Nachwuchs des FC Bayern

Interview mit NLZ-Chef: Herr Sauer, hat der Campus ein Rassismus-Problem?

Jochen Sauer, Leiter des FC Bayern Campus
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Musste am FC Bayern Campus aufräumen: NLZ-Chef Jochen Sauer war wie auch die Öffentlichkeit von dem Rassismus-Skandal um einen Trainer völlig überrascht.

Beim FC Bayern läuft es sportlich rund - auch im Nachwuchs. Da passen die Rassismusvorwürfe einen Trainer gar nicht ins Bild. NLZ-Chef Jochen Sauer spricht im Interview über die Ermittlungen und die Konsequenzen.

München - Anfang August erschütterten Rassismus-Vorwürfe das Münchner Nachwuchsleistungszentrum, den sogenannten FC Bayern Campus. Ein langjähriger Jugendtrainer hatte sich in einer Chatgruppe mehrfach rassistisch geäußert - auch über Spieler. Kopien dieser Gespräche gelangten an die Öffentlichkeit. Seither hat sich der Klub um Aufklärung bemüht, den Nachwuchscoach sowie zwei weitere Mitarbeiter entlassen.

Im Interview mit der tz äußert sich Campus-Leiter Jochen Sauer (48) erstmals zu der Rassismus-Affäre. Er erläutert die Aufarbeitung des Klubs, erklärt die Konsequenzen und bezieht auch Stellung zu den anonymen Vorwürfen, dass der entlassene Coach sadistische Trainingsmethoden und Mobbing von Nachwuchsspielern vollzogen habe.

