„Er wollte immer Perfektionist sein“

Krönung einer Karriere? Robert Lewandowski und die Wahl zum Weltfußballer - Weggefährten packen aus

Er ist beim FC Bayern nicht mehr wegzudenken. Die Karriere des Top-Stürmers Robert Lewandowski könnte jetzt mit dem Weltfußballer-Titel gekrönt werden.

München - Man sagt, Robert Lewandowski sei in sechs Jahren beim FC Bayern zum Teamplayer geworden – aber am heutigen Donnerstag (17. Dezember) geht es nur um ihn selbst. Wenn um 19 Uhr in Zürich der Weltfußballer verkündet wird, ist der 32 Jahre alte Stürmer haushoher Favorit. Seit Jahren lechzt der Pole nach diesem Titel. Zu Recht – wie ein verzweifelter Torhüter, sein Entdecker, ein Geschlagener und sogar sein Chefkritiker der tz sagen.

Bayerns Top-Stürmer konnte schon mit 19 Jahren von sich überzeugen

Der Entdecker: Franciszek, kurz Franz, Smuda (72) brauchte genau eine halbe Stunde, um zu erkennen, was da für ein Talent vor seinen Augen spielte. 2008 war das: Der spätere Trainer von Jahn Regensburg war beim polnischen Erstligisten Lech Posen unter Vertrag und schaute in der zweiten Liga vorbei – Znicz Pruszkow gegen Polonia Warschau. Bei Pruskow stürmte ein großgewachsener, eher schlaksiger Typ, 19 Jahre alt. Sein Name: Robert Lewandowski.

„Generell schaue ich mir immer das ganze Spiel eines interessanten Spielers an, bei Robert habe ich aber nur eine halbe Stunde geschaut“, erzählt Smuda. Er war vollkommen von Lewandowskis Fähigkeiten überzeugt, wollte das aber nicht zeigen. „Wenn ich die ganzen 90 Minuten angeschaut hätte, wäre die Ablösesumme nur gestiegen“, erklärt Smuda und lacht. Pruskows Präsident fragte ganz irritiert nach, warum Smuda denn schon gehe. Die Antwort: „Hier gibt es nichts zu sehen.“

„Die Bayern können beruhigt sein: Robert wird als Weltfußballer genauso hungrig sein wie davor“

In Wahrheit informierte Posens Coach gleich seinen Präsidenten und trug ihm auf, das Geld für Lewandowski zusammenzusammeln. „Daran gab es für mich keinen Zweifel“, sagt Smuda. „Er konnte seine Gegner ausdribbeln, hatte den Riecher eines echten Torjägers und ist auf den ersten zwei, drei Metern explodiert.“ Posen schlug im Sommer 2008 zu, zahlte läppische 380.000 Euro für Lewandowski. Und der gab sich anfangs ganz still und bescheiden. „Er hat wenig erzählt und viel gearbeitet“, sagt Smuda. Vor allem körperlich musste Lewandowski noch zulegen und lernen, den Ball unter Druck zu behaupten – heute fast unvorstellbar.

Der Entdecker: Franz Smuda entdeckte Robert Lewandowski in der polnischen Zweiten Liga.

„Wir hatten einen kolumbianischen Abwehrspieler, ein echtes Kraftpaket, mit dem Robert nach jedem Training Mann gegen Mann gespielt hat“, erzählt sein Ex-Trainer. Außerdem empfahl er seinem Schützling, doch mal „den schönen Kraftraum“ aufzusuchen. Auf dem Platz lief es ohnehin rund: 41 Tore in 82 Spielen für Posen machten Lewandowski begehrt. 2010 verpflichtete Dortmund ihn für 4,75 Mio.

