Großes Interview

Tarnat adelt Supertalent: "Hojbjerg kann alles"

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„Guardiola tut der Jugendarbeit gut“: Michael Tarnat sieht seine Jungs gerne bei den Profis trainieren.

München - Im großen Interview mit dem Münchner Merkur spricht Jugend-Koordinator Michael Tarnat über den Nachwuchs des FC Bayern und Shooting-Star Pierre-Emile Hojbjerg.

Fünf U23- und vier U19-Spieler haben die Reise des FC Bayern zum Telekom Cup nach Hamburg angetreten – Michael Tarnat (44), einst Champions League-Sieger mit den Bayern, ist ihr Chef. Im Interview spricht der sportliche Leiter des Junior Teams über Ziele, Visionen und Potenzial der Jugendarbeit.

Herr Tarnat, zahlreiche Jugendspieler trainieren derzeit bei den Profis. Ist ein Post-Turnier-Jahr auch für die Jugendabteilung besonders schwer?

Sportlich etwas schwerer, aber dennoch positiv. Denn es ist für uns schon Gold wert, wenn die Jungs mal eine Zeit lang bei den Profis mittrainieren dürfen. Da sehen sie, was ihnen noch fehlt. Die jungen Spieler denken oft, man geht halt auf den Rasen raus, trainiert zwei Stunden und fährt wieder heim. Es ist gut für die Jungs, zu sehen, wie die Profis sich vorbereiten, wie sie ihre Übungen machen im Kraftraum, wie sie sich pflegen lassen. Sie sehen dann, was ein Profi-Fußballer alles leisten muss. Es ist ein schöner Job – aber es ist auch ein Beruf.

Lernen am Modell?

Genau. Ein Tag mit Franck Ribery wirkt mehr als 100 Worte, die wir das ganze Jahr über sprechen. Wenn sie es hautnah erleben, glauben sie es. Wir sind dankbar dafür, dass Pep Guardiola so vielen jungen Spielern die Möglichkeit gibt, sich zu präsentieren.

Sie haben seit 2010 schon mehrere Trainer erlebt. Ist Guardiola wirklich einer, der die Jugend besonders fördert?

Schon mehr, als es beispielsweise unter Louis van Gaal der Fall war. Das Schöne ist: Pep Guardiola ist egal, wie alt der Spieler ist. Er muss nur gut sein. Ob der nun 14, 16 oder 20 ist. Das war in den letzten Jahren nicht so. Guardiola tut der Jugendarbeit gut. Die Jungs hängen sich rein, weil sie gerne mit dem besten Trainer der Welt trainieren wollen.

Guardiola hatte bei Barcelona starke Quoten. Teilweise haben 14 Spieler aus dem eigenen Internat bei den Profis gespielt.

Bei uns haben es auch wieder zwei Spieler geschafft. Julian Green und Alessandro Schöpf, der uns nun leider verlassen hat. Und deswegen sage ich auch – und das kommt mir in der Öffentlichkeit zu wenig rüber – hätten wieder zwei mehr die Chance, bei den Profis zu spielen. Julian ist nun sogar WM-Spieler, hat ein Tor geschossen. Und der Junge ist immerhin seit der U?15 bei Bayern.

Die Jugendarbeit wird Ihnen zu wenig wertgeschätzt?

Ja. Alle anderen Vereine feiern und pushen sich, wenn sie einen Spieler rausbringen. Bei den meisten ist es aber leider nur die zweite Liga. Hier ist es die Creme de la Creme. Das ist mehr wert. Wir haben die höchste Durchlässigkeit in der Bundesliga von denjenigen, die nach oben kommen. Und wir reden hier vom FC Bayern München. Wir müssen vielleicht auch lernen, so etwas öffentlich besser zu kommunizieren.

Höchste Durchlässigkeit heißt: Der FC Bayern hat deutschlandweit die beste Jugendarbeit?

Es wäre zu vermessen, wenn ich sage: Wir sind die Besten. Die Durchlässigkeit spricht für uns. Wir haben zig Spieler, die in der Bundesliga sind. Sieben Spieler aus der U?23 vom letzten Jahr haben Vereine gefunden, zum Beispiel Benfica Lissabon, Red Bull Salzburg. Wir wissen aber trotzdem, dass wir in gewissen Bereichen aufholen müssen, Defizite haben, zum Beispiel infrastrukturell. Da haben uns einige überholt.

Aktuell läuft die U-19-EM. Ohne einen Spieler des FC Bayern. Das kann Sie nicht glücklich machen.

Wenn wir junge Spieler gut ausbilden, wird es eine Frage der Zeit sein, bis wir auch dort wieder Nationalspieler haben. Dieser Jahrgang ist deutschlandweit außergewöhnlich gut, und unser Jahrgang war nicht so stark. Das muss man akzeptieren.

Uli Hoeneß hat vor drei Jahren eine Revolution in der Jugendarbeit angekündigt. Was ist seitdem passiert?

Wir haben uns neu aufgestellt. Wir haben Jürgen Jung geholt von 1860, wir haben neue Trainer geholt, wir haben eine neue Philosophie entwickelt. Wir sind auch aggressiver auf dem Markt geworden. Zum Beispiel haben wir Pierre-Emile Hojbjerg aus Dänemark geholt. Wir haben im Jugendhaus Spieler, die es zu den Profis schaffen können. Mit Hilfe von Matthias Sammer haben wir sehr viel gemacht. Und er will sich nun noch mehr einbeziehen.

