Ex-Bayern-Spieler im Interview

Hamann lehnt Transfer ab und stichelt gegen Bayern-Neuzugang: „Er ist ein Hitzkopf“

Ex-Bayern-Spieler Dietmar Hamann kritisiert den Transfer von Marcel Sabitzer.
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Ex-Bayern-Spieler Dietmar Hamann kritisiert den Transfer von Marcel Sabitzer.

Didi Hamann spricht im tz-Interview über den Kader des FC Bayern, Trainer Nagelsmann, Süle und Sané. Einen bestimmten Transfer hätte er nicht gemacht.

München/Berlin - Didi Hamann (48) ist ein Mann der klaren Worte! Das bewies er auch im Gespräch am Rande der Award-Verleihung des Deutschen Fußball Botschafters e.V. in Berlin. Das Interview mit dem Ex-Bayern und -Liverpool-Star.

Wie bewerten Sie die Arbeit des neuen Bayern-Trainers, Julian Nagelsmann, bisher?

Hamann: „Sehr gut. Das sah in der Vorbereitung ein bisschen anders aus, wo sie die Spiele nicht gewonnen hatten. Aber die Nationalspieler kamen ja auch spät zurück. Mich hat es sehr überrascht, in welcher brillanten Form sie waren die ersten sieben Wochen. Sie haben auch am Sonntag beim 1:2 gegen Frankfurt wenig falsch gemacht, nur ihre Chancen nicht genutzt. Wenn du einen Trainer ersetzt, der unheimlich beliebt war wie Hansi Flick, dann ist das immer problematisch. Wie Nagelsmann das geschafft hat – du brauchst da Fingerspitzengefühl und diplomatisches Gespür, wenn du in eine Kabine gehst, wo Weltmeister und Champions-League-Sieger sitzen. Wie er das gemacht hat, war hervorragend. Aber es sollte uns eigentlich nicht überraschen, weil er es ja schon in Hoffenheim und Leipzig erfolgreich gemacht hat.“

Er ist ja auch erst 34 Jahre alt…

Hamann: „Ich glaube, die Alters-Thematik ist eher was fürs Ausland. Die sagen, wie kann der sich schon so brillant verkaufen – intern und nach außen. Aber wir kennen ihn schon sechs, sieben Jahre. Mit 28 Jahren hat er die Hoffenheimer übernommen, als sie mit dem Rücken zur Wand standen, hat sie gerettet. Zwei Jahre später war er dann in der Champions League. Alles, was er gemacht hat, hat funktioniert und er hat Erfolg gehabt. Natürlich sind die Merkmale, die die Aufgabe jetzt hat, andere als in Hoffenheim oder Leipzig. Dort hat er Spieler ausgebildet. Aber das heißt ja nicht, dass er, wenn er das Eine kann, das Andere nicht kann. Ich muss sagen: Ich bin schwer beeindruckt. Auch wie er das jetzt in den ersten Wochen beim FC Bayern gemacht hat. Aber jetzt muss man mal schauen. Nun hat er mal ein Spiel verloren. Wenn dann mal ein, zwei Spieler verletzt sind von der ersten Elf – weil er will doch oft mit der gleichen Mannschaft bzw. dem selben Rückgrat spielen. Das ist dann der Test. Aber ich glaube, er wird das packen.“

FC Bayern: Hamann glaubt an Süle-Verbleib in München

Einer, der auch überzeugt, ist Niklas Süle. Er war eigentlich schon abgeschrieben, nun ist er Stammspieler. Wie sehen Sie ihn?

Hamann: „Sehr gut. Er hat letztes Jahr auch oft auf der Position des rechten Verteidigers gespielt. Auch dieses Jahr, was er gut gemacht hat. Der Trainer kennt ihn. Auch bei Sané hat es eine Leistungsexplosion gegeben. Wenn du einzelne Spieler besser machst, machst du die Mannschaft besser. Nagelsmann scheint, das Beste aus Süle rauszuholen. Ich glaube, dass viele erleichtert sein werden in München.“

Warum?

Hamann: „Es war immer seine Fitness im Raum gestanden… Aber das widerlegt er jetzt alles. Der Trainer scheint, den Draht zu ihm zu haben.“

Sein Vertrag läuft im Sommer aus. Würden Sie mit ihm verlängern?