Smuda betreute Lewandowski nach der gemeinsamen Zeit in Posen auch noch drei Jahre als polnischer Nationaltrainer. Der 72-Jährige weiß: „Robert ist kein Typ, der Mineralwasser im Kopf hat. Die Bayern können beruhigt sein: Robert wird als Weltfußballer genauso hungrig sein wie davor.“

Ex-Bayern-Torhüter Starke ist von der Professionalität Robert Lewandowskis beeindruckt

Der Torhüter: Tom Starke muss lachen, als es die Geschichte erzählt, aber es war halt so. Beim ersten Mal, sagt der ehemalige Torwart und heutige Trainer des FC Bayern, dachten die Mitspieler: „Will der nicht so lange an der Schlange stehen und fängt deswegen hinten an?“ Robert Lewandowski hatte sich einen Nachtisch genommen, bevor das Hauptgericht kam, dann aß er die Vorspeise. Mit kürzerer Wartezeit allerdings hatte das nichts zu tun. Vielmehr, sagt Starke, sieht man an diesem Detail – erst Kohlenhydrate, am Schluss Fette –, „dass er in Sachen Professionalität in der obersten Liga spielt“.

Lewandowski ist ein Vollblut-Profi, das fängt bei der Ernährung an, geht über das richtige Maß an Schlaf und endet in der täglichen Trainingsarbeit. Starke kann davon viel berichten, denn er war nicht nur vier Jahre lang Kollege, sondern als Torhüter direkter Gegenspieler. „Nach dem Training“, erzählt der 39-Jährige, „habe ich noch viele Sonderschichten mit ihm eingelegt, und sein Anspruch war immer: 100 Prozent Treffer!“ Starke sagt: „Ging mal einer an den Pfosten oder ich habe einen gehalten, war er komplett unzufrieden.“ Jeden Fehlschuss hat der Pole genau analysiert. „Falsche Schusshaltung? Falscher Anlauf? Er wollte immer Perfektionist sein – und das ist, was ihn ausmacht.“

Die Bayern-Profis Starke und Lewandowski verbindet ein „Schuss Egoismus“

Starke hat Lewandowskis Weg vom „Topspieler, der mit allen Fähigkeiten ausgestattet ist“, zur „absoluten Weltklasse“ miterlebt. Neben der gelebten Professionalität sieht er für diese Entwicklung einen weiteren wichtigen Grund. „Er hat im Laufe der Zeit verinnerlicht, dass man die Erfolge nur als Mannschaft erreichen kann.“ Und gemerkt: „Wenn eine Mannschaft erfolgreich ist, kann man als Einzelner noch mehr glänzen.“ Stürmer sind wie Torhüter gerne mit „einem Schuss Egoismus“ belegt, aber Lewandowski hat sich entscheidend gebessert: „Er geht auf seine Mitspieler zu, übernimmt nun Verantwortung fürs große Ganze.“

Der Torhüter: Tom Starke (Mitte, hinter Lewandowski) spielt schon seit vielen Jahren mit dem Polen zusammen.

Das sieht man auch vor dem Tor, wo er einst eigennützige Nationalspieler gerne mal einen Pass spielt. Trotzdem, sagt Starke lachend, wünscht man sich als Keeper, wenn Lewandowski naht, „einen anderen Gegner oder halt Abseits“. Eiskalt sei er vor dem Tor, „er kann links wie rechts schießen“. Ein Tausendsassa, auch neben dem Feld?

Nun ja. Feiern, Alkohol, Exzesse, das ist nichts für Lewandowski. Aber Starke ist sich sicher: „Gewinnt Lewi, lässt er sich nicht lumpen.“ Ein Essen fürs Team wird drin sein. Nachspeise gibt’s halt zuerst.

