Avancen in Richtung Heynckes

Trainerfrage: Darum stecken die Bayern-Bosse in der Zwickmühle

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Comeback geglückt: Trainer Jupp Heynckes (M.) hat die FC Bayern wieder auf Kurs gebracht - sehr zur Freude der Bosse.

Die öffentlichen Avancen der Bayern-Chefetage für Trainer Jupp Heynckes nehmen zu. Die Bosse scheinen den 72-Jährigen mit aller Macht halten zu wollen. Viel mehr bleibt ihnen offenbar kaum übrig.

München - Uli Hoeneß sendete die ersten unmissverständlichen Signale bereits Ende November auf der Jahreshauptversammlung - damals dauerte Jupp Heynckes' vierte Amtszeit an der Säbener Straße noch nicht einmal zwei Monate an. Am vergangenen Wochenende sprang auch Karl-Heinz Rummenigge auf jenen Zug der Heynckes-Schmeichler auf. Interims-Kapitän Thomas Müller hatte bereits wenige Tage zuvor verdeutlicht, dass auch die Profis des FC Bayern alles andere als unglücklich wären, würde das als Freundschaftsdienst begonnene Engagement des Triple-Trainers über den Sommer hinaus fortgesetzt werden.

Das wirft die Frage nach dem Warum auf. Also: Warum machen die Bayern-Bosse und der Fan-Liebling dem 72-Jährigen - ganz offensichtlich gegen dessen Willen - öffentlich derartige Avancen? Heynckes hatte die ersten Hoeneß-Aussagen noch deutlich zurückgewiesen: „Wir haben eine ganze klare Vereinbarung, und die geht bis zum 30. Juni. Da gibt es nichts dran zu rütteln.“ Er soll sogar bei Rummenigge vorstellig geworden sein, um die Hintergedanken des Präsidenten zu erörtern, und ließ sich dann sogar zu diesem unmissverständlichen Satz hinreißen: „Das hat nichts mit Freundschaft zu tun.“

Video: Tauziehen um Jupp Heynckes

Heynckes verweist auf stressigen Job als Trainer

Mittlerweile will sich der Umgarnte zum Thema überhaupt nicht mehr äußern. In Interviews verweist er lediglich auf den stressigen Alltag als Trainer eines Profiklubs und verrät, dass er sein Leben genießen wolle. Spätestens Hoeneß' Fanclub-Besuch Anfang Dezember, während dem der Patron sich das Ja aller Anwesenden zu einem Heynckes-Verbleib einholte, dürfte dem Erfolgscoach vor Augen geführt haben: So einfach kommt er aus der Sache nicht mehr raus.

Denn es deutet sich an, dass der FC Bayern in der Trainerfrage erneut in eine Zwickmühle schlittern wird. So wie eben schon im Herbst nach der Entlassung von Carlo Ancelotti, als Hoeneß seinen alten Freund von dessen Bauernhof am Niederrhein zurück auf die große Fußball-Bühne bat. Die Zahl möglicher Nachfolger ist überschaubar. Rummenigge betonte bei seinem Talk-Auftritt bei „Sky“ am Sonntag erneut: „Entschieden ist, dass wir einen deutschen Trainer ab 1. Juli haben.“ Damit wären ebenfalls gehandelte Kandidaten wie Mauricio Pochettino von Tottenham Hotspur, Paulo Fonseca von Schachtjor Donezk oder Ex-Barca-Coach Luis Enrique raus aus der Verlosung.

Seit Sommer 2017 vereinslos: Luis Enrique verabschiedete sich nach neun Titeln in drei Jahren vom FC Barcelona.

Auch Hasenhüttl und Kovac in der Verlosung

Problem: Der deutsche Markt wird nicht gerade überflutet von Trainern, die sich bereits vor Starensembles beweisen durften. So wurden zuletzt auch zwei in der Bundesliga aktive Coaches mit dem FC Bayern in Verbindung gebracht, die zwar keinen deutschen Pass besitzen, sich in der Beletage des deutschen Fußballs aber zumindest schon etabliert haben: Ralph Hasenhüttl von RB Leipzig und Niko Kovac von Eintracht Frankfurt. Beide sind bis 2019 gebunden und wurden natürlich schon mit den Gerüchten um ihre Person konfrontiert.

Hasenhüttl, der von 2002 bis 2004 für die zweite Bayern-Mannschaft stürmte, wehrte vor der Winterpause in einem Bild-Interview ab: „Ich habe noch nicht die Erfahrung international, hatte jetzt mein erstes Jahr in der Champions League. Ich finde es unabdingbar, dieses Wissen mitzubringen, wenn ich irgendwann Trainer eines Formats FC Bayern werden würde.“ Der 50-jährige Österreicher nimmt sich also selbst aus dem Rennen, weil er sich noch nicht reif genug für die Roten fühlt. Dabei scheint er mit seinen Leipzigern erneut auf den inoffiziellen Liga-Titel „best of the rest“ zuzusteuern.