Hamann: „Die Frage ist, mit wem du ihn ersetzen willst? Man hat Alaba und Boateng ablösefrei verloren. Wer ist besser als Süle, wenn er so spielt, wie im Moment? Ich weiß, dass man über Rüdiger spricht. Aber ich würde ihn Süle nicht vorziehen. Wenn du im Ausland nach Ersatz suchst, dann bist du gleich bei 40, 50 Millionen. Deswegen liegt es an Süle. Ich sehe keinen Grund, warum man nicht verlängert. Ich gehe davon aus, dass man das machen wird, wenn er das will.“

Zurück zu Sané. Mittlerweile ist er fast ein Publikumsliebling, nachdem die EM-Zuseher ihn zuvor sogar ausgepfiffen hatten. Auch Sie haben ihn kritisiert.

Hamann: „Ich habe ihn ja auch ein Stück weit verteidigt. Das, was da passiert ist, hatte er nicht verdient: ihn auszupfeifen und als Sündenbock hinzustellen. Meiner Meinung nach war der Trainer der größte Schuldige bei der Europameisterschaft. Das war mir zu einfach. Ich halte auch nichts davon, immer die Körpersprache anzuprangern. Die besten Spieler schleichen oft über den Platz. Umso mehr sie schleichen, umso weniger du sie siehst, desto gefährlicher sind sie. Das ist bei ihm ähnlich. Die Körpersprache ist meiner Meinung nach keine andere als vor 12 Monaten. Er hat nur ein anderes Selbstvertrauen und fühlt sich wertgeschätzt vom Trainer. Wenn die Fans das auch noch honorieren, dann kommen solche Leistungen zustande. Deswegen freut es mich für ihn, ähnlich wie für Süle. Ich glaube, bei Bayern hatte man schon ein Stück weit Kopfschmerzen gehabt im Sommer, weil man mit Coman einen Spieler hat, der unheimlich verletzungsanfällig ist. Dann hast du nur noch Gnabry und Musiala. Klar, man könnte Müller rausstellen. Deswegen ist es unheimlich wichtig für die Bayern, dass er jetzt funktioniert. Wenn das nicht der Fall gewesen wäre, dann wäre es möglicherweise auf den Außenpositionen eng geworden.“

Ist der Kader zu klein, um auf drei Hochzeiten zu tanzen?

Hamann: „Er lässt ja den Sarr jetzt ab und an spielen. Roca und Tolisso sind auch noch da. Ich glaube, dass die das schon hinbekommen. Wenn du fünf, sechs Verletzungen hast zur gleichen Zeit, dann kann es eng werden. Aber den Vorteil, den die Bayern gegenüber anderen Mannschaften haben: dass sie viele Spiele schon nach 60 Minuten für sich entschieden haben. Gefühlt sind es nochmal fünf oder sechs Spiele weniger, wenn du ein oder zweimal im Monat eine halbe Stunde abziehen kannst, wenn du 3:0 oder 4:0 führst. Ja, sie hätten vielleicht noch einen brauchen können hinten rechts oder in der Innenverteidigung. Aber ich glaube, im Großen und Ganzen sind sie sehr gut aufgestellt.“

Didi Hamann stichelt gegen Bayern-Neuzugang Sabitzer

Marcel Sabitzer ist Ende August noch von Leipzig zu Bayern gewechselt. Ein guter Transfer?

Hamann: „Ich muss ganz ehrlich sagen: Ich hätte ihn nicht geholt. Oder nur, wenn Tolisso geht. Das hat mich etwas überrascht.“

Wieso?

Hamann: „Mir ist er zu undiszipliniert und er ist ein Hitzkopf. Die Frage ist, was ist seine beste Position? Das ist auf der Sechs oder der Acht. Auf der Acht schießt er wahrscheinlich nicht genügend Tore. Auf der Sechs ist er mir zu hitzköpfig, weil da braucht man jemand, der Ruhe ausstrahlt. Es wird spannend. Es ist nicht einfach, wenn du als gestandener Spieler hinkommst und im Moment die Nummer 12 bis 14 bist. Das Spiel in Leipzig war sein erstes: Da ging es hin und her. Unheimlich schwer, reinzukommen. Wenn du das nicht gewohnt bist – er war ja die letzten fünf, sechs Jahre kein Einwechselspieler -, dann ist das keine einfache Situation. Ich bin gespannt, wie er das die nächsten Wochen macht.“

Salzburg-Angreifer Karim Adeyemi wird immer wieder mit einer Bayern-Rückkehr in Verbindung gebracht. Würde das passen?