Dieter Hecking kann sich noch gut an Lewandowskis fünffachen Torreigen erinnern

Der Geschlagene: In seinen Träumen, immerhin, haben Dieter Hecking die Treffer nicht verfolgt. Vor Augen aber hat sie der ehemalige Coach des VfL Wolfsburg heute noch, und zwar alle fünf. „Besonders der Seitfallzieher ist hängen geblieben“, sagt der 56-Jährige. Er meint das 5:1, also den Schlusspunkt dieses denkwürdigen Tages in der Allianz Arena, von dem Hecking sich sicher ist: „So etwas wird man als Trainer in seiner Karriere nur einmal erleben.“

Hecking hat es erlebt, am 22. September 2015, um genau zu sein. An der Seitenlinie des FC Bayern stand damals, als Robert Lewandowski den VfL im Alleingang besiegte und fünf Tore in exakt 8:59 Minuten schoss, Pep Guardiola. Selbst der Spanier schlug irgendwann die Hände über dem Kopf zusammen, so unglaublich war all das, was auf dem Feld passierte. Hecking flüchtete sich in Galgenhumor. Über seinen Satz – „ein Weltklassestürmer hat fünfmal aufs Tor geschossen und hätte siebenmal treffen müssen“ – sagt er heute: „Das sollte meinen Respekt ausdrücken. Er hat die Extraklasse gezeigt, die er schon damals hatte.“

Hecking wünscht dem Bayern-Stürmer den Weltfußballer-Titel

Mehr als fünf Jahre ist der Rekordtag von Lewandowski nun her, Hecking wird freilich heute noch drauf angesprochen. „Auch nach meiner Karriere“, sagt der Sportvorstand des 1. FC Nürnberg, „wird dieser Tag noch fester Bestandteil in meinen Erzählungen sein.“ Lewandowski geht es da ähnlich, obwohl er erst ein halbes Jahrzehnt später vor dem größten persönlichen Triumph steht. Hecking wünscht ihm, „dass er die Wahl in diesem Jahr gewinnt, denn er ist auf konstant hohem Niveau – und das nicht nur in der Bundesliga, sondern auch international“.

Der Geschlagene: Dieter Hecking musste mit dem Vfl Wolfsburg gleich fünf Tore von Robert Lewandowski verkraften.

Hecking weiß, wovon er spricht, denn er verfolgt den Werdegang seines Schrecks genau. Und ab und an, da hat er diesen Seitfallzieher plötzlich wieder vor Augen. Er tat weh, sehr weh.

Didi Hamann riet dem FC Bayern zum Verkauf von Lewandowski

Der Kritiker: „Ich glaube, dass Lewandowski zum Problem für Bayern wird: Seine Theatralik, sein Abwinken, sein zum Teil lustloses Verhalten auf dem Platz. Ich glaube, es ist offensichtlich, dass er ein Einzelgänger ist.“ Im Februar 2019 knallte Didi Hamann diese Kritik Robert Lewandowski in seiner Rolle als Sky-Experte um die Ohren – und setzte noch einen drauf: Er riet dem FC Bayern zum Verkauf des polnischen Stürmers.

Ab diesem Zeitpunkt galt der frühere Nationalspieler als Chefkritiker Lewandowskis. Die Wortwahl stieß den Bayern-Verantwortlichen freilich sauer auf. Der damalige Sportdirektor und heutige Sportvorstand Hasan Salihamidzic fackelte nicht lange mit seiner verbalen Retour-Kutsche und sprach von einer Kampagne: „Ich glaube nicht, dass Robert Lewandowski für Bayern München ein Problem ist, sondern Didi Hamann ist ein Problem für Sky!“ Knapp zwei Jahre sind seitdem vergangenen – und es ist viel passiert.

Hamann über den Bayern-Stürmer: Seine Körpersprache hat sich verändert

Hamann ist zwar immer noch TV-Experte bei Sky, doch seine Sichtweise auf den polnischen Superstürmer hat sich gewandelt: „Ich finde, dass sich im Vergleich zu damals seine Körpersprache geändert hat. Das war mein Hauptkritikpunkt. Ich habe damals ja auch schon gesagt, dass er für mich die beste Nummer neun der Welt ist, aber: Wenn du der Beste bist, musst du schauen, dass du andere besser machst. Er hat zwar in jeder Saison fast 30 Tore geschossen, im Champions-League-Halbfinale war aber Schluss.“ Im vergangenen Königsklassen-Halbfinale war bekanntlich nicht Schluss. Bayern schnappte sich in Lissabon den Henkelpott – auch dank der überragenden Quote von Lewandowski.

