Geister-Fußball, TV-Geld und Hansi Flick

Mehr Gerechtigkeit und weniger TV-Geld für Bayern München und Co.? FCB-Legende völlig empört - „Geradezu lächerlich“

Paul Breitner lobt „Bomben-Innenverteidiger“ Jerome Boateng
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Paul Breitner lobt „Bomben-Innenverteidiger“ Jerome Boateng.

Die Corona-Pause hat die Dominanz des FC Bayern München in der Bundesliga zementiert. Ex-FCB-Profi Paul Breitner sah dies kommen. Für die nächste Saison prophezeit er eine ganz neue Situation.

  • Wir haben uns mit Ex-Bayern-München-Spieler Paul Breitner unterhalten.
  • Die FCB-Legende spricht über den Corona-Meistertitel und die sportliche Dominanz.
  • Sollen Topklubs im Hinblick auf mehr Gerechtigkeit kürzertreten? Für Breitner ein Unding.
  • Mehr zu diesem Thema gibt es in unserer App.

München - Die Bundesliga steuert auf den letzten Corona-Spieltag der Saison zu. Der FC Bayern wird am Samstag nach dem Duell beim VfL Wolfsburg offiziell zum Geister-Meister gekrönt. Bayern-Legende Paul Breitner war nach eigenem Bekunden von Anfang an klar, dass der FCB mit dem Restart der Bundesliga nicht mehr von Platz eins zu verdrängen sein würde. Die Gründe erklärt der Weltmeister von 1974 im tz-Interview. Und er spricht über die Zukunft der Bundesliga, die Arbeit von Hansi Flick und die Verteilung der TV-Gelder:

FC Bayern: „Nur ganz wenig Bundesliga geschaut“ - Breitner erklärt, warum

Herr Breitner, wie haben Sie als Privatmann bisher die Corona-Pandemie erlebt?

Paul Breitner: Das Einzige, was mich gestört hat und stört, ist, dass von Anfang an alles über einen Kamm geschert wurde. Ich durfte zum Beispiel nicht in einem großen Sportgelände alleine um einen Fußballplatz laufen, aber in der Fußgängerzone hätte ich joggen dürfen – um ja möglichst viele anzustecken. Man hat auch nicht zwischen Einzel- und Mannschaftssport differenziert. Warum durfte ich nicht Tennis spielen? Warum durften die Leute nicht alleine Golf spielen?

Die Bundesliga durfte wieder spielen und steuert nun dem letzten Spieltag entgegen.

Breitner: Ich habe in dieser Zeit nur ganz wenig Bundesliga geschaut, weil ich über Jahrzehnte genügend Trainingsspiele gesehen habe: A- gegen B-Elf. Und das haben wir aktuell bei jedem Bundesligaspiel. Eine von Haus aus bessere trifft auf eine von Haus aus schlechtere Mannschaft. Und das auf neutralem Boden. Darum war mir klar, dass sich an der Tabellenspitze nichts verändern wird.

Seit dem Re-Start schaut Paul Breitner zwar weniger Bundesliga - den FC Bayern hat er aber immer noch im Blick.

Weil den kleineren Vereinen die Fans im Rücken fehlen?

Breitner: Ja, sie müssen ohne Heimvorteil antreten. Gerade in den kleineren Stadien kann das Mannschaften regelrecht nach vorne peitschen. Wer soll ohne Fans die Kraft haben, sich im Spiel zu wehren oder nach Rückschlägen aufzustehen? Ich habe gesagt: Die fußballerisch besseren Mannschaften standen zu Beginn der Pandemie vorne und die werden auch am Ende vorne stehen. Das war nicht hellseherisch, sondern einfach Logik. Aber wissen Sie, was für mich viel wichtiger ist?

Bayern München: „Die meisten glauben, es geht so weiter wie vor Corona“

Sagen Sie es uns!

