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Fünf Jahre FC-Bayern-Campus: Die „Antwort auf den Transferwahnsinn“ steht noch aus

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Von: Vinzent Fischer

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70 Millionen Euro investierte der FC Bayern in das Nachwuchsleistungszentrum.
70 Millionen Euro investierte der FC Bayern in das Nachwuchsleistungszentrum. © Imago Images / kolbert press

Fünf Jahre ist es her, dass der FC Bayern seinen Campus eröffnet hat. Doch kaum ein Talent hat es seither beim Rekordmeister geschafft. Eine Analyse.

München - Es war ein Event der Superlative. Am 21. August 2017 weihte der FC Bayern seinen nagelneuen Campus an der Ingolstädter Straße ein. Ganze 70 Millionen Euro ließ sich der Rekordmeister sein Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) kosten. 35 Appartements, eine Arztpraxis und zahlreiche Plätze in bestem Zustand - der Campus erfüllt die allerhöchsten Ansprüche.

Der FC Bayern reagierte mit dem neuen Prachtbau auf den Platzmangel an der Säbener Straße. Nach etlichen Jahren sollte endlich wieder ein Talent wie Thomas Müller (32) oder Ex-Kapitän Philipp Lahm her, das im Profibereich Jahre des Erfolgs prägen kann. Nach fünf Jahren sind aus der Klubzentrale allerdings andere Töne zu vernehmen. Hat der FC Bayern einen Paradigmenwechsel vollzogen?

FC Bayern: Uli Hoeneß sieht Campus als „Antwort auf den Transferwahnsinn“ - ist es das wirklich?

Zurück in das Jahr 2017. „Wir wollen versuchen, das Geld, was andere aus Russland oder Nahost oder sonst woher bekommen auszugleichen durch geschicktes Taktieren. Vielleicht ist dieser Campus unsere Antwort auf den Transferwahnsinn und die Gehaltsexplosion“, sagte der damalige Bayern-Präsident Uli Hoeneß (70) seinerzeit. Doch besonders in dieser Saison beteiligt sich der FC Bayern selbst daran - für 137,5 Millionen Euro haben die Münchner im Sommer eingekauft.

Ehrenpräsident des FC Bayern: Uli Hoeneß.
„Vielleicht ist dieser Campus unsere Antwort auf den Transferwahnsinn“, meinte Uli Hoeneß 2017 bei der Eröffnung des FC Bayern Campus. Doch was ist daraus geworden? © IMAGO / Sven Simon

„Spieler für den Profifußball ausbilden“, lautet das Motto des Sportlichen Leiters Holger Seitz (47) und von Campus-Chef Jochen Sauer (50) heute. Die jungen Talente sollen an die große Bühne herangeführt werden, bestenfalls mit dem großen Durchbruch im Star-Ensemble der Roten. Priorität sei es, „Talente zu entwickeln. Nach der letzten Saison sind acht unserer Spieler Profis bei verschiedenen Vereinen geworden. Darauf bin ich stolz“, sagt Amateure-Coach Martin Demichelis (41) im Interview mit Spox. Doch nur wenige der Hochbegabten aus dem Campus haben es in die Profimannschaft des FC Bayern geschafft. Im Kader von Julian Nagelsmann sind zwar einige NLZ-Lehrlinge aufgelistet, doch ob die jungen Burschen unter dem Chefcoach viele Minuten sammeln werden?

FC Bayern: Jamal Musiala hat den Durchbruch geschafft - doch er wurde in England ausgebildet

Josip Stanisic (22) etwa, der Verteidiger begann seine Ausbildung beim TSV 1860. Über den SC Fürstenfeldbruck führte sein Weg an der Säbener Straße, er kommt seit April 2021 auf 14 Einsätze in der Bunddesliga (1 Tor). Jamal Musiala (19) gilt als der Durchstarter schlechthin, doch seine Ausbildung geht auf das Konto des FC Chelsea, wo er bis 2019 unter Vertrag stand.

Jamal Musiala (l.) freut sich mit Alphonso Davies.
Jamal Musiala (l.) freut sich mit Alphonso Davies. © IMAGO/Mladen Lackovic

Gabriel Vidovic (18) kam aus dem NLZ des FC Augsburg und soll nach einer starken ersten Saison vielleicht noch verliehen werden. Wie die Karriere von Paul Wanner (16) nach seinem Rekord-Debüt weitergeht, bleibt abzuwarten. Er soll in dieser Spielzeit zunächst primär in der U19 eingesetzt werden. Die Personalie Adrian Fein (23) ist schwierig, nach seinem geplatzten Wechsel in die USA hat er keine Perspektive an der Isar. Der Mittelfeldspieler durchlief die Jugend des FC Bayern seit 2006.

