Marcel Reif im tz-Interview

"Das trifft die Bayern an ihrer empfindlichsten Stelle"

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Marcel Reif.

München - Im tz-Interview spricht Marcel Reif über Pep Guardiolas Bilanz, über das Duell der Bayern mit Barcelona und über etwas, das die Münchner "an ihrer empfindlichsten Stelle" trifft.

Pep is coming home! Am Mittwoch kehrt Bayern-Trainer Guardiola zurück ins Camp Nou und fordert im Champions-League-Halbfinale seinen ehemaligen Klub FC Barcelona heraus. Ein Spiel voller Geschichte, voller Geschichten – in das der FC Bayern gehandicapt geht. Sky überträgt ab 20.45 Uhr live. Und Chefkommentator Marcel Reif analysiert das Duell vorab in der tz.

Hallo Herr Reif, der FC Bayern könnte heute mit sechs aktuellen Weltmeistern starten. Und auch die anderen fünf Spieler sind nicht restlos unbegabt. Warum muss man sich trotzdem Sorgen machen?

Reif: Weil der Ausfall von Robben und Ribéry die Münchner an ihrer empfindlichsten Stelle trifft. Die beiden geben dem Bayern-Spiel das, was Guardiolas Schöpfungsplan eigentlich gar nicht vorsieht: Unberechenbarkeit, Anarchie, einen Schuss Wahnsinn. Pep tüftelt alles bis ins letzte Detail aus. Genau diese Perfektion, dieses Fußballpuzzle, und dazu die magischen Momente von Robben und Ribéry, die niemand vorhersehen kann – das ist der FC Bayern, den Europa fürchtet, und der Topfavorit auf den Gewinn der Champions League wäre.

Was bleibt ohne die Zauberer?

Reif: Der Zirkus hat ein „Geschlossen“-Schild an der Tür. Die, die in Barcelona spielen können, sind Weltklasse, ohne jede Frage. Aber in dieser Besetzung ist Bayern deutlich leichter auszurechnen. Und es besteht die Gefahr, dass das Spiel der Münchner zu verkopft wird. Es kann passieren, dass Pep in dieser Zwangslage so viel Schach spielt, dass die letzte Spontaneität und Individualität verloren gehen. Da wünsche ich mir ein bisschen Beckenbauer: „Geht’s raus und spielt’s Fußball!“ Diese Unbeschwertheit und Leichtigkeit könnte im Camp Nou helfen. Wann was tun – nie war Timing wichtiger!

Barcelona geht raus und spielt Fußball.

Reif: Und wie! Bei Barça sorgen Messi, Neymar und Suárez für die Anarchie, die Bayern derzeit fehlt. Sie spielen so, wie es niemand erwartet – nicht einmal sie selbst. Und Trainer Luis Enrique gibt der Mannschaft mehr Freiräume, als es früher unter Pep üblich war. Das hätte sich wunderbar die Waage gehalten mit einem FC Bayern in Bestbesetzung. Als Fußballfan muss man beinahe beleidigt sein, dass es dieses Duell so nicht geben wird.

Hat Sie die Wiederauferstehung des FC Barcelona überrascht?

Reif: Absolut. Vor ein, zwei Jahren hätte ich Wetten angenommen, dass die große Ära von Barcelona und der spanischen Nationalelf vorbei ist. Barça hat – zusammengerechnet – 0:7 gegen Bayern verloren, dazu das spanische Vorrunden-Aus bei der WM. Und jetzt ist der FC Barcelona zurück, vielleicht sogar besser denn je. Ich hatte es ihm nicht zugetraut, aber Enrique ist es gelungen, sich mit Messi zu arrangieren und die Mannschaft neu zu erfinden. Sie spielen jetzt viel hemmungsloser nach vorne als noch unter Guardiola. Die alten Tiki-Taka-Geschichten müssen wir nicht mehr ausgraben, das ist Vergangenheit.

Machen Sie dem FC Bayern Mut!

Reif: Vorne sind die Katalanen überirdisch, hinten irdisch. Wenn es Bayern gelingt, in den Rücken dieses Tsunamis zu kommen, haben sie eine Chance – wenn dich dieser Tsunami nicht vorher schon weggespült hat. Außerdem ist es Barcelona nicht gewohnt, auf Widerstand zu stoßen – außer gegen Real. Aber normalerweise fiedeln sie die spanische Landkundschaft mühelos weg. Die Münchner müssen ihnen auf die Nerven fallen, sie müssen Barcelona daran hindern, sich an sich selbst zu berauschen. Größter Vorteil des FC Bayern ist das Rückspiel in München. Wenn ihnen im Hinspiel ein achtbares Ergebnis gelingt, wenn sie ein Tor machen, können sie wieder vorsichtig an Berlin denken.

Aber das Momentum spricht klar für den FC Barcelona.

Reif: Natürlich. Die Niederlage gegen Dortmund war alles andere als hilfreich, und auch das 0:2 in Leverkusen war kein Stimmungsböller. Gegen Dortmund hat Bayern ein Spiel hergeschenkt, das darf nie und nimmer passieren. Nix ist mehr mit Triple. Jetzt trittst du mit zwei Schlappen im Kreuz in Barcelona an. Und es fehlen ja nicht nur Robben und Ribéry. Robert Lewandowski kann nicht im Vollbesitz seiner Kräfte sein. Gerade ein Spieler, der so von der Körperlichkeit kommt, ist mit diesen Verletzungen und einer Maske natürlich gehandicapt. Mit Alaba fehlt ein ganz wichtiger Stabilisator. Martínez ist gerade von knapp einem Jahr Pause zurückgekommen, Götze kämpft mehr mit sich als mit dem Gegner, Xabi Alonso war zuletzt außer Tritt, Lahm noch nicht in Bestform. Es sind wenig Konstanten, aber verteufelt viele Fragezeichen. Und so muss der FC Bayern im Camp Nou über sich hinauswachsen – während Barcelona einfach nur zeigen muss, was es kann.

Falls Bayern „nur“ Deutscher Meister wird – wäre es trotzdem eine gelungene Saison?

Reif: Ich finde, dass Bayern München bei seinen Möglichkeiten einen anderen Anspruch haben muss, als „nur“ Deutscher Meister zu werden. Die Schale ist Pflicht, aber für eine große Saison muss auch die Kür stimmen. Dieses Jahr, mit den vielen Verletzten, ist aber ein spezieller Fall. Wenn es nicht zu dicke kommt gegen Barcelona, wovon ich nicht ausgehe, müsste man ein Ausscheiden im Halbfinale unter diesen Umständen akzeptieren. Nach zwei Jahren Guardiola kann man trotzdem sehen, dass die Mannschaft noch besser geworden ist, dass sie – in Bestbesetzung – noch stärker, noch stabiler spielt. Peps Bilanz stimmt, so oder so.

Interview: Jörg Heinrich

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