Video: So sieht der neue Campus des FC Bayern aus

Herr Sauer, in den vergangenen Wochen und Monaten bestimmte ein Rassismus-Vorfall die Schlagzeilen über den FC Bayern Campus. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Sauer: Es war für alle ein Schock! Wir hatten keine Ahnung, dass es - in einem Teilbereich unseres Campus’ - zu rassistischen Äußerungen gekommen war. Für uns war gleich klar, dass wir diese Vorwürfe sofort untersuchen und aufklären müssen.
Wie lief diese Aufklärung ab?
Sauer: Der Justitiar des FC Bayern hat eine Gruppe gebildet, die mit der Untersuchung beauftragt wurde. Die Mitarbeiter dieser Gruppe sind gewöhnlich in der Direktion Recht und Personal an der Säbener Straße tätig. Wir haben Wert darauf gelegt, dass gewissermaßen „Externe“ aus dem Unternehmen, also keine Campus-Mitarbeiter, die Untersuchung führen. Es ging im ersten Schritt darum, die Vorwürfe auf ihre Echtheit zu überprüfen.
Nach einigen Wochen stand fest, dass die Vorwürfe der Wahrheit entsprachen: Ein langjähriger Jugendtrainer hatte sich in einer Chatgruppe mit Arbeitskollegen mehrmals rassistisch geäußert, auch über Jugendspieler.
Sauer: Es ging um arbeitsrechtliche Pflichtverletzungen, innerhalb einer geschlossenen Gruppe. Rassistische, diskriminierende Aussagen wurden Anfang August über einen Fake-Account bei Twitter verbreitet. Damals haben wir erstmals davon erfahren.
Warum haben Sie als Campus-Leiter nicht früher etwas bemerkt?
Sauer: Weil die Chatgruppe wie ein verschlossener Raum funktioniert hat. Alles ist zwischen den Mitgliedern hinter digital verschlossenen Türen ausgetauscht worden. Es ist bis August 2020 nie etwas nach außen gedrungen.
Neben dem Thema Rassismus wurden besagtem Trainer auch sadistische Trainingsmethoden und Mobbing von Spielern vorgeworfen.
Sauer: Sie sprechen die anonymen Briefe an. Man muss ganz klar festhalten, dass sich diese Vorwürfe nach den Untersuchungen nicht bestätigt haben, mehr noch: Sie haben sich als falsch erwiesen. Wenn Eltern in der Vergangenheit auf uns zugekommen sind und gesagt haben, mein Sohn wird ungerecht behandelt, sind wir dem natürlich nachgegangen. In aller Regel haben sich diese Vorwürfe nicht bewahrheitet - so auch in diesem Fall nicht.
Aber rassistisches Verhalten konnten sie jetzt nachweisen.
Sauer: Wir haben arbeitsrechtliche Pflichtverletzungen aufgedeckt.
Bis es so weit war, hat es aber einige Zeit gedauert.
Sauer: Es braucht immer Zeit, Vorgänge aufzudecken, die im Verborgenen liegen und lagen. Das Chat-Protokoll erstreckte sich über einen Zeitraum von mehr als 30 Monaten. Sie können sich vorstellen, wie viel Zeit allein die Auswertung dieser Schriftsätze in Anspruch genommen hat. Der Inhalt der Chat-Gruppe umfasste Tausende von Beiträgen, davon vielleicht ein Dutzend mit rassistischem Inhalt. Außerdem mussten im Laufe der Untersuchungen sehr viele Gespräche geführt werden.
Hat der FC Bayern Campus denn nun ein Rassismus-Problem oder nicht?
Sauer: Wenn Sie die Frage so stellen: nein. Der FC Bayern hat bei drei Mitarbeitern der U 9- bis U 15-Mannschaften arbeitsrechtliche Pflichtverletzungen ermittelt. Die rassistischen Äußerungen in der Chatgruppe gab es, keine Frage. Und sie haben uns weh getan, denn es wurde auch gegen die Werte und die Haltung des FC Bayern verstoßen.
Sind die internen Ermittlungen mit den Entlassungen abgeschlossen?
Sauer: Ja. Der Verein hat konsequent und richtig gehandelt. Aber ganz so einfach, wie es klingt, liegen die Dinge im Leben ja fast nie. Wir hatten hier auf der einen Seite die arbeitsrechtliche Pflichtverletzung zu bewerten und Konsequenzen zu ziehen. Auf der anderen Seite ging es etwa um einen Jugendtrainer, der länger als 15 Jahre im Verein tätig war, der erfolgreich war und der auch bei vielen Eltern und Spielern beliebt war. Das ist nämlich auch ein Ergebnis von Befragungen. Und dieser Trainer war außerordentlich qualifiziert. Diese sportliche Qualität müssen wir jetzt ersetzen. Das als Hinweis, wie komplex Aufklärungsprozesse sind. Es gibt allerdings noch einen zweiten wichtigen Ergebnispfad.
Welchen?
Sauer: Welche Schlüsse ziehen wir daraus? Was müssen wir verändern? Was müssen wir machen, dass so etwas nicht mehr passiert? Das ist eine wichtige Diskussion, erste Maßnahmen haben wir schon beschlossen.
Zum Beispiel?
Sauer: Wir wollen Kompetenzen und Zuständigkeiten künftig so verteilen, dass die Entscheidungskraft auf mehreren Schultern liegt. Wir wollen unsere Wertevermittlung noch gezielter auf Trainer, Staff, Mitarbeiter ausdehnen, obwohl wir bereits zahlreiche Präventionsmaßnahmen durchführen zu Diskriminierung/Rassismus oder zur Spielsucht. Es gab von Anfang an ein engmaschiges Präventions- und Schulungsnetz auf dem Campus, aber es fokussierte sich bisher weitgehend auf die Spieler. Außerdem wollen wir eine Anlaufstelle für soziale Themen schaffen.
Die Teilnehmer der Chatgruppe, die teilweise ja noch am Campus beschäftigt sind, hätten sich ja einfach frühzeitig der Campus-Leitung anvertrauen können.
Sauer: Das habe ich mich oft gefragt: Warum ist keiner aus der Gruppe zu einem direkten Vorgesetzten oder zur Campus-Leitung gegangen? Wir haben mit allen, die passiv geblieben sind, ernste Gespräche geführt, sehr ernste Gespräche. Von meiner Seite gibt es die klare Erwartungshaltung, dass das in Zukunft in Einklang mit unseren Werten anders gehandhabt wird. Eine Unterlassung in so einem Kontext sollte nicht wieder vorkommen.
Ist am Campus der Frage nachgegangen worden, wer die Chat-Protokolle veröffentlicht hat?