Wiederaufstieg der Bayern-Amateure platzt - SpVgg Unterhaching rüstet auf

Besonders wichtig für die Ausbildung der Talente beim FC Bayern ist die zweite Mannschaft (U23). In der 3. Liga ermöglichte sie jungen Spieler, Spielpraxis auf hohem Niveau zu sammeln. Mit allen Mitteln sollten die „Amateure“ in der Profiliga gehalten werden, doch 2021 folgte der Abstieg in die Regionalliga. In der vergangenen Saison scheiterte das Team um Martin Demichelis im Duell mit der SpVgg Bayreuth am Ende doch recht deutlich an der Drittliga-Rückkehr.

Seither hat sich das Credo bei den Bayern-Amateuren offenbar ein bisschen gedreht. Während die Konkurrenz aus Unterhaching mit zahlreichen bekannten Spieler wie Ex-Türkgücü-Keeper Rene Vollath aufgerüstet hat, gaben die „kleinen“ Bayern erfahrene Kräfte wie Maxi Welzmüller (nach Unterhaching) oder Nicolas Feldhahn (Karriereende) ab. „Wir setzen in der Reserve noch mehr als vorher vorrangig auf junge Talente“, erklärt Martin Demichelis.

Holger Seitz (FC Bayern): „Keine Rücksicht auf die Tabelle“

„Wir wollen noch mehr auf die individuelle Entwicklung unserer Spieler schauen und werden dabei keine Rücksicht auf die Tabelle nehmen“, sagt Holger Seitz im Interview auf der vereinseigenen Homepage. Zwar wolle der Klub auch „Gewinner“ ausbilden, doch Seitz ist „absolut davon überzeugt, dass wir mit dieser Ausbildungsphilosophie den größten Erfolg bei unserem sportlichen Hauptziel am Campus haben.“

Die Amateure sind „kein Regionalligist, sondern die zweite Mannschaft des FC Bayern. Das ist etwas anderes“, findet Martin Demichelis.
Die Amateure sind „kein Regionalligist, sondern die zweite Mannschaft des FC Bayern. Das ist etwas anderes“, findet Martin Demichelis. © Imago Images / Johannes Traub

FC Bayern: Der Sprung von der U23 zu den Profis ist zu groß

Die Amateure seien „kein Regionalligist, sondern die zweite Mannschaft des FC Bayern. Das ist etwas anderes“, findet Martin Demichelis, denn „unsere Talente dürfen am gleichen Trainingsgelände wie die Profis trainieren, manchmal sogar mit ihnen.“ Und Holger Seitz stellt fragend in den Raum: „Was bringt ein Titel im Nachwuchsfußball, wenn die individuelle Entwicklung auf Kosten von Spielergebnissen hintenangestellt wird und es deswegen kein Spieler aus dieser Mannschaft später in den Profifußball schafft?“

Dass es einige Bayern-Talente nach oben geschafft haben, ist unbestritten. Das Fazit nach fünf Jahren ist dennoch ausbaufähig. Der Sprung von den Bayern-Amateuren zur Profimannschaft scheint trotz regelmäßigem Training auf höchstem Niveau zu hoch zu sein. Die Konsequenz: Die meisten der Hochbegabten fallen beim hochkarätigen Kader des FC Bayern durch das Raster, werden verliehen oder nach Leihgeschäften verkauft.

FC Bayern Campus: Das lukrative Geschäft mit den Talenten

Für den Rekordmeister hat sich das finanziell in der Vergangenheit gelohnt. Marco Friedl (24) etwa konnte beispielsweise 2019 für 3,5 Millionen Euro an Werder Bremen verkauft werden. In diesem Sommer erwirtschafteten die Bayern durch die Verkäufe von Lars Lukas Mai (22, verkauft für 1,6 Millionen Euro), Christian Früchtl (22, 500.000 Euro) und Ron-Thorben Hoffmann (23, 300.000 Euro) immerhin 2,4 Millionen Euro. Mit Joshua Zirkzee steht ein weiterer Nachwuchsspieler vor dem Absprung. Der Niederländer wird vermutlich einen zweistelligen Betrag in die Kassen spülen. Der Wechsel von Chris Richards könnte inklusive Boni bis zu 20 Millionen bringen.

Das Ziel aber bleibt: Wieder eine Identifikationsfigur wie Müller auszubilden. „Insgesamt blicke ich aber bei allen unseren Mannschaften voller Vorfreude auf die neue Spielzeit und bin sehr optimistisch, was die Zukunft und die weitere sportliche Entwicklung des FC Bayern Campus betrifft“, sagt Nachwuchs-Leiter Holger Seitz. (vfi)

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