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„Meine Qualität war nicht das Problem“: Edson Braafheid packt über seine Bayern-Zeit aus

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Von: Philipp Kessler

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Edson Braafheid
Edson Braafheid war einer der Wunschspieler, die Louis van Gaal zum Amtsantritt 2009 aus den Niederlanden zum FC Bayern mitbrachte. © MIS

Beim FC Bayern hatte er damals keine einfache Zeit. Edson Braafheid spricht im tz-Interview über WM-Viertelfinale der Niederländer - und einen Shootingstar.

München - Am Freitag (20 Uhr, ARD und MagentaTV) will die niederländische Nationalmannschaft den nächsten Schritt Richtung Titel bei der WM 2022 machen. Gegner im Viertelfinale ist Argentinien mit Superstar Lionel Messi (35). Edson Braafheid (39) wird von seiner neuen Heimat Miami aus die Daumen drücken.

Der ehemalige Bayern-Star (2009 – 2011) stand mit den Niederlanden 2010 im WM-Finale, scheiterte in der Verlängerung an Spanien. Im tz-Interview spricht Braafheid über die Oranje-Generation, Trainer Louis van Gaal (71) und seinen neuen Job. (Spielplan der WM 2022 in Katar)

Wo sehen Sie die Probleme Hollands?

Braafheid: Die Mannschaft spielt kompakt und versucht, mit den schnellen Angreifern über Konter erfolgreich zu sein. Aber das ist irgendwie auch das Problem. Das Mittelfeld ist nicht so stark wie gewünscht. Wenn das Mittelfeld nicht schnell genug in die Offensive nachrückt, verlieren die Angreifer leichter den Ball. Unser Team braucht mehr Ballbesitz und muss den Ball auch länger in den eigenen Reihen halten. Dadurch bekommt man auch mehr Selbstvertrauen.

Worauf wird es gegen Argentinien ankommen?

Braafheid: Argentinien ist die beste Mannschaft, gegen die die Niederlande bisher im Turnier gespielt hat. Wir werden dem Gegner mehr Ballbesitz lassen, haben nicht den Druck, das Spiel machen zu müssen. Das könnte ein Vorteil sein. Wir müssen kompakt verteidigen und bei Ballgewinn schnell umschalten. Dann kommt uns unsere Schnelligkeit zugute.

Werden die Niederlande dafür sorgen, dass es das letzte WM-Spiel von Lionel Messi sein wird?

Braafheid: Es ist eine große Ehre, gegen einen der größten Fußballer aller Zeiten zu spielen. Aber wir werden ihm nicht helfen. Wenn wir jemandem helfen wollen, dann nur uns. Es wäre ein großer Schub für uns, wenn wir Argentinien und Messi aus dem Turnier kicken könnten.

Ein Holländer, der momentan in aller Munde ist, ist Cody Gakpo von PSV Eindhoven.

Braafheid: Seine Leistungen überraschen mich. In der niederländischen Liga hat er oft auf dem linken Flügel gespielt, er hat aber auch die Fähigkeiten eines Mittelfeldspielers. Er hat ein super Raumgefühl, ein top Dribbling und einen Zug zum Tor. Ich denke, er kann sich weiter Verbesserung und hat eine noch größere Zukunft vor sich.

Bei Eindhoven steht er noch bis 2026 unter Vertrag. Doch viele Klubs wollen ihn im kommenden Sommer schon verpflichten.

Braafheid: Falls Bayern München ihn haben möchte, sollten sie schnell sein.

Wie bewerten Sie die Situation von Matthijs de Ligt momentan? Er ist kein Startelfspieler bei Holland.

Braafheid: Seine Karriere ist sehr früh in Fahrt gekommen. Er war 16 Jahre alt bei seinem Debüt für Ajax Amsterdam und dann der jüngste Kapitän der Vereinsgeschichte. Er war schnell Nationalspieler und hat dann mit seinem Wechsel zu Juventus Turin den nächsten Schritt gemacht. Dort lief nicht alles nach Plan. Als junger Spieler ist es nicht einfach, in so einer Situation mit seinen Emotionen umzugehen. Man macht kleine Fehler, dann größere. Dann ist man mal auf der Bank.

„Ich hege keinen Groll gegen van Gaal“

Bei Bayern läuft es aber etwas besser bei ihm.

Braafheid: Ich bin ein großer Fan von ihm. Er ist meine Art von Verteidiger. Er ist ein Qualitätsspieler. Er wird ein Comeback auf sein Top-Level schaffen. Ich hoffe, Bayern gibt ihm die Zeit, die er braucht, und dass er in guten Händen ist. Er ist ein starker Verteidiger und der Spielstil von Bayern passt perfekt zu ihm.

2010 waren Sie mit Holland richtig nah am WM-Titel dran. Am Ende konnte sich Spanien knapp in der Verlängerung durchsetzen. Denken Sie noch oft daran zurück?