Sauer: Wir haben uns zunächst voll und ganz um die Aufklärung des Sachverhaltes gekümmert. Klar ist, dass derjenige, der so etwas in die Öffentlichkeit trägt, gegen vertragliche Verpflichtungen wie das Betriebsgeheimnis und den Datenschutz verstoßen hat. Das würde bei jedem Unternehmen so bewertet. Wir wissen lediglich, dass nur jemand, der Mitglied des Chats war, die Möglichkeit hatte, den Verlauf abzufotografieren und weiterzureichen.
Wie traurig ist es für Sie, dass die jüngsten Campus-Erfolge von diesem Thema überschattet wurden?
Sauer: Tatsache ist, dass wir mit dem Nachwuchs gerade eine Saison abgeschlossen hatten, die so erfolgreich war wie wohl keine andere in den zurückliegenden 20 Jahren. Wir sind Drittliga-Meister geworden, und diesen Titel haben Spieler aus der U 19 wie Chris Richards und Angelo Stiller mit errungen. Seit 2017 sind wir in allen Altersklassen Schritt für Schritt vorangekommen. Die Trainingsmöglichkeiten am Campus sind für die Jugendspieler deutlich besser als früher an der Säbener Straße. Mit dem Campus kann man jetzt auch Talente mit noch mehr Argumenten von einem Wechsel zum FC Bayern überzeugen. Richards debütiert in diesen Tagen für die amerikanische A-Nationalmannschaft, Jamal Musiala ist als U 18-Spieler mit der englischen U 21 unterwegs. Auch das sind große Erfolge für den Campus, auf die wir stolz sind.
Musiala kam im Sommer 2019 vom FC Chelsea, Richards 2018 vom FC Dallas - echte Eigengewächse sind sie nicht. Inwiefern zeigt ihre Entwicklung, dass der FC Bayern einen Spagat zwischen Nachwuchsförderung und weltweitem Scouting hinbekommen muss?
Sauer: Auch der FC Bayern scoutet weltweit. Aber wir scouten gezielt, denn es gibt das Campus und dort Talente wie Adrian Fein, Ron-Thorben Hoffmann oder Angelo Stiller, die langjährig und durch viele Jugendmannschaften hindurch entwickelt wurden und dabei sind, sich jetzt im Profibereich zu etablieren. Es muss unser Ziel sein, die Musialas zu entdecken und zu fördern, und gleichzeitig einen langjährigen FC-Bayern-Nachwuchsspieler für die Profis des FC Bayern zu entwickeln, wie das ja schon mit Lahm, Schweinsteiger, Müller prominent gelungen ist. Dafür müssen wir auch über Bayern hinaus in die anderen Bundesländer schauen. Für die Jungs ist es beim FC Bayern immer schwierig, bei den Profis nachhaltig Einsatzzeit zu bekommen. Andererseits ist auch für die langjährigen Bayern-Spieler wichtig, dass sie innerhalb ihres Teams immer wieder neue Konkurrenz bekommen. So machen die Jungs sich gegenseitig besser.
Was bedeutet die Pause in den Jugend-Bundesligen für die Talententwicklung?
Sauer: Im Frühjahr war die Situation für unsere U 19- und U 17-Spieler noch schlimmer. Sie durften wochenlang kein Mannschaftstraining und keine Spiele absolvieren. Jetzt ist die Situation besser. Weil die Spieler der U 19 und U 17 keinen Breitensport betreiben, sondern sich in der Berufsausbildung befinden, können sie ihren Trainingsbetrieb fortsetzen. Derzeit trainieren die Mannschaften fünf Mal in der Woche, die Trainer können intensiv an den Defiziten arbeiten. Die U 19-Spieler sind zudem in die Corona-Testreihe der Amateure aufgenommen worden, um in der 3. Liga eingesetzt werden zu können - wie etwa Jamie Lawrence oder Bright Arrey-Mbi.
Wie sehen Sie die geplante Reform der Jugend-Bundesligen?
Sauer: Der DFB hat diesen Prozess schon 2018 angestoßen, weil die U 21-Nationalmannschaft und auch die anderen DFB-Teams nicht mehr auf dem Niveau wie in den Jahren zuvor gespielt haben und man Probleme bei der Entwicklung von Talenten erkennen konnte. Vor zwei Wochen sind die NLZ-Leiter der 56 Klubs im Detail über die DFB-Pläne informiert worden. Es wird sehr konstruktiv und offen diskutiert, DFB und die DFL haben die Klubs von Anfang an einbezogen. Am Ende wird trotzdem nie etwas stehen, mit dem alle Beteiligten komplett einverstanden sind. Aber wir sind uns einig, dass wir versuchen müssen, etwas zu verändern, zu verbessern. Wir haben festgestellt, dass Länder wie Belgien, die Niederlande oder Österreich, die im Nachwuchsfußball gut sind, andere Wettbewerbsformen haben als wir in Deutschland. Die Überlegungen sind noch nicht ausgereift, aber ich bin zuversichtlich, dass etwas Neues umgesetzt wird.
Wie zufrieden sind sie mit der Trainer-Ausbildung am Campus? Sebastian Hoe­neß und Miroslav Klose arbeiten nach kurzer Zeit bereits in der Bundesliga.
Sauer: Die Trainer-Ausbildung ist fast so wichtig wie die Entwicklung von Spielern. Wir haben in der Regel sehr junge Trainer, die alle noch lernen müssen und wollen. Auch die haben natürlich den Ehrgeiz, irgendwann den nächsten Schritt zu machen. Es ist auch bei Trainern oder etwa Athletiktrainern und Physiotherapeuten unsere Verpflichtung, sie weiterzuentwickeln. Miroslav Klose ist schon Co-Trainer bei den Profis und macht seinen Fußballlehrer, genau wie U 17-Coach Danny Schwarz. Martin Demichelis hat im Sommer die Chance, in Spanien seine Pro-Lizenz zu machen. Damit kriegen wir am Campus acht Trainer mit dem höchsten Trainerschein und werden noch besser aufgestellt sein.
Wie weit ist die Suche nach einem neuen Trainer für die Amateure? Holger Seitz gibt den Posten im Sommer wieder ab.
Sauer: Wir sind in den Anfangsüberlegungen, aber es wird sicher dauern und wir sind nicht unter Druck. Grundsätzlich schauen wir immer erst in den eigenen Reihen nach, ob wir jemandem den nächsten Schritt zutrauen, bevor wir uns auf den Trainermarkt begeben.

