Undankbarster Gegner

Atletico: Grenzgänger Simeone und die ehrlichen Arbeiter

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Diego Simeone führte Atletico Madird wieder an die Spitze Europas.

Nyon - Der FC Bayern trifft am Halbfinale der Champions League mit Atletico Madrid auf den wohl undankbasten Gegner. Trainer Diego Simeone ist daran nicht ganz unbeteiligt.

De Ruf als undankbarster Gegner Europas hat sich Atletico Madrid hart erkämpft, ermauert und ergrätscht. „Wir sind einfach eine Gruppe ehrlicher Arbeiter, da gibt es schlechtere Werte in der heutigen Gesellschaft“, sagt Diego Simeone. Der stets auf dem schmalen Grat zwischen Heißblütigkeit und Irrsinn balancierende Trainer von Bayern Münchens Halbfinal-Kontrahent in der Champions League verkörpert den „kleinen Großklub“ aus Madrid wie niemand anderes.

Der 45 Jahre alte Argentinier, der in Figur, Frisur und Auftreten eher an einen Mafia-Schläger erinnert, hat die einstmals launische Diva Atletico wieder zurück in die europäische Elite geführt. Die Colchoneros (Matratzenmacher), wie die Rot-Weißen aus dem Süden Madrids angesichts ihrer gestreiften Trikots getauft wurden, gehörten in den 70ern zu den Größten des Kontinents, verloren 1974 im Europapokal-Finale der Landesmeister gegen die Bayern (1:1 n.V./0:4).

Aus Größe wird Größenwahn

Doch danach wurde aus Größe Größenwahn. Unter dem berühmt-berüchtigten Präsidenten Jesus Gil y Gil (1987 bis 2003), dem Ex-Bürgermeister von Marbella, der sich schon einmal aus Lust und Laune einen Flugzeugträger kaufte („Ich hatte noch keinen“), versuchte der Arbeiterklub, den Glamourfaktor des Stadtrivalen Real zu erreichen. Stars wie Bernd Schuster, Paulo Futre und Christian Vieri kamen, 1996 wurde Atletico noch einmal Meister.

2000 brach das Gil-Gebilde aber zusammen: Abstieg in die zweite Liga, der zwielichtige Vereinsboss wurde wegen diverser Vergehen aus dem Verkehr gezogen, Geldprobleme und Führungschaos bestimmten den Klub - der Niedergang geriet aber zur Selbstreinigung: Seit dem Wiederaufstieg geht es im altehrwürdigen (und mittlerweile recht maroden) Estadio Vicente Calderon stetig bergauf.

2010 gewann Atletico die Europa League, 2011 kam Simeone, 2012 gewann Atletico erneut die Europa League. 2014 wurde der Coach endgültig zum Heilsbringer, durchbrach in der Liga die Vorherrschaft von Real und des FC Barcelona, die Rojiblancos holten ihren zehnten Meistertitel. Die Krönung blieb Simeone damals versagt: Im Champions-League-Finale führte Atletico bis in die Nachspielzeit 1:0 gegen Real, verlor jedoch letztlich 1:4 nach Verlängerung.

An Europas Spitze festgesetzt

Aus dem Traum wurde aber kein Trauma: Simeone blieb trotz aller Abwerbeversuche vor allem aus England, Atletico setzte sich in Europas Spitze fest. Der Trainer lässt weiter seinen kompromisslosen Defensivfußball spielen, bringt seine Mannen bis in die Haarspitzen auf Linie, jeder zerreißt sich für jeden. An diesem Bollwerk biss sich zuletzt im Viertelfinale der Königsklasse auch Titelverteidiger Barca die Zähne aus, im Halbfinale sollen die Bayern dran glauben.

Keine Frage: Auf Topstars baute und baut auch Teamfanatiker Simeone. Doch so oft Atletico in den vergangenen Jahren seine Besten verlor, ob (den mittlerweile zurückgekehrten) Fernando Torres, Sergio Agüero oder Radamel Falcao - sie waren ersetzbar. Gleiches wird irgendwann für Antoine Griezmann gelten, den Doppel-Torschützen gegen Barcelona und Künstler unter Simeones ehrlichen Arbeitern.

SID

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