„Hearables“ für Spieler bald möglich

Wird Nagelsmann bald zum Flüster-Trainer? Unternehmen arbeitet an Kommunikations-Revolution im Fußball

Bayern-Trainer Julian Nagelsmann.
+
Bayern-Trainer Julian Nagelsmann: Hat er bald einen Stecker im Ohr, um während des Spiels mit seinen Jungs besser kommunizieren zu können?

Trainer, die sich die Seele aus dem Leib brüllen, um ihre Mannschaft zu erreichen - bald könnte dieses Bild der Vergangenheit angehören: Wenn alle Spieler einen Stecker im Ohr haben.

München - Die Fußballwelt kennt Julian Nagelsmann (34) als Vulkan an der Seitenlinie – doch in Zukunft könnte er zum Flüster-Trainer werden. Zur Erinnerung: Ende September regte der Chefcoach des FC Bayern im Gespräch mit der tz an, künftig mehr technische Hilfsmittel im Spitzenfußball einzusetzen. Als Vorbild nannte Nagelsmann damals die Amerikanische Football-Liga NFL: „Football ist unglaublich weit bei der Technologie in der Kommunikation mit Spielern. Sprich: Der Quarterback hört den Trainer auf dem Feld.“ Genau an dieser Idee arbeitet das junge Unternehmen Coachwhisperer. Nagelsmann liegt sogar schon eine Präsentation davon vor.

Der Ansatz: Trainer und Spieler sind durch ein innovatives und kabelloses Hearable (deutsch: smarter Kopfhörer), das auf jedes Ohr angepasst wird, verbunden. Über eine iPad-App kann der Trainer auswählen, mit welchen Spielern er kommunizieren möchte. Dabei kann er sowohl einzelne Spieler, eine individuell auswählbare Gruppe (zum Beispiel Abwehr oder Angriff) oder die gesamte Mannschaft ansprechen. „Die Ohrmuschel ist wie ein Fingerabdruck, jede ist unterschiedlich. Um einen angenehmen Tragekomfort zu gewährleisten, ist jeder Kopfhörer maßgeschneidert“, erklärt Gründer und Geschäftsführer Philipp Zacher (27) im Gespräch mit der tz.

Bald Hearables im Fußball? Patentanmeldung ist schon erfolgt

Der studierte Sportwissenschaftler tüftelt seit dem Jahr 2015 an diesem Projekt – und mit Beginn der Corona-Krise arbeitete er mit Nachdruck an seiner Idee. „Die kostbare Zeit, die bislang für Erklärungen aufgewendet werden musste, kommt dank unseres weltweit einzigartigen Team-Communication-Systems nun der Mannschaft und dem Training zugute“, sagt Zacher und ist überzeugt: „Der Trainer kann Spieler individuell und in Echtzeit auf Fehler hinweisen sowie Anweisungen geben. Ganz ohne Trainingsunterbrechung. Durch das unmittelbare Feedback ist eine viel bessere Spielerentwicklung möglich.“ Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie ist ebenfalls vom Potenzial dieser Idee überzeugt und hat Coachwhisperer mit dem EXIST (Existenzgründungen aus der Wissenschaft) Gründerstipendium ausgezeichnet. Wie ernst es Zacher mit seiner Fußball-Revolution meint, zeigt die Tatsache, dass er für die Coachwhisperer-Technik bereits ein Patent angemeldet hat.

Der junge Gründer und sein 15-köpfiges Team sind nicht naiv und wissen, dass diese Art der Kommunikation im Spielbetrieb laut IFAB-Regel Nummer 4 (Ausrüstung der Spieler) untersagt ist. Darum liegt der Fokus aktuell auf der Trainingssteuerung. Neben der Trainer-Spieler-Kommunikation umfasst die Technik bei Bedarf einen individuell gestaltbaren Trainingskatalog und Datentracking sowie die Analyse von Leistungs- und Positionsdaten. Dass Zacher mit seinem Produkt ein Thema angeht, das vielen Fußball-Romantikern ein Dorn im Auge sein könnte, ist ihm bewusst: „Darum wollen wir auch explizit nicht, dass die Spieler auf dem Feld untereinander kommunizieren können. Sie sollen sich weiter anschreien!“

FC Bayern: Nagelsmann wünscht sich Spagat zwischen Technik und Tradition

Einen Spagat zwischen Technik und Tradition wünscht sich auch Nagelsmann für seinen Sport: „Der Fußball ist ja oft noch sehr traditionsbewusst. Überspitzt gesagt: Alles so machen, wie es in den letzten 30 Jahren war und ja keine Neuerungen zulassen.“ Dadurch würden allerdings große Chancen verpasst, „unseren Sport etwas moderner zu gestalten.“

Die Macher von Coachwhisperer sind überzeugt, dass ihr Produkt dazu beitragen kann, den Fußball in die Zukunft zu führen – und einige Bundesligisten haben schon ein offenes Ohr. Beim FC Bayern beschäftigt man sich am Skills.Lab, einer Art Innovationszentrum am Campus, ebenfalls mit der Thematik. Manuel Bonke, Philipp Kessler

Auch interessant

Kommentare