Momente. Zum Beispiel als ich aus dem Nichts am 1. Spieltag in der Startelf stand. Bei Hertha ging es dann in die andere Richtung, als ich zwei Jahre verletzt war. Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich meine letzte Saison in Gladbach nehmen, bevor ich zu Bayern gewechselt bin. Da hatte ich ein überragendes Jahr. Ich blicke zufrieden auf meine Karriere zurück und würde 95 % der Entscheidungen, die ich getroffen habe, genauso wieder treffen.“

Ihr früherer Mitspieler Miro Klose ist jetzt Trainer in Altach. Wie weit kann er es als Trainer packen?

„Es hat mich überrascht, dass er nach Österreich gegangen ist. Miro ist ein super Typ. Er war einer der besten Stürmer, die Deutschland je hatte. Er hat im Jugendbereich bei Bayern gearbeitet und war Co-Trainer bei den Profis. Dass er jetzt in Altach Cheftrainer wird, ist der nächste Schritt. Miro ist ein schlauer Kerl und wird sich schon etwas dabei gedacht haben.“

Wer war Ihr bester Mitspieler?

„Raul. Er war der kompletteste. Als wir zusammengespielt haben, war er schon relativ alt. Aber trotzdem hat man gesehen, dass er einfach einer der komplettesten Spieler ist, die es jemals im Fußball gab. Seine größte Stärke war, dass er immer die richtige Entscheidung getroffen hat. Er hat nie Fehler gemacht. Das hat mich echt beeindruckt. Wir haben nach der Zeit auf Schalke weiter Kontakt gehalten und sind gut befreundet. Er trainiert bei Real Madrid die Reserve. Ich glaube, dass er dort in naher Zukunft auch Cheftrainer bei den Profis wird.“

Mario Götze wechselt zu Eintracht Frankfurt. Eine gute Nachricht für die DFL?

„Das finde ich top. Ich glaube, dass ihm die beiden Jahre in Eindhoven gutgetan haben. Er ist ein super Spieler. Ich hoffe, dass die Erwartungshaltung jetzt nicht allzu hoch sein wird und er einfach frei aufspielen kann. Dann wird es auch super mit Frankfurt passen.“

Das Interview führte Johannes Ohr.

Auch interessant

Kommentare