Im DFB-Pokalfinale mit Bayer Leverkusen

FC Bayern vor dem 13. Double: Konkurrenz spottet - Ex-FCB-Trainer mit unfassbarem Vergleich

Wenn der FC Bayern im DFB-Pokalfinale gegen Leverkusen das nationale Titel-Double perfekt machen, wäre es das fünfte seit 2013. Die Dominanz der Münchner ist erdrückend. Eine Spurensuche.

  • Im DFB-Pokalfinale spielen die Bayern gegen den Bundesliga-Fünften aus Leverkusen.
  • Schon jetzt hat die Mannschaft von Trainer Hansi Flick die Favoriten-Rolle.
  • Holen die Bayern das 13. Double? Und woher kommt ihre Dominanz im deutschen Fußball?

München – Marco Bode, Aufsichtsratschef von Werder Bremen, kommentierte den erneuten Titelgewinn der Bayern* wie folgt: „Ein Freund hat mir gesagt: Meine Kinder kennen noch keinen anderen Deutschen Meister als Bayern München. Ich weiß nicht, ob es gut für Kinder ist, so aufzuwachsen.“ 

Ottmar Hitzfeld hat drei Enkelkinder. Der sechsmalige Meistertrainer der Bayern* und Champions-League*-Sieger von 2001 ist heute Opa aus Leidenschaft. Sein Ältester ist viereinhalb, „er interessiert sich noch nicht für die Liga“. Fußballbegeisterung entwickelt sich eben erst. Nimmt man aber Hitzfelds Buben als Maßstab, heißt das womöglich, dass auch die 12- und 13-Jährigen bisher in dem Bewusstsein aufwachsen, dass dieser FC Bayern* unschlagbar ist.

Wie lange soll das weitergehen? Bis zum Abitur, in die Ausbildung, ins Studium? Darüber könnte man viele Witze machen. Oder ist die Lage im deutschen Fußball inzwischen zu ernst, um sie mit Humor zu nehmen?

FC Bayern München: Drei Meisterschaften am Stück – das war früher eine Sensation

„Diese Dominanz wird Bestand haben, in den nächsten Jahren sicher“, sagt Hitzfeld. Er spricht von „zwei oder drei“, trotzdem merkt man an Nebensätzen wie „mit dieser Generation ist kein Ende in Sicht“ und „da ist zu viel Substanz drin“, dass die Konkurrenz und die deutschen Fans sich wenig Hoffnung machen sollten. Drei Meisterschaften am Stück, das war früher schon eine Sensation, mal schaffte es Mönchengladbach (1974–1977), öfter die Bayern (1972–74, 1984–87, 1999–2001), die nun mit der vierten, fünften, sechsten, siebten und achten neue Maßstäbe setzen. 

Hitzfeld stand bei der letzten Ära an der Seitenlinie, wurde 2002 aber dann wieder „nur“ Dritter. Damals machte Borussia Dortmund das Rennen, später überraschten mal Werder Bremen (2004), der VfB Stuttgart (2007) und der VfL Wolfsburg (2009). All diese Meister wirken im Jahr 2020 wie aus einer anderen Zeit.

In der abgelaufenen Bundesliga*-Saison hatten die Bayern 13 Punkte Vorsprung auf den BVB. Sepp Maier hat die Spiele am Ende nicht mehr alle verfolgt, „da kann man ja fast nicht mehr zusehen“. Er, der zwischen 1972 und 1979 für 245 Partien am Stück das Bayern-Tor hütete, hat das Interesse ein wenig verloren, weil alles absehbar ist. Von einem „Riesen-Unterschied“ zwischen dem Branchenprimus und dem Rest der Liga spricht er. Das war zu seinen Zeiten anders. Gladbach und Bayern, die großen Nummern, aber „es hat sich alles geändert“. Pause. „Hat sich alles zum Guten geändert?“

Jubel bei den Bayern nach dem gewonnenen Meistertitel gegen VfL Wolfsburg am 34. Spieltag.

FC Bayern München:  „Dortmund muss die Strategie ändern“

Die Bayern sind seit Jahren zumindest öffentlich um Spannung in der Liga bemüht. „Professionelle Aussagen“ nennt Hitzfeld die Sätze wie jene, die Ehrenpräsident Uli Hoeneß erst letzte Woche sprach: „Man kann jetzt von den Leuten nicht erwarten, dass sie nur halbtags arbeiten, damit die Bundesliga wieder spannend wird.“ Die anderen sollen es besser machen, nicht die Bayern schlechter. Das ist ein berechtigter Denkansatz – die Umsetzung aber wird in den kommenden Jahren, in denen die Bundesligisten mit den Folgen der Corona-Krise* leben müssen, noch utopischer. Die mehr als 1000 Bayern-Mitarbeiter waren nicht mal in Kurzarbeit.

Es war übrigens derselbe Hoeneß, der 2013 Angst vor „spanischen Verhältnissen“ hatte – also der Dominanz von ein oder zwei Teams. Damals waren die Dortmunder noch ein echter Kontrahent, die Rivalität fand ihren Gipfel im für Bayern siegreichen Champions-League-Finale 2013 von Wembley. 

Heute haben sich die Verantwortlichen des BVB mit Platz zwei abgefunden. Erst unter der Woche kapitulierte Vereinsboss Hans-Joachim Watzke, eine Kampfansage für die kommende Saison werde es nicht geben. Hitzfeld, der 1997 mit Schwarz-Gelb den bis dato letzten Titel in der Königsklasse gewann, sagt: „Dortmund muss die Strategie ändern.“ Könnten sie mal „den einen oder anderen Top-Spieler halten“ und „würden einen Lauf haben“, dann „könnte es schon mal wieder spannend werden“.