Hamann: „Er hat ja gesagt, dass er vielleicht mal gerne zurückgehen würde. Ich glaube, dass die Bayern sehr gute Karten und möglicherweise auch schon vorgefühlt haben. Was der Junge macht in seinen jungen Jahren, ist sensationell. Da haben die Unterhachinger einen Diamanten entdeckt und entwickelt. Ich glaube, sie partizipieren ja auch noch mit 25 Prozent an der Ablöse, die die Salzburger generieren. Deswegen wird das die Hachinger freuen. Und mich als Münchner Fußballfan auch. Mich würde es schwer wundern, wenn er nicht bei den Bayern landet. Das wäre natürlich optimal: Du hast einen Lewandowski da, der noch ein, zwei, drei Jahre seine Tore schießt. Du hast einen Jungen nächstes oder übernächstes Jahr da, der ihm zuschauen kann und dann möglicherweise mal die Rolle übernimmt. Deswegen würde es mich schwer wundern, wenn der nächste Verein von ihm nicht die Bayern wären.“

Robert Lewandowski hat beinahe alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Der Ballon D’Or, der von France Football vergeben wird, fehlt ihm noch. Muss er den nun bekommen?

Hamann: „Es wäre schade, wenn er ihn nicht gewinnt. Er hätte es verdient!“

Glauben Sie, dass Dortmund-Stürmer Erling Haaland der Bundesliga über 2022 hinaus erhalten bleibt? DFL-Chef Seifert hat berichtet, ihm sei von einem internationalen Medienmanager empfohlen worden, dass alle Vereine zusammenlegen, damit die Bundesliga nicht den nächsten Superstar verliert…

Hamann: „Vielleicht kann man ihn noch mal ein Jahr halten. Irgendwann wird er nach England gehen. Er wurde dort geboren, ist dort aufgewachsen. Es ist einfach so, dass dort größere finanzielle Mittel da sind. Da braucht die Bundesliga nicht zusammenlegen. Da muss die UEFA irgendetwas machen. Der Wettbewerb lebt von der Chancengleichheit. Und wenn die nicht mehr gegeben ist, dann verwässert das Wettbewerbe. Deswegen hoffe ich, dass da was passiert, damit die Pariser und die Engländer nicht im Überfluss ihr Geld rausschmeissen können. Die deutschen Vereine erarbeiten sich ihr Geld hart. Solange da nichts passiert, wird es unmöglich sein, die besten Spieler zu halten.“

Karl-Heinz Rummenigge hat immerhin gesagt, dass die Super League tot sei. Sehen Sie das genauso und muss jetzt das Financial Fairplay strenger eingehalten werden, um wieder für etwas mehr Fairness zu sorgen?

Hamann: „Ja, das muss kommen. Wenn Bayern, Juventus und PSG jeweils zehn Mal in Folge Meister werden, sagen die Leute vielleicht in ein paar Jahren: Bitte gebt uns die Super League. Wir müssen jetzt die Schrauben drehen, dass Dortmund oder Leverkusen mal Meister wird oder zumindest die Chancengleichheit wieder gegeben ist. Deshalb muss die UEFA da einschreiten.“

Kommen wir zur Nationalmannschaft. Wie bewerten Sie den Start von Hansi Flick als Bundestrainer?

Hamann: „Die letzten Spiele musste man ja gewinnen. Das hat ordentlich ausgeschaut, aber jetzt muss man mal abwarten. Der Anfang ist gemacht. Aber wir müssen uns defensiv stabilisieren, obwohl wir letztens kein Gegentor kassiert haben. Gegen die besten Mannschaften müssen wir schauen, dass wir ein Innenverteidiger-Pärchen finden, mit dem wir konkurrenzfähig sind.“ Interview: Philipp Kessler

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