Interview aus Fan-Sicht

Fußball-Anhänger hat dringenden Rat an Bayern-Bosse - „So entgleitet man den Fans“

Vorstand des FC Bayern und gebürtiger Karlsruher: Oliver Kahn.
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Vorstand des FC Bayern und gebürtiger Karlsruher: Oliver Kahn.

Wie denken Fußball-Anhänger über die Corona-Privilegien der Bundesliga-Profis? Handelt zum Beispiel der FC Bayern mit der Katar-Reise nachvollziehbar? tz.de hat mit einem kritischen Fan gesprochen.

München/Bodensee - Es riecht nach herzhafter Bratwurst und frisch gezapftem Bier. Dumpf hallen Fangesänge über das Areal. Vorfreude macht sich breit. Bundesliga. Heimspiel. Stadionatmosphäre.

FC Bayern und Bundesliga in der Corona-Pandemie: Debatte über Covid-19-Privilegien der Fußballer

Das ist die Welt von Tim W., seines Zeichens glühender Anhänger des KSC. Der 32-Jährige, ein gebürtiger Karlsruher, lebt mittlerweile am Bodensee. Für seinen Klub nimmt er weite Reisen auf sich, um mittendrin zu sein - im blau-weißen Fußball-Rausch.

Das alles war vor Corona. Wie abertausende andere Fans im Land hat er Sehnsucht. Und er macht sich viele Gedanken. Darüber, was Fußballer alles dürfen, während alle anderen vieles nicht dürfen. Ein Interview aus Fan-Sicht.

Herr W., Sie sind Teil der aktiven Fanszene des Karlsruher SC. Stellen wir uns mal vor, es gäbe keine Pandemie: Wie läuft ein Spieltag bei Ihnen normalerweise so ab?

Tim W.: Wir treffen uns schon sehr früh vor einem Spiel, manchmal nachts. Wenn wir zum Beispiel mit dem Fanbus zu einem Auswärtsspiel fahren. Da macht man schon das erste Bierchen auf, quatscht eine Runde miteinander, es gibt ein Gruppenfoto. Viele, die in der Fanszene richtig tief drin sind, treffen sich vor jedem Spiel. Der Block, das ist wie eine Familie.

Bilder aus Vor-Corona-Zeiten: Tim W. (Mi.) bei einem Auswärtsspiel seines Karlsruher SC im Fan-Block.

Geisterspiele in der Bundesliga: „Aber die Vereine haben ihre TV-Gelder“

Was vermissen Sie am meisten?

Das Zusammengehörigkeitsgefühl. Extrem. Zusammen im Block zu stehen. Zusammen Erfolge zu feiern, zusammen Niederlagen zu betrauern. Der Weg zum Stadion. Vor Heimspielen treffen wir uns schon morgens in der Stadt, holen beim Imbiss die erste Bratwurst. Wir laufen dann alle gemeinsam durch den Schlosspark zum Wildparkstadion. Und wenn die Mannschaft einläuft, geht es richtig los.

Wegen der Corona-Pandemie werden in der Bundesliga Geisterspiele ausgetragen, ohne Zuschauer. Wird uns vorgehalten, was dem Fußball ohne seine Fans fehlt?

Emotional ja. Aber leider läuft es, so wie es aussieht, finanziell genauso weiter. Klar, haben die Bundesliga-Klubs Einbußen. Aber die Vereine haben ihre Haupteinnahmequellen in den TV-Geldern und den Trikot-Verkäufen, dem Merchandising. Ich schaue mir die Spiele im Fernsehen nicht mehr so gerne an. Jedes Mal denke ich mir: Das ist ein Freundschaftsspiel. Man hat als Fan aber den Eindruck, dass es den großen Vereinen weniger ausmacht als den kleinen.

Entfremdung der Bundesliga-Fans? „Beispiel: Katar-Reise des FC Bayern“

Kurz vor der Corona-Krise war viel die Rede von einer Entfremdung zwischen Basis und Profifußball. Verstärkt sich das jetzt? Was hören Sie aus der Szene?