Ähnlich zurückhaltend zeigte sich auch Kovac, der von 2001 bis 2003 für die Bayern-Profis aktiv war und nun in Frankfurt schon den zweiten Umbruch in knapp zwei Amtsjahren erfolgreich zu meistern scheint. „Ich habe mit der Eintracht einen sehr guten Klub und eine gute Mannschaft, die noch in der Entwicklung ist, das geht nicht von heute auf morgen, erklärte der 46-Jährige in der FAZ. Die Hessen wollen zeitnah verlängern und sollten dabei auch gute Chancen besitzen - der neue Kontrakt des Kroaten könnte zumindest eine Ausstiegsklausel für Top-Klubs beinhalten.

Können wohl vorerst von der Kandidatenliste gestrichen werden: Ralph Hasenhüttl (l.) und Niko Kovac sind in Leipzig respektive Frankfurt glücklich.

Klare Aussage von Klopp-Berater

Bleiben mit Jürgen Klopp, Thomas Tuchel und Julian Nagelsmann drei Trainer mit deutschem Pass. Ersterer musste zwar zu Beginn des Jahres mit dem Wechsel von Philippe Coutinho zum FC Barcelona erleben, dass er mit dem FC Liverpool nicht zu den ganz großen Fischen im Weltfußball gehört. Zuvor hatte der langjährige Dortmunder Erfolgstrainer den Brasilianer immer wieder für unverkäuflich erklärt - vergeblich.

Doch ein Abschied von den Reds scheint nicht nur wegen des bis 2022 laufenden Vertrags des 50-Jährigen ausgeschlossen zu sein. „Da ist nichts dran“, beendete Klopp-Berater Marc Kosicke bei Sport1 das Thema FC Bayern. Immerhin kann der für seine Begeisterungsfähigkeit gefeierte Ex-Profi in Liverpool doch deutlich größere Summen für neue Spieler locker machen als es ihm die FCB-Bosse gestatten würden. Siehe Virgil van Dijk, der mit 84 Millionen Euro Ablöse zum teuersten Verteidiger der Welt aufstieg.

Bei Tuchel droht Ärger mit den Aphatieren

Tuchel hat zwar prominente Befürworter wie Bayern-Legende Bastian Schweinsteiger und wäre problemlos und jederzeit verfügbar. Der 44-Jährige soll zudem bereits im Herbst als Top-Kandidat gegolten haben. Aber schon damals kam es nicht zur Einigung - Berichten zufolge missfielen den Kluboberen Tuchels vertiefende Nachfragen zu Kader und Strategie. Dazu kommt: Der ehemalige Mainzer und Dortmunder gilt als Perfektionist, der über nahezu alles mitbestimmen möchte - da dürfte angesichts der beiden Alphatiere an der Bayern-Spitze Ärger vorprogrammiert sein. Schon beim BVB scheiterte Tuchel keineswegs an den sportlichen Resultaten, sondern einzig an zwischenmenschlichen Missständen.

Eine extrem heiße Spur führte lange Zeit auch zu Nagelsmann, mit 30 Jahren das Nesthäkchen der Runde. Für den Emporkömmling spricht: Er hat aus dem Kellerkind 1899 Hoffenheim wieder einen Kandidaten für das internationale Geschäft geformt, zudem würde er mit Niklas Süle, Sebastian Rudy, Sandro Wagner und dem künftigen Münchner Serge Gnabry mindestens vier Spieler aus dem Kader der nahen Zukunft kennen. Zudem hat Nagelsmann eine Münchner Vergangenheit und verdeutlichte seine Begeisterung für die Roten bereits in einem Eurosport-Interview.

Sein bis 2021 laufender Vertrag im Kraichgau soll jedoch erst für das Jahr 2019 eine Ausstiegsklausel enthalten. Und diesen will der zu Jugendtrainer-Zeiten vom FC Bayern umworbene, gebürtige Oberbayer nach eigenem Bekunden mehr als nur respektieren. „Wenn Dietmar Hopp und Hansi Flick (Klubboss und Sport-Geschäftsführer bei 1899, d. Red.) möchten, dass ich den Vertrag erfülle, dann erfülle ich den“, sagte er der Heilbronner Stimme.

Ist beim FC Bayern kein Unbekannter: Julian Nagelsmann hat es bei den Roten wieder auf die Kandidatenliste geschafft.

Rummenigge will sich Zeit lassen

Einzige realistische Personalie für den Sommer wäre aus diesem Quintett also Tuchel, den Rummenigge bei Fußball-Talker Jörg Wontorra lobte: „Er ist ein sehr guter Trainer, das hat er speziell bei Borussia Dortmund bewiesen.“ Zur menschlichen Komponente meinte der Vorstandsboss: „Schwierige Typen waren wir alle irgendwann mal.“ Eine andere Aussage des Ex-Stürmers lässt dagegen zumindest erahnen, dass Tuchel nicht der Favorit an der Säbener Straße zu sein scheint: „Die letzten beiden Trainer haben wir sehr früh installiert. Es kann auch sein, dass wir dieses Mal nur ein oder zwei Monate vorher einen Trainer haben werden.“

Die Bayern-Bosse spielen also auf Zeit und werden sich wohl noch so manches Mal schmeichelnd zu Ex-Ruheständler Heynckes äußern. Und das nicht nur wegen dessen beachtlicher Siegesserie.

Lesen Sie auch: Neuer Bayern-Coach: Was will uns Bobic mit dieser Andeutung sagen?

mg/Video: Glomex

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