Sky-Experte im Interview

Didi Hamann beobachtet „fatale Entwicklung“ - auch beim FC Bayern: „Wenn du als zwölfjähriger Bub ...“

Didi Hamann zieht sein Fazit zum erfolgreichen Abschneiden der deutschen Mannschaften in der Champions League.
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Didi Hamann zieht sein Fazit zum erfolgreichen Abschneiden der deutschen Mannschaften in der Champions League.

Fußball-Experte Didi Hamann analysiert die Stärken und Schwächen der deutschen Top-Klubs. Und auch zum Nachwuchs, Star-Spielern und dem Bundestrainer hat er eine Meinung.

München - Zum ersten Mal seit sechs Jahren stehen wieder vier deutsche Klubs im Achtelfinale der Champions League. Der frühere Bayern-Profi und Sky-Experte Didi Hamann (47) spricht der Bundesliga dafür seine Hochachtung aus, erklärt die Gründe für das erfolgreiche Abschneiden und zeigt auf, was in der Nachwuchsarbeit trotzdem noch schief läuft. Das tz-Interview. 

Herr Hamann, alle deutschen Klubs stehen im Achtelfinale der Champions League. Überrascht?
Hamann: Überrascht nicht. Ich habe vor dem Königsklassen-Start gesagt, dass eher vier als zwei deutsche Teams weiterkommen. Man darf aber nicht vergessen, dass gerade Leipzig und Gladbach mit Abstand die schwersten Gruppen hatten. Sich gegen Manchester United, Inter Mailand, Real Madrid und Paris Saint Germain durchzusetzen – da muss ich sagen: Hochachtung! 
Was bedeutet dieser Erfolg für den deutschen Fußball?
Hamann: Die deutschen Vereine haben nicht die finanziellen Möglichkeiten wie die großen Klubs in Spanien oder England. Umso höher ist es den Mannschaften anzurechnen, dass sie im Konzert der großen mitspielen. Was RB Leipzig in so kurzer Zeit auf die Beine gestellt hat, ist schlichtweg sensationell!

Hamann: „Die deutschen Vereine haben in den vergangenen Jahren hervorragend gearbeitet“

Ist das clevere Scouting derzeit der größte Trumpf der Bundesliga, wenn man an Spieler wie Marcus Thuram, Erling Haaland oder Dayot Upamecano denkt?
Hamann: Ja, das war das Bundesliga-Scouting die letzten Jahre schon. Als deutsche Mannschaft musst du kreativ sein, um mit der internationalen Konkurrenz mithalten zu können. Schauen Sie Ousmane Dembele an, der für kleines Geld nach Dortmund kam und für 100 Millionen ging. Oder Jadon Sancho der jetzt einen enormen Marktwert besitzt. Egal ob Dortmund, Leipzig oder Gladbach, dort wurde in den vergangenen Jahren hervorragend gearbeitet. Jetzt ernten die Vereine die Früchte dieser Arbeit. 
Auch der FC Bayern hat mit Alphonso Davies ein Juwel gescoutet. 
Hamann: Absolut, sie haben ihn für ungefähr zehn Millionen aus Kanada geholt, jetzt ist er locker 50 Millionen aufwärts wert. Das geht eben schnell im Fußball. Oder nehmen wir Jamal Musiala, der mit seinen 17 Jahren schon wie ein alter Hase im zentralen Mittelfeld spielt. Das spricht für ein herausragendes Scouting. Und trifft eigentlich auf die ganze Bundesliga zu. Nur so kannst du überleben: Einen Spieler jung für wenig Geld holen, ein paar Jahre weiterentwickeln und ihn dann für einen zweistelligen Millionen-Betrag verkaufen. Wenn ich mir die Sportdirektoren in Deutschland anschaue, muss ich sagen: Auf dieser Position sind wir in Deutschland durchgehend top besetzt. 
Das spricht andererseits gegen die deutschen Talente.
Hamann: Oftmals ist es so, dass ein deutsches Talent etwas mehr kostet als ein ausländisches. Weil jeder Bundesliga-Klub darauf bedacht ist, eine deutsche Achse zu haben. Ich mag mir abschließend kein Urteil erlauben, was in den Akademien los ist, trotzdem stehe ich diesen Nachwuchsleistungszentren grundsätzlich sehr kritisch gegenüber. 
Warum?
Hamann: Wenn ich mir anschaue, was in den vergangenen Jahren aus den englischen Nachwuchsschmieden für Talente hervorgekommen sind, hat man dort bessere Talente gehabt, oder die vorhandenen besser ausgebildet. 
Woran liegt das?
Hamann: Mir wird den jungen Leuten zu früh zu viel erklärt. Wenn du als zwölfjähriger Bub bei Bayern bist, musst du ein außergewöhnliches Talent haben. Und dieses Talent muss sich entwickeln. Wenn ich einem Zwölfjährige stets Lösungen auf dem Platz mitgebe, brauche ich mich nicht wundern, wenn er mit 20 Jahren keine richtigen Entscheidungen trifft. Schauen Sie doch mal die großen Spieler der vergangenen Jahre an: Die waren flexibel, die haben auf jede Situation eine Antwort gewusst – und gefunden! Ich habe oft das Gefühl, dass das vorhandene Talent aus den Kindern herausgecoacht wird. Und das ist eine fatale Entwicklung!