Wie sieht seine Mitarbeit aus?

Er ist viel dabei. Üblicherweise bei den Trainersitzungen, auch bei den Spielen der U?19 und U?23. Ansonsten guckt er sich die Spiele auf Video an, holt die Trainer zu sich und redet mit ihnen, redet mit mir, erkundigt sich nach einzelnen Spielern. Der Austausch ist sehr, sehr eng.

In Michael Reschke ist als technischer Direktor ein weiterer Mann verpflichtet worden, der sich auch um den Jugendbereich kümmern soll. Verderben nicht zu viele Köche den Brei?

Er war schon bei uns, hat sich vorgestellt. Er hat ein Riesen-Knowhow und ein Riesennetzwerk. Deshalb sind wir froh, dass er uns unterstützt. Ich sehe da gar keine Probleme. Zu viel Input kann es in unserem Bereich nicht geben.

Sie haben mal gesagt, ein Traum von Ihnen sei es, über einen Spieler sagen zu können: „Den habe ich begleitet von klein auf bis zu den Profis.“ Ist Ihnen das bei Pierre-Emile Hojbjerg gelungen?

Natürlich ist er etwas Besonderes für mich. Wir haben ihn zwar extern geholt, aber Pierre-Emile hat immerhin ein Jahr bei mir gelebt. Und deshalb sehe ich ihn anders. Er war bei uns in der Familie. Er ist wie ein Sohn für uns. Ich habe ja auch noch einen 16-jährigen Sohn, den Pierre-Emile als seinen kleinen Bruder bezeichnet. Die sind wie Geschwister.

War es nicht komisch, mit einem Spieler unter einem Dach zu wohnen?

Am Anfang war es eine Umstellung. Aber am Ende waren wir sehr traurig, als er gegangen ist. Ich habe jetzt schon eine ganz andere Bindung zu ihm. Ich war ja auch schon früh involviert in seine Verpflichtung, weil ich ihn im Derby gegen den FC Kopenhagen habe spielen sehen. Der Junge hat drei Tore geschossen und zwei vorbereitet. Ich bin dann zu Christian Nerlinger (damaliger Sportdirektor, d.Red.) und habe gesagt, wir müssen ihn holen. Wir haben ihn dann vor die Wahl gestellt, ob er ins Internat möchte oder zu uns. Und dann habe ich ihn für ein Jahr aufgenommen. Es war eine schöne Zeit.

In der Vorbereitung der Profis fehlen aktuell noch etliche Nationalspieler. Schlägt jetzt die Stunde von Pierre-Emile Hojbjerg?

Ja. Ich hoffe es. Es liegt aber nur an ihm, er muss gut trainieren und gut spielen. Aber er hat auf jeden Fall das Potenzial, das hat er schon im Pokalfinale auf einer für ihn ungewohnten Position nachgewiesen. Da hat man gesehen, was er alles kann. Er kann im Mittelfeld auf jeder Position spielen. Und ich bin davon überzeugt, dass er bei uns seinen Weg machen wird.

Wie sieht es bei Julian Green aus? Ist ein Leihgeschäft denkbar?

Vielleicht wird er ausgeliehen, im Moment ist er aber ein fester Bestandteil des Profikaders. Wenn er dort aber zu wenig Einsatzzeit bekommt, dann kann es schon sein, dass er mal wieder in der U23 zum Einsatz kommt. Erst nach der Vorbereitung werden wir da mehr wissen.#

Es ist bekannt, dass Sie nicht gerne über junge Spieler nur ihres Namens wegen sprechen. Sie können aber nicht bestreiten, dass sich Lucas Scholl und Gianluca Gaudino derzeit bei den Profis ganz gut schlagen, oder?

Die Jungs können ja nichts für ihre Nachnamen. Es ist unheimlich schwierig für sie, weil sie immer mit ihren Vätern verglichen werden. Bei Lucas stimmt der Vergleich ja auch: Er hat die selbe Körperhaltung, spielt so wie der Papa, schießt aber bessere Standards. Ich bin aber eher ein Freund davon, sie in Ruhe Fußball spielen zu lassen. Ich bin eher froh, dass sie trotz ihres Namens so lange durchgehalten haben. Und man muss sagen: Sie würden auch oben mittrainieren, wenn sie Müller oder Meier heißen würden.

Auf Ihrer früher angestammten Position hat der FC Bayern nun Juan Bernat verpflichtet – eine gute Entscheidung?

Definitiv. Der Junge gefällt mir gut, ich habe ihn beim Training mit unseren Jugendspielern nun schon mehrfach gesehen. Er ist technisch stark, laufbereit – ein echter Außenverteidiger.

... und er kann David Alaba entlasten, der gerne wieder im Mittelfeld spielen will.

Das mag sein. Aber ich muss sagen: Ich finde, David ist der beste Linksverteidiger der Welt. Er wollte schon in der Jugend gerne im Mittelfeld spielen. Aber ich denke, dass er als Außenverteidiger auf Jahre hinweg Meilensteine setzen kann.

Hanna Schmalenbach und Matthias Horner

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