Bericht: Darum musste der Trainer gehen

Vergiftetes Klima und ein ungeheuerlicher D-Jugend-Vergleich: Schwere Vorwürfe gegen Ancelotti

Das Tischtuch zwischen den Spielern des FC Bayern und Ex-Trainer Carlo Ancelotti schien am Ende völlig zerschnitten zu sein. Das Fachmagazin Kicker berichtet von unüberwindbaren Differenzen zwischen weiten Teilen des Teams und dem italienischen Coach.

Die Entlassung von Carlo Ancelotti beim FC Bayern - noch immer schlägt sie in Fan- und Expertenkreisen hohe Wellen. Der Fehlstart in die Saison mit zum Zeitpunkt der Demission drei Punkten Rückstand auf Tabellenführer Borussia Dortmund sowie das desaströse 0:3 in der Champions League bei Paris St. Germain waren die augenscheinlichen Hauptgründe für die Trennung - doch Stück für Stück kommen immer mehr Details an die Oberfläche, warum der renommierte italienische Trainer beim FC Bayern wohl nicht mehr tragbar war. Fünf Spieler hätte der Italiener gegen sich aufgebracht, hatte Vereinspatron Uli Hoeneß noch am Abend der Ancelotti-Entlassung redselig aus dem Nähkästchen geplaudert. Doch nun stellt sich heraus, dass das wohl nur die Spitze des Eisbergs war. Wie der Kicker berichtet, gab es noch eine ganze Reihe an Entwicklungen, Fehlentscheidungen und Problemen, mit denen der Italiener Mannschaft und Bosse gegen sich aufbrachte:

Thomas Müller: Von Anfang an stand die Zusammenarbeit zwischen Ancelotti und dem Bayern-Urgestein unter keinem guten Stern. In der ersten gemeinsamen Saison stand der Weltmeister oftmals neben sich und zeigte nur selten die besonderen Qualitäten, die ihn in den vergangenen Jahren ausgezeichnet und ihn mit seiner unnachahmlichen Spielweise zum regelmäßigen Torschützen gemacht hatten. Kümmerliche fünf Bundesliga-Tore erzielte der Offensivmann in der vergangenen Saison - zudem ließ ihn Ancelotti in allen wichtigen Spielen zu Beginn draußen. Das setzte sich in dieser Saison fort: Bereits im zweiten Liga-Spiel in Bremen saß Müller auf der Bank, und meckerte hinterher öffentlich, dass seine Qualitäten beim Trainer womöglich nicht gefragt seien. 

Thiago und die Spanien-Fraktion: Der Mittelfeldspieler galt als der Lieblingsspieler Ancelottis - und genoss dementsprechende Wertschätzung beim Trainer. Auch Javi Martinez und der Kolumbianer James, den Ancelotti unbedingt haben wollte, standen beim Mister hoch im Kurs. Das soll für Irritationen und Eifersüchteleien im Team gesorgt haben, im Mannschaftskreis soll laut Kicker davon gesprochen worden sein, dass gemeinsames Essengehen der italienisch-spanischen Fraktion die Aufstellung beeinflusst hätte. Ein Indikator dafür, dass es im Team nicht gestimmt hat - das Fachmagazin schreibt gar über „vergiftetes Klima“ in der Mannschaft.

Franck Ribéry: Zwischen dem Franzosen und dem Italiener passte es nicht. Auswechslungen in den wichtigen Spielen der vergangenen Saison gegen Borussia Dortmund und Real Madrid, dann noch der Bankplatz beim Gewinn der Meisterschaft in Wolfsburg im Frühjahr - es brodelte immer mehr beim emotionalen Franzosen. Zur Explosion kam es dann beim ersten Champions-League-Spiel in dieser Saison gegen den RSC Anderlecht, als er nach seiner Auswechslung wutentbrannt sein Trikot Richtung Ersatzbank schleuderte. Danach war das Verhältnis zwischen Star und Trainer wohl zerrüttet - und doch kam es noch schlimmer für den Franzosen: Zum Spiel in seiner französischen Heimat in Paris in der vergangenen Woche soll Ribéry 40 Freunde und Familienmitglieder in den Prinzenpark eingeladen haben - und schmorte 90 Minuten auf der Bank. Wohl der Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte. 