Breitner: Der Ausblick auf die nächste Saison! Die meisten glauben, es geht in einem Jahr so weiter wie vor Corona – das wird aber nicht der Fall sein. Wir werden eine ganz neue Situation für den Fan, für den Zuschauer haben: Es wird nur noch derjenige ein Stadion besuchen können, der seinen zweiten Reisepass vorlegt – den Impfpass! Gerade wenn ich mir die Eintrittskartensituation im Fußball, im Theater oder bei sonstigen Veranstaltungen anschaue, dann gibt es für mich keinen anderen Weg, als dass die Eintrittskarte personalisiert wird. Ich gehe sogar noch weiter: Alle Aktivitäten, sei es beim Sport, in der Kultur oder auch was Reisen angeht, werden künftig nur noch möglich sein mit diesem zweiten Reisepass. Das wird für mich die Zukunft sein.

Aktuell wird heftig über die Verteilung der TV-Gelder diskutiert.

Breitner: Das wird es nicht geben können und für mich auch nicht geben dürfen! Die, die oben stehen, haben ja auch etwas dafür getan. Und zwar früh genug und über viele Jahre hinweg. Da kann ich doch nicht einfach mal sagen: Wir ändern das jetzt…

Warum nicht?

Breitner: Also bitte! Das wäre doch so, als ob ich sagen würde: Liebe Firma, du bist in diesem Bereich führend, also bittschön liefert mal ein Jahr lang Ware aus, die nur zu 70 Prozent funktioniert, damit wir kleinen auch mal einen Marktanteil bekommen. Das ist geradezu lächerlich! Da kommen die Eifersucht und der Neid durch. Und es fehlt der Res­pekt zu sagen: Ja, warum stehen die oben, warum bekommen die eigentlich mehr? Die Vereine, die oben stehen, sind ja auch international interessant!

Traditionsklubs benachteiligt? Ex-FCB-Profi Breitner ein „Gegner dieser Hysterie“

Borussia Dortmund gegen FC Bayern inte­ressiert in den USA mehr als Mainz gegen Augsburg.

Breitner: Da brauche ich doch gar nicht in die USA gehen, das zählt doch auch für hier! Wenn ich eine Live-Übertragung habe von Bayern gegen Leverkusen, Dortmund, Gladbach oder Leipzig und ich habe eine Partie zwischen zwei Klubs aus dem Liga-Mittelfeld bis Ende – da möchte ich mal sehen, wie die Einschaltquoten im Vergleich ausschauen! Bei den großen Klubs oben habe ich acht Millionen Zuschauer, bei den kleinen vielleicht zwei Millionen. Da muss ich nicht ins Ausland gehen.

Mannschaften wie Leipzig oder Leverkusen werden in diesem Zusammenhang häufig kritisiert – sie nehmen den Traditionsklubs die Gelder weg.

Breitner: Ich zähle zu denjenigen, die vor der Leistung dieser Mannschaften genauso viel Respekt haben wie vor den sogenannten Traditionsvereinen. Ich bin ein Gegner von der Hysterie, was die Tradition angeht. Tradition ist gut, wenn sie positiv gelebt wird. Aber wenn ich immer nur von meiner Tradition lebe, die ich selbst mit Füßen trete, dann bin ich auf dem falschen Dampfer. Der Profifußball ist kein Amateursport! Wir sind Geschäft, wir sind Berufssport! Das ist das, was Millionen nicht akzeptieren wollen: Wir sind Showbusiness! Da geht es nicht um das Wappen auf der Brust, da geht es um das Spektakel und darum, was Millionen Menschen jedes Wochenende fasziniert.

RB Leipzig ist schnell zum Feindbild geworden.

Breitner: Wenn ich in Leipzig Fußballfan wäre, dann würde ich dem Herrn Mateschitz jedes Mal die Füße küssen! Gleiches gilt für den Scheich aus Katar: Er hat Neymar für angeblich 222 Millionen Euro für Paris Saint-Germain gekauft, dem würde ich auch die Füße küssen! Weil er mir als Fan diesen Künstler schenkt. Dieses Geld tut doch niemandem weh, das ist sein Privatvergnügen und bei Mateschitz ist es seine Privatinvestition.

Muss der Fußball bodenständiger werden? Breitner: „Konnte mir noch niemand erklären...“

Nehmen die kleinen Klubs die Corona-Krise als Vorwand, um für eine Umverteilung zu argumentieren, weil sie schlecht gewirtschaftet haben?

