Rekordmeister überdenkt Scouting

FC Bayern München: Kehrtwende bei den ganz Kleinen

FC Bayern München
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Symbolbild

Der FC Bayern steigt aus dem absurden Wettbieten um die allerjüngsten Talente aus – ein richtiger Schritt. Die Kolumne „Zwischentöne“ von Reinhard Hübner.

  • Der FC Bayern verzichtet in zwei Schritten auf die U9 und U10 im eigenen Verein. 
  • Manche ehrgeizige Eltern fahren ihre Kinder bereits im F-Junioren-Alter mehr als 100 Kilometer zum Training. 
  • Reinhard Hübner schlägt dem Rekordmeister stattdessen vor, mit kleinen Vereinen zu kooperieren.

Es gibt ja Leute, die fest daran glauben, dass die Welt nach Corona eine bessere sein wird. Zarte Hinweise soll es schon geben, der Trend zur Vermummung zeugt von mehr Rücksichtnahme auf den Nächsten, zur Untätigkeit verurteilte Sportler kümmern sich plötzlich rührend um ältere Menschen, und der als völlig abgehoben gescholtene Profifußball verspricht mit der Wiederaufnahme
seines Spielbetriebs Zerstreuung in düsteren Tagen. Überall beginnen sie nun zu sprießen, die zarten Pflänzchen der Hoffnung, so sehr, dass eine ganz wesentliche Nachricht fast ein bisschen untergegangen ist. Weil es hier nicht um Neuers neuen Vertrag oder die törichte Aktion von Kalou ging, sondern nur um Kinder.

Rückschlag für überehrgeizige Mamas und Papas

Der große FC Bayern, man höre und staune, will künftig die Kids wirklich länger in ihrem gewohnten Umfeld lassen und sich ausklinken aus dem absurden Wettbieten um die allerjüngsten Talente. Im ersten Schritt wird die U9, dann auch die U10 abgeschafft, was erst mal ein ziemlicher Schlag sein dürfte für überehrgeizige Mamis und Papis, die ihren kleinen Superstar im heimischen Bambini-Team restlos unterfordert sehen. Und weil Barcelona und Madrid doch etwas schwer zu erreichen sind, sollte es dann halt mindestens der FC Bayern sein.

In den letzten Jahrzehnten hat das zu ziemlichen Auswüchsen geführt, stets war die Aufregung groß, wenn bei einem Kinderspiel Scouts der Bayern gesichtet wurden, zu den jährlichen Talenttagen für die Jüngsten reisten erwartungsfrohe Eltern mit ihrem ganz sicher extremst talentierten Nachwuchs aus dem höchsten Norden und sogar dem Ausland an. Und wenn das Kind den kritischen Blicken des Bayern-Trainerstabs genügt hatte, fuhr mancher, der Fall ist belegt, sogar zwei-, dreimal die Woche mehr als hundertfünfzig Kilometer (einfach) zum Training der F-Jugend nach München. Man will ja dem Kind die Zukunft nicht verbauen (dass seit Hummels und Contento keiner in den letzten Jahren den Weg aus der U9 bis nach oben geschafft hat, ist zu vernachlässigen, waren einfach nicht so gut wie der eigene Bub).

Niemand will einen neuen Lionel Messi übersehen

Dass immer jüngere Talente immer mehr in den Fokus großer Klubs rücken, ist der abstrusen Angst geschuldet, einen Messi zu übersehen oder an die Konkurrenz zu verlieren. Viel hat das kaputt gemacht, in den Köpfen von Kindern und Eltern, aber auch in kleineren Vereinen. Aus dem Teamsport begeisterter Mini-Kicker ist ein interner Wettkampf geworden, wer schafft es zuerst zu den Bayern, wer zu den Löwen? Grundwerte wie Teamgeist, Solidarität, Zusammenhalt mussten da auf der Strecke bleiben. Der knallharte Kampf um die Pole Position im Leben beginnt schon in Kita und Grundschule, setzt sich dann fort im Sportverein. Und am Ende bleiben Kindheit und Jugend auf der Strecke. Wir ziehen uns kleine Egomanen heran.

Für den FC Bayern war der Schritt nur konsequent. Der Nachwuchs für die Profis rekrutiert sich seit längerer Zeit kaum mehr aus der eigenen Jugend, geholt werden die Toptalente Europas und der Welt. Zirkzee kam mit 16 aus Holland, Arp mit 19 aus Hamburg, Dajaku mit 18 aus Stuttgart, Singh mit 20 aus Neuseeland. Auch Batista Meier war schon 15, als er aus Kaiserslautern geholt wurde. Wer mit neun das Bayern-Trikot trägt, darf ein bisschen träumen, um dann irgendwann aussortiert und abgeschoben zu werden. Eine ziemlich bittere Erfahrung für die kindliche Seele.

Der FC Bayern sollte mit kleinen Vereinen kooperieren

Reinhard  Hübner ist Autor der Kolumne „Zwischentöne“ im Münchner Merkur.

Das soll sich nun ändern, zumindest bei den ganz Kleinen. Nun könnten die Bayern doch stattdessen mit kleineren Vereinen kooperieren, sie mit Manpower und Know-how bei der Nachwuchsförderung unterstützen und so die Talente behutsam fördern, der Leistungsdruck kommt früh genug. Das wäre wirklich ein schöner Einstieg in eine neue Fußball-Epoche, die ja bald anbrechen soll. Nach Corona.

Michael Frank (FT Gern) im Video über den Schritt des FC Bayern

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