Das hat sich schon vor der Corona-Pandemie angebahnt. Ich finde schon, dass es durch die Corona-Krise eine noch größere Entfremdung gibt. Bei den großen Klubs fehlt den Fans, meiner Meinung nach, der direkte Bezug zur Mannschaft. Wir KSC-Fans sehen die Spieler normalerweise aus der Kurve, können über den Zaun auch mal mit ihnen reden. Das Fan-Erlebnis geht aber aktuell verloren. Wir sitzen nicht mehr in vollen Kneipen und schauen uns die Spiele gemeinsam an. Und durch die ganzen Geschichten, die die letzten Wochen passiert sind, verliert der Fan das Verständnis für die Fußballer.

Großer Fan der Karlsruher: Tim W. (Mi.) mit KSC-Anhängern, als es noch keine Corona-Pandemie gab.

Was meinen Sie damit?

Erstes Beispiel: Die Katar-Reise des FC Bayern. Zweites Beispiel: Dass Quarantäne-Regeln nach Rückreisen von Spielen einfach nicht eingehalten werden. Drittes Beispiel: Dass Champions-League-Spiele dorthin verlegt werden, wo man sie Corona-konform durchziehen kann. Englische Klubs dürfen nicht einreisen, dann geht man halt nach Budapest und reist wieder zurück nach Deutschland (RB Leipzig gegen FC Liverpool, d. Red.). Der normalen Bevölkerung werden gleichzeitig Reisen untersagt. Im Profifußball werden Pandemie-Bedingungen, das ist mein Eindruck, so gut es geht umgangen. Nur, um das Konstrukt Profifußball aufrechtzuerhalten. Das ist traurig.

Karl-Heinz Rummenigge vom FC Bayern hat vorgeschlagen, dass die Münchner Spieler als Impf-Vorbilder dienen könnten. Sie arbeiten im Fitnessstudio, bei Ihnen geht es um den Job. Wie denken Sie über diesen Vorschlag des Bayern-Bosses?

Ganz schwierig. Ganz schwierig. In der Pandemie muss man erst die Risikogruppen impfen und dann die, die uns schützen: Krankenschwestern und Ärzte in Krankenhäusern, Pfleger von Alten. Vorbild sein? Das verspielen manche Fußballer aktuell ein bisschen. Die Bayern reisen nach Katar, ein Spieler wird positiv getestet (Thomas Müller, d. Red.), darf aber vor der Quarantäne noch heimfliegen. Und seine Mannschaft? Spielt trotzdem. In der Normalbevölkerung müssten alle drumherum wahrscheinlich für zwei Wochen in Quarantäne. Bisschen komisch. So entgleitet man den Fans.

FC Bayern, BVB, RB Leipzig und andere Bundesliga-Klubs: Fan vermisst „mehr Demut“

Was kann der Profifußball dagegen tun?

Im ersten Lockdown wirkte es so, als habe der Fußball mehr Demut. Als hätten es die Fußballer mehr wertgeschätzt, dass sie überhaupt spielen dürfen, während andere ihre Arbeit nicht ausüben dürfen. Wenn ich als Fan heute Interviews bestimmter Klubbosse lese oder sehe, gewinne ich den Eindruck, dass diese Demut weg ist. Und dass es als selbstverständlich gesehen wird, dass ihre Mannschaften Privilegien bekommen. Mehr Demut wäre gut. Musste die Katar-Reise des FC Bayern wirklich sein? Vielleicht, weil sie einen Sponsor dort haben? Man muss auch mal auf ein Spiel verzichten. Und man sollte direkt in Quarantäne gehen, wenn man ein Vorbild sein möchte.

Noch ein Blick in die Zukunft: Ihr erster Stadionbesuch nach Corona-Lockerungen - auf was freuen Sie sich am meisten?

Sich vormittags mit den Jungs auf das Spiel heiß zu machen und dann im Block einen 3:0-Sieg des KSC zu feiern.

Ein Interview von Patrick Mayer

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