Breitner: Lassen Sie mich das so formulieren: Ich bin mir sicher, dass wir in einem Jahr eine andere Liga-Welt haben – bei den Profis und bei den höherklassigen Amateurvereinen, dort wird ja auch Geld verdient. Es wird bei uns und auch in den anderen Ländern reichlich Vereine vor Existenzprobleme stellen. Und dann werden wir sehen, ob die nicht schon jetzt schwindlig sind oder schwindlig waren und sich einfach immer nur von einer Saison zur nächsten durchgehangelt haben. Oder ob es wirklich dann an der Pandemie gelegen hat.

Während der Diskussionen um den Restart der Bundesliga hieß es, dass der Fußball bodenständiger werden müsse.

Breitner: Das ist doch ein Blödsinn! Was heißt bodenständig? Bodenständigkeit hat doch nichts damit zu tun, ob ich Zuschauer im Stadion habe oder nicht. Was heißt das? Das hat mir auch noch niemand erklären können, was er damit meint. Vielleicht meinen die Leute, dass nicht nur der Fußball, sondern auch andere Sportarten und andere Branchen, wie beispielsweise die Schauspiel- oder Filmbranche, ein oder zwei Schritte zurückmachen müssen, was die Finanzen angeht.

Viele kritisieren die Außendarstellung der Fußball-Profis: Man zeigt gerne, was man hat.

Breitner: Aber das haben sie ja auch vor der Pandemie getan. Und einige, die weniger denken, haben das sogar während der Corona-Zeit getan. Nehmen wir doch mal diese Friseur-Geschichte bei Dortmund: Den haben sie schon vor Corona nach London einfliegen lassen und jetzt lassen sie ihn halt so einfliegen – ja mei! Es ist doch vielen die Situation wurscht: Was den Fußball angeht, was aber auch das normale Leben angeht. Die Mehrheit von uns geht Gott sei Dank seriös mit der aktuellen Situation um. Trotzdem gab es vor der Pandemie Ausreißer und die gibt es auch jetzt: Leute, die hirnlos durchs Leben gehen.

FC Bayern unter Hansi Flick: Breitner über den Unterschied zu Pep-Guardiola-Ära

Wie bewerten Sie die Arbeit von Hansi Flick?

Breitner: Ich finde es großartig, was Hansi Flick geleistet hat. Er rotiert nicht nur des Rotierens wegen. Er lässt stets die beste Mannschaft auflaufen. Es war in dem Zusammenhang ein Genuss zu sehen, dass nach ein paar Spielen plötzlich ein Paket von zehn Feldspielern auf dem Platz war und jeder hat gewusst, was sein Neben- oder Hintermann tut. Somit hat Hansi gewisse Automatismen entstehen lassen. Wenn der Mittelfeldspieler stets überlegen muss, wie sein Kollege angespielt werden möchte, verliert man wertvolle Zehntelsekunden, um einen Angriff zu kreieren.

Paul Breitner lobt „Bomben-Innenverteidiger“ Jerome Boateng.

Erinnert Sie die Spielweise unter Flick auch an die Zeit von Pep Guardiola?

Breitner: Nein, sie sollen bitte nicht denselben Spielstil wie unter Pep haben. Damals wurden für mich persönlich bei jedem Spielaufbau im Schnitt zwei Kontakte zu viel gemacht. Ich habe Gott sei Dank auch schon länger nicht mehr das Wort Ballbesitzfußball gehört. Es geht um die Mischung! Hansi hat demonstriert, wie viel er von Jerome Boateng hält. Er war lange Zeit verunsichert und jetzt beweist er wieder, dass er ein Bomben-Innenverteidiger ist. So haben wir jetzt eine wunderbare Mischung gesehen, was den Wechsel zwischen Defensive und Offensive und auch umgekehrt angeht: Das, was ich bekomme, wenn ich weiß, was der andere tut.

Interview: Manuel Bonke

Der FC Bayern München hat einen Trauerfall zu beklagen. Der Verstorbene stand dem Vorstand und dem Präsidium jahrelang beratend zur Seite.

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