Interview: Manuel Bonke, Jonas Austermann

Stichwort: Arbeitsrechtliche Pflichtverletzungen

Schließen Arbeitgeber und Arbeitnehmer einen Vertrag über ein Arbeitsverhältnis ab, gelten für beide Seiten gewisse Pflichten. Der Arbeitgeber, ein Unternehmen etwa, hat die Hauptpflicht, seinen Angestellten wie vereinbart zu bezahlen. Der Arbeitnehmer hat derweil die vertraglich geregelte Arbeitsleistung zu erbringen - zum Beispiel eine gewisse Stundenanzahl.

Zusätzlich zu diesen Hauptpflichten gibt es Nebenpflichten wie die Sorgfalts- oder die Verschwiegenheitspflicht. Auch rassistische Äußerungen können vom Arbeitgeber als arbeitsrechtliche Verletzung der Nebenpflichten gesehen werden und zur (fristlosen) Kündigung führen.

Das ist Bayerns Talentschmiede

Seit dem 1. August 2017 haben die Nachwuchsfußballer des FC Bayern ihr Zuhause an der Ingolstädter Straße 272 im Norden der Stadt, das gilt auch für die Frauenteams. In zwei Jahren Bauzeit und für 70 Millionen Euro entstand auf 30 Hektar das Nachwuchsleistungszentrum, der so genannte FC Bayern Campus. Der damalige Präsident Uli Hoeneß nannte das Prestige-Projekt bei der Eröffnung „die Antwort auf den Transferwahnsinn“.

An der Ingolstädter Straße stehen dem Bayern-Nachwuchs acht Fußballfelder, eine Turnhalle und ein Stadion (Kapazität: 2500 Zuschauer) zur Verfügung. Im Hauptgebäude befinden sich 35 Appartements für Talente, die nicht aus dem Großraum München stammen sowie die Trainer- und Mitarbeiterbüros.

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