Hamann: Der Nachwuchs soll die Zeit bekommen, seine Talente zu entwickeln

Weil die vorhandene Individualität einzelner Spieler verloren geht?
Hamann: Ja! Ich sage schon seit fünf Jahren: Lasst die Kinder spielen! Du musst versuchen, irgendwie diese Bolzplatz-Situation zu kopieren, die wir früher hatten, die sie heute nicht mehr haben. Wenn ich höre, dass 12-Jährige bis zu fünfmal die Woche trainieren, dann ist das an der Grenze. Denn sie sollten im Idealfall noch einem anderen Sport nachgehen. Das hilft nämlich auch in der Flexibilität und im Bewusstsein eines Spielers. Wenn ich beim Jugendtraining zuschaue: Die Jungs sollen Spaß haben, Verantwortung übernehmen und ihr Talent entwickeln und dafür auch die Zeit haben. 
Wie könnte das in der Praxis aussehen?
Hamann: Wenn ich Außenverteidiger bin und der gegnerische Stürmer spielt mich viermal aus, dann muss ich beim fünften Mal eine Lösung finden, wie ich es besser machen kann. So einfach ist das. Freilich kann ich meinem Spieler irgendwann mal einen kleinen Hinweis geben – aber der Spieler muss selbst die Lösung finden. Wir schauen am Samstag Bundesliga an und wundern uns, dass die Protagonisten die falschen Entscheidungen treffen. Da brauchen wir uns nicht wundern, weil wir ihnen zehn Jahre lang gesagt haben, was sie zu tun haben. Das ist für mich der falsche Ansatz. Serge Gnabry ist für mich ein sehr gutes Beispiel, wie es funktionieren kann. 
Inwiefern?
Hamann: Er hatte in England keine leichte Zeit und hat viele Rückschläge erlebt. Er hat aus diesen Rückschlägen aber gelernt und eine überragende Entwicklung genommen. In solchen Situationen musst du auch schauen, dass du Wege und Lösungen findest, um gestärkt daraus hervorzugehen. Sein Werdegang nach seiner Zeit in England über Bremen und Hoffenheim war ja auch ungewöhnlich. Ich habe Hochachtung vor dem Spieler, weil er Rückschläge zu verkraften hatte, die andere nicht verkraftet hätten.

Hamann über Leroy Sané: „Das kannst du nur machen, wenn du der beste der Welt bist“

Leroy Sané hat den anderen Weg gewählt: Von der Bundesliga in die Premier League und jetzt wieder in die Bundesliga zum FC Bayern. Warum zündet der Königstransfer noch nicht?
Hamann: Ich habe von Anfang an gesagt: Das ist seine letzte Chance, um sich bei einem Spitzenklub durchzusetzen. Er hatte am Anfang eine gute Phase in Manchester, dann spielte er wieder weniger. Jogi Löw hatte ihn bei der WM 2018 zu Hause gelassen. Es waren schon Fragezeichen. Und was ich immer wieder höre, ist, dass er gerne sein eigenes Ding macht. Das kannst du machen, wenn du der beste der Welt bist. Wenn nicht, dann musst du für die Mannschaft arbeiten. In Manchester hat Sané die Anweisungen oft nicht so befolgt, wie es der Trainer wollte. Dann ist er das eine oder andere Mal zu spät gekommen, bis auch Pep Guardiola gesagt hat: Das ist jetzt genug!
Warum sollte es in München anders sein?
Hamann: Beim FC Bayern hat man eine starke Kabine und eine gewachsene Achse. Die gab es in Manchester nicht. Meine Hoffnung war, dass ein Manuel Neuer, Thomas Müller oder auch Joshua Kimmich ihn mal zur Seite nehmen und sagen: Pass auf Junge, so läuft das hier. Wenn du darauf keine Lust hast, hast du bei uns keinen Platz. Wenn man eine erste Bilanz nach drei Monaten zieht, scheint das bei ihm noch nicht gefruchtet zu haben. Man muss ganz klar sagen: Zu Gnabry und Kingsley Coman ist er aktuell kaum eine Option. Wenn morgen Champions-League-Finale wäre, würde er nicht von Anfang an spielen. Das sollte eigentlich sein Anspruch sein. 
Ein Sané in Topform würde auch der Nationalmannschaft helfen. Wie haben Sie den Auftritt des Bundestrainers am Montag erlebt?
Hamann: Mir macht er im Moment einen etwas trotzigen, sturen Eindruck. Das ist nicht gut. Wenn er sagt, dass er spricht, wann er will, darf er eines nicht vergessen: Es hat ja eine große Diskussion um seine Position gegeben. Fußball-Deutschland hat natürlich ein Recht darauf, den Bundestrainer unmittelbar nach einer 0:6-Pleite zu hören – und auch ein paar Tage später. Er muss erklären, warum das Spiel so gelaufen ist und wie er sich die nächsten Wochen und Monate vorstellt. Natürlich muss er nicht wöchentlich einen Zwischenbericht zum Zustand der Nationalmannschaft abgeben. Aber ich hätte mir schon gewünscht, dass er etwas mehr auf die Fans eingeht. Er darf nämlich nicht vergessen, dass die Unterstützung der deutschen Fußballfans nicht unwichtig für das Abschneiden der DFB-Elf ist. Diese Demut oder ein Selbsteingeständnis, das hat mir gefehlt.

Das Interview führte Manuel Bonke.

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