Der Kritiker: Mit teilweise harten Worten kritisierte Didi Hamann den Top-Stürmer der Bayern.

Er schoss 15 Tore, bereitete weitere sieben Treffer vor. Die 22 Scorer-Punkte bewertet Hamann so: „Ich habe den Eindruck, dass er seit einiger Zeit wieder mehr auf seine Mitspieler eingeht. Damals brachte seine Unzufriedenheit zu schnell zum Ausdruck.“ Das mache der Angreifer jetzt nicht mehr, im Gegenteil: „Lewandowski unterstütze seine Mitspieler. Der Rest der Mannschaft schätzt das und dementsprechend wird ihm noch mehr zugearbeitet. Davon profitiert der gesamte Verein.“ Also wäre der Weltfußballer-Titel gerecht? Hamann: „Für mich gibt es da keine andere Option.“

Weltfussballer Robert Lewandowski? - Das ist der Bayern-Stürmer in Zahlen

Tore, Titel und Trophäen! Robert Lewandowski (*21. August 1988 in Warschau, Polen) hat als Profi für Delta Warschau, Legia Warschau II, Znicz Pruszkow, Lech Posen und Borussia Dortmund gespielt. Seit 2014 stürmt der 32-Jährige für den FC Bayern. Für die Münchner hat Lewandowski in 200 Bundesligaspielen 175 Tore geschossen, insgesamt kommt er für den Rekordmeister auf 305 Einsätze und 262 Treffer. Für den BVB erzielte er zuvor 103 Tore in 187 Einsätzen. In der polnischen Nationalmannschaft, deren Kapitän Lewandowski inzwischen ist, spielte er 116 Mal (63 Tore), damit ist er Rekordspieler und Rekordtorschütze seines Heimatlandes. Einen Titel hat Lewandowski mit Polen noch nicht gewonnen, dafür aber jede Menge mit seinen Clubs. Bislang feierte er neun Meistertitel (sechs mit dem FC Bayern) und fünf Pokal-Siege (3), dazu den Champions-League-Triumph 2020 und den Erfolg im UEFA-Supercup.

Und auch persönliche Auszeichnungen regnete es für Lewandowski nur so: 16 Mal war er der beste Torschütze eines Wettbewerbs, fünfmal Bundesliga-Torschützenkönig. In seiner Heimat Polen erhielt Lewandowski achtmal die Auszeichnung zum Fußballer des Jahres – einsame Spitze. Außerdem wurde er 2015 zum polnischen Sportler des Jahres gekürt. In Deutschland heimste er heuer den Titel Fußballer des Jahres ein. Mit seinem Fünferpack gegen den VfL Wolfsburg am 22. September 2015 brach Lewandowski unzählige Erfolge: Noch nie hatte ein Einwechselspieler fünf Treffer erzielt, in drei Minuten und 22 Sekunden gelang ihm zudem der schnellste Hattrick der Liga-Geschichte, das gilt auch für vier und fünf Tore am Stück. Mit seinen 262 Toren für den FC Bayern ist Lewandowski zudem der zweitbeste Torjäger der Clubgeschichte, nur Gerd Müller (518 Treffer) liegt noch vor ihm. Europas Fußballer des Jahres ist er schon – am Donnerstag tritt er gegen die Dauersieger Lionel Messi und Cristiano Ronaldo an.

Auch Lewandowskis Boss, Karl-Heinz-Rummenigge, durfte sich über eine ganz besondere Auszeichnung freuen.

Rubriklistenbild: © Matthias Balk/dpa

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