Im Frühjahr noch scherzte Präsident Hoeneß über seinen Liebling: "Jedes Mal, wenn der Ribéry nach 70 Minuten raus muss, ruft er mich am Abend an und sagt: 'Jetzt habe ich genug, ich gehe!'“ Nun aber dürften die Telefondrähte zwischen dem Hause Ribéry und der Hoeneß-Residenz am Tegernsee in den vergangenen Wochen regelrecht geglüht haben.

Jerome Boateng: Das Pokalhalbfinale in der vergangenen Saison hinterließ bei Jerome Boateng tiefe Wunden. Nicht nur wegen des überraschenden Ausscheidens bei der Heimniederlage gegen Borussia Dortmund, sondern vor allem auf Grund der Tatsache, dass dem damals fitten Nationalspieler seinerzeit Javi Martinez in der Innenverteidigung vorgezogen wurde. Alleine diese Entscheidung soll für Irritationen beim Weltmeister gesorgt und dazu geführt haben, dass sich der 29-Jährige zwischenzeitlich über einen Abschied Gedanken gemacht habe. Vor dem denkwürdigen Match in Paris in der vergangenen Woche soll zwischen Ancelotti und Boateng vereinbart worden sein, dass er auf Grund mangelnder Fitness zunächst auf der Bank Platz nehmen sollte. So weit, so gut. Doch Ancelotti setzte den Verteidiger ohne weitere Erklärungen auf die Tribüne.

Taktische und inhaltliche Fehler: Wie der Kicker schreibt, habe man Ancelotti im Verein vor allem einen Fehler nicht verziehen: Die Auswechslung des mit einer gelben Karte vorbelasteten Arturo Vidal im Achtelfinal-Rückspiel bei Real Madrid. Bayern führte, erreichte die Verlängerung - Vidal jedoch wurde vom Platz gestellt - und die dezimierten Bayern am Ende von Real Madrid aus dem Wettbewerb geworfen. Beim 2:2 vor eineinhalb Wochen gegen den VfL Wolfsburg soll Ancelotti in der Halbzeitpause beim Stand von 2:0 nicht mehr gesagt haben als: „Ihr müsst aufpassen“.

Ancelottis Fitnesstrainer (!) Giovanni Mauri soll in der Kabine geraucht (!) und die Spieler teilweise mit einem minimalen Aufwärmprogramm von nur drei Minuten Dauer beschäftigt haben. Einigen Profis sei dies sauer aufgestoßen. Einige wollten offenbar privates Zusatztraining absolvieren, was Ancelotti jedoch verboten habe. Arjen Robben, ein Musterprofi, soll geätzt haben, in der D-Jugend seines Sohnes in Grünwald werde intensiver trainiert als beim FC Bayern. Andere Profis wie Manuel Neuer und in der vergangenen Saison Philipp Lahm und Xabi Alonso seien bei den Bossen vorstellig geworden und hätten sich über die fehlende Trainingsintensität beschwert.

Vor dem Spiel in Paris habe Ancelotti erstmals umfangreiche Videoanalysen verordnet - dann aber bei seiner gewagten Aufstellung andere Spieler auf den Platz geschickt, als anhand der Auswertungen besprochen worden war.

Junge Spieler: Es war bereits vor Ancelottis Engagement bei den Bayern bekannt gewesen, dass der Italiener nicht als der größte Förderer der Jugend gilt und lieber auf gestandene Profis setzt. So sollen auch Joshua Kimmich und Kingsley Coman sich zeitweise auf verlorenem Posten gefühlt und bei der Vereinsführung nachgefragt haben, welchen Stellenwert sie denn eigentlich genössen. Die Entscheidungen, dass Kimmich die Nachfolge von Philipp Lahm als Rechtsverteidiger antreten solle und Coman fest von Juventus Turin verpflichtet wird, wurden lange hinausgezögert.

Hummels mit Brille, Müller ganz cool: Hier kommen die Bayern-Stars in ihren Dienstwagen zur Säbener

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Ein Fotograf der Nachrichtenagentur AFP hat die Bayern-Stars in ihren Autos fotografiert - hier Mats Hummels. © AFP
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Robert Lewandowski. © AFP
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Corentin Tolisso. © AFP
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Kingsley Coman. © AFP

Video: Glomex

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