Braafheid: Je älter man wird, desto mehr fragt man sich, was hätte sein können… Manchmal stelle ich mir vor, wie es wohl gewesen wäre, als beste Mannschaft der Welt bezeichnet zu werden. Aber Spanien war damals großartig. Wir waren sehr nah dran. Ich habe mittlerweile meinen Frieden damit gemacht.

Auch mit Louis van Gaal? Beim FC Bayern hatten Sie keine einfache Zeit unter ihm.

Braafheid: Es gehören immer zwei Seiten dazu. Ich schaue auf mich selbst. Ich habe sehr viel als Spieler und Mensch gelernt, genauso wird er sein Verhalten reflektiert haben. Ich hege keinen Groll gegen ihn. Ich wünsche ihm nur das Beste und hoffe, dass Holland Weltmeister wird. Ich habe Vertrauen in ihn und die Mannschaft.

Wie nehmen Sie ihn heute wahr?

Braafheid: Er ist seitdem durch einen Wandel gegangen. Mittlerweile ist er netter zu den Menschen. Er hat gemerkt, dass der menschliche Part im Leben sehr wichtig ist. Obwohl er noch immer sagt, was er denkt. Bezogen auf seine Arbeit als Trainer, aus taktischer Sicht und wie er seine Mannschaft heiß macht, gehört er nach wie vor zu den Besten. Van Gaal macht einen unfassbar guten Job. Ich genieße seine Interviews und ihn als Menschen.

Sie wirken sehr selbstreflektiert. Was machen Sie momentan?

Braafheid: Ich lebe mit meiner Familie in Miami. Gianni Zuiverloon und ich haben die Stiftung Play Mental Foundation gegründet. Wir helfen 12- bis 28-jährigen Menschen in Schulen, Sportvereinen und im Geschäftsleben. Bei allem im Leben spielt die mentale Seite eine große Rolle. Wir helfen dabei, Kopf und Leistung spielerisch in Einklang zu bringen. Unser Leitsatz lautet: Approach the world from inside to outside. Deine Stärke liegt in deinem Inneren. Zudem haben wir auch noch unser eigenes Unternehmen House of Acceleration.

„Ich war nicht in der Lage, meine Qualitäten dauerhaft zu zeigen“

Worum geht’s dabei?

Braafheid: Um mentales Coaching. Wir helfen mit einem hochqualifizierten Team Athleten und Künstler, unter Druck Top-Leistung zu bringen. In einem ersten Gespräch geht es darum, das Problem unserer Klienten zu erkennen und zu erschließen, wie wir ihnen helfen können. Man braucht Routinen, Disziplin und muss auch wissen, wie man sich zur richtigen Zeit fokussieren kann. Ein Beispiel.

Bitte.

Braafheid: Ein Spieler von Hoffenheim trifft am Wochenende auf Bayern oder Dortmund. Seine Angst, auf Top-Gegenspieler zu treffen, beginnt aber schon am Montag. Wir erinnern unseren Spieler daran, dass man die Zukunft nicht kontrollieren kann. Was man aber kontrollieren kann, ist, was man jeden Tag dafür tut, damit man am Spieltag bestmögliche Leistung bringt. Wir bringen den Geist zurück in die Gegenwart. So eine Hilfe hat mir während meiner Zeit beim FC Bayern gefehlt.

Warum konnten Sie sich in München nicht durchsetzen?

Braafheid: Ich habe meine Karriere bei kleinen Teams in Holland gestartet. Dann bin ich zu Twente Enschede gewechselt und habe starke Leistungen gezeigt. Plötzlich war ich Nationalspieler. Dann bin ich zum FC Bayern gewechselt. Das Schwierige ist, sich an der Spitze zu halten. Ich war immer ein Spieler, der an seine Fähigkeiten geglaubt hat. Meine Qualität war nicht das Problem bei Bayern. Das habe ich im Training mit Stars wie Franck Ribéry, Arjen Robben, Bastian Schweinsteiger, Luca Toni oder Toni Kroos gemerkt. Aber ich war nicht in der Lage, meine Qualitäten dauerhaft zu zeigen.

Warum nicht?

Braafheid: Ich konnte mental keine Balance finden. Ich war zu besorgt darüber, wie ich mich zu verhalten habe. Ich habe mir zum Beispiel gesagt: „Ok, ich bin auf der Bank. Ich muss doch jetzt zeigen, dass ich unglücklich bin. Wie nehmen mich die Leute wahr?“ Heute ist der Druck auf Spieler noch größer. Es gibt keine Geheimnisse mehr, jeder Schritt wird auf Social Media dokumentiert. Auch ungewollt. Das hat sogar großen Einfluss auf die ganz großen Fußballstars. Aber alle jungen Spieler, die noch nicht so viel Erfahrung haben, haben damit noch mehr zu kämpfen. Wir helfen.

Interview: Philipp Kessler

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