FC Bayern München: „Sie haben ein anderes Selbstverständnis“

Viele Konjunktive mit einer Aussage: Unter normalen Umständen passiert das nicht. In den vergangenen acht Meister-Jahren konnte kommen, was (falsche Trainer, viele Verletzte, große Rückstände) und wer (Dortmund, Gladbach, Leipzig) wollte: Am Ende jubelten immer die Bayern.

„Sie haben ein anderes Selbstverständnis. Das ,mia san mia’ trägt sie“, sagt Peter Hermann. Der 68-Jährige weiß, wovon er spricht, denn er war selbst lange genug dabei. Als Triple-Co-Trainer von Jupp Heynckes zum Beispiel, aber auch schon im Jahr davor, 2012, das schmerzhaft war. Das verlorene ,Finale dahoam’ gegen den FC Chelsea galt als negativer Höhepunkt des Vize-Jahres, das im Rückblick all das, was danach kam, beeinflusste. Noch als die Köpfe der Spieler nach unten hingen, sagte Hermann: „Dann machen wir es halt nächstes Jahr.“ 

Er, der mit dem Endspiel-Gegner am Samstag, Leverkusen 2002, bereits ein trauriges Vize-Jahr erleben musste, erkannte in der Stunde des Misserfolgs den großen Unterschied zwischen dem FC Bayern und dem Rest. „2002 habe ich den Henkelpott touchiert und mir gedacht: ,Da kommst du nie wieder hin.’ Aber bei Bayern ist das jedes Jahr möglich.“ Bayer Leverkusen verlor erst das Champions-League-Finale gegen Real Madrid mit 1:2, dann zahlreiche Stars, unter anderem wechselte Michael Ballack nach München. Die Bayern hingegen starteten 2012 eine Transfer-Offensive* – und waren 2013 am Ziel der Träume.

FC Bayern München: „Geld schießt Tore“ (Hitzfeld)

Hermann war dabei, als die letzte, lange als unvollendet geltende Generation um Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm, Arjen Robben und Franck Ribéry ihre Krönung erlebte. Inzwischen ist „fast geräuschlos“, wie er sagt, ein Umbruch vonstattengegangen, der mit dem Transfer von Leroy Sané* diese Woche so gut wie vollendet wurde. „Ich finde diese Mannschaft jetzt noch besser als 2013“, sagt er – und fragt: „Wer ist die erste Elf? Die sind doch alle so gut.“

Natürlich haben die Bayern viel investiert, natürlich „schießt Geld auch Tore“, sagt Hitzfeld, und natürlich können sie sich – anders als alle anderen – auch mal einen Transfer-Flop leisten. Nun aber haben sie ein Team, das auf einer Achse um die Routiniers Manuel Neuer, David Alaba, Thomas Müller und Robert Lewandowski aufbaut. Und getragen wird von der neuen starken Generation um Joshua Kimmich, Leon Goretzka und Serge Gnabry. Der echte Maßstab einer Star-Truppe wie dieser (Hermann: „Sie spielen den besten Fußball in Europa“) ist freilich die Champions League*. Meisterschaft, Pokal, das sind Saisonziele. Hitzfeld: „Jeder Trainer, der das verfehlt, wackelt. So ist es beim FC Bayern.“

FC Bayern München: Hoeneß spielt in jedem Gespräch eine Rolle - „Spiritus Rector“

Diesen Anspruch gibt es nicht erst seit acht Jahren, er hat sich in den Siebzigerjahren entwickelt. Mit der goldenen Generation um Sepp Maier, Gerd Müller, Franz Beckenbauer & Co. wurde laut Hitzfeld „die Basis gelegt, das Selbstverständnis gefestigt“. Schon damals setzte man auf eine Achse, „das ist heute wieder so“, sagt Maier: „Wer zum Stamm gehört, den verkauft man nicht.“ Eine Philosophie, für die auch stets Hoeneß eingestanden ist, der in allen Gesprächen über Dominanz eine große Rolle spielt. „Vermarktungskünstler, Spiritus Rector“ nennt Hitzfeld ihn, „fußballerisch und unternehmerisch top“.

Dass Hoeneß stets über den Platz hinaus geblickt hat, macht den Club heute auch im internationalen Vergleich einmalig. Hermann erinnert sich gut an die Telefonliste der Geschäftsstelle an der Säbener Straße: „Da kennst du ja die Hälfte der Namen! Da bündeln sich Kompetenz und Herz.“ Aktuell verantwortlich: Oliver Kahn und Hasan Salihamidzic, Ex-Stars. Das Duo und Trainer Hansi Flick* haben noch Ziele in dieser endlos scheinenden Spielzeit. Nach dem Pokalfinale geht es im August in der Champions League um den Titel.

Wäre eine internationale „Super League“ und der Ausstieg aus der Bundesliga* eine Option? „Totaler Schwachsinn“, sagt Maier, „unmöglich für die deutschen Fans.“ Hitzfeld sieht es ähnlich. Also doch lieber Skonto Riga nacheifern, das in Lettland einst 14 Mal am Stück triumphierte? Maier: „Irgendwann wird es auch den Bayern langweilig, dann lassen sie die anderen mal gewinnen.“

Natürlich ist das: ein Witz.

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Rubriklistenbild: © dpa / Kai Pfaffenbach

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