Interview vor dem Südgipfel

Ex-FCB'ler Niedermeier: "Bayern ist nicht unverwundbar!"

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Punkten gegen die Ex-Kollegen? Für Georg Niedermeier ist das nicht unrealistisch.

München – Ein Münchner in Stuttgart: Seit 2009 verteidigt Georg Niedermeier (30) für den VfB – aber bis heute prägt ihn seine Ausbildung in der Jugend des FC Bayern. Wir trafen ihn zum Interview

Ganze 14 Jahre lang trug er das rote Trikot, kam bis zu den Amateuren, am Samstag (15.30 Uhr, bei uns im Live-Ticker) will ­Georg Niedermeier (30) die Bayern stoppen. Wie, verrät Stuttgarts Verteidiger in der tz.

Herr Niedermeier, was ist für den VfB gegen Bayern zu holen?

Georg Niedermeier: Wir spielen gegen den Klassenprimus und wissen um die Stärken der Bayern. Aber: Auch sie sind nicht ganz unverwundbar.

Haben Sie das Spiel gegen Benfica geschaut – mit Notizblock?

Niedermeier (lacht): Notizen habe ich mir keine gemacht. Aber ich saß pünktlich vor dem Fernseher. Bayern hatte gute Szenen, aber es gab auch Momente, in denen sie weniger sattelfest waren.

Niedermeier: "Viele fürchten sich zu sehr vor Bayern"

Zuletzt haben Teams oft die B-Elf gegen den FCB rangelassen. Ist das die Zukunft?

Niedermeier: Die Bayern haben sich einen Status erarbeitet, der viele Gegner noch mehr als früher erschreckt. Man fürchtet die Bayern heute mehr, als es dem Spiel guttut. Ich finde, man muss Respekt haben, dazu aber auch Selbstvertrauen. Nur auf Schadensbegrenzung zu schauen, kann nicht der Anspruch sein. Wenn du nur hinten drinstehst, wirst du niemals drei Punkte holen. Man sollte immer einen Plan haben, um das Spiel zu gewinnen – auch gegen Bayern. Mainz oder Gladbach haben vorgemacht, wie es gehen kann.

Selbstvertrauen müsste beim VfB ja da sein; man ist in der Rückrundentabelle Vierter…

Niedermeier: Stimmt, aber wir rufen jetzt nicht das große Spitzenspiel aus. Wir kennen unsere Lage.

Ihr Name wird wie kein zweiter mit dem aktuellen Aufschwung verbunden.

Niedermeier: Ich bin froh, dass mein Name wieder in einem Atemzug mit dem VfB Stuttgart genannt wird. Bis zum Trainerwechsel zwei Spieltage vor der Winterpause durfte ich leider gar keine Rolle spielen, das habe ich so in meiner Karriere bisher noch nie erlebt. Ich habe keine Minute gespielt, konnte mich nicht als Teil der Mannschaft fühlen, da kommt man sich sehr im Abseits vor. Ich habe immer trainiert für den Moment, an dem ich wieder gebraucht werde. Der ganze Aufwand hat sich gelohnt.

"Von der harten Schule bei Bayern profitiere ich noch heute"

Wie überwindet man so eine Achterbahnfahrt?

Niedermeier: Im Leben geht es nicht immer nur nach oben. Ich habe mich nie hängen lassen, obwohl die Situation sehr frustrierend gewesen ist. Freunde und Familie sind da wichtige Bezugspunkte, dazu hatte ich Kontakt zu einem Mentaltrainer, der einem mitunter mal den Blick schärft und einem erklärt, dass es keinen Grund gibt, sich hängen zu lassen, solange man wirklich alles gibt und mit sich selbst im Reinen ist, Woche für Woche.

Sie durchliefen beim FCB alle Juniorenteams. Hilft Ihnen diese Ausbildung bis heute?

Niedermeier: Ich habe schon in der Jugend gelernt, mich unter extremen Bedingungen durchzusetzen und an mich zu glauben. Da war es normal, dass am Ende einer Saison die halbe Mannschaft auf der Strecke blieb. Jahr für Jahr musste man sich behaupten, es gab keine längeren Verträge, da wurde immer knallhart ausgesiebt. Wer dabeibleiben wollte, konnte sich nie zurücklehnen, musste immer kämpfen. Das ist eine harte Schule, aber davon profitiere ich noch bis heute.

Holger Badstuber hat bemängelt, heute hätten Talente nicht mehr den Biss wie früher.

Niedermeier: Früher hat es mit 18 auf jeden Fall noch nicht gereicht, Talent zu haben. Um bei Bayern eine Chance bei den Profis zu bekommen, musstest du erst einmal Hermann Gerland bei der zweiten Mannschaft überzeugen. Das war ein Stahlbad, durch das man erst mal gehen musste, ehe man ins Haifischbecken Profis geworfen wurde. Vor Gerlands Schule haben sich einige gefürchtet, aber es war eine gute Lehrzeit, die sich langfristig rentiert. Heute ist es für viele Talente vielleicht zu einfach. Dadurch steigen die Ansprüche, und wenn du so früh einige Ziele erreichst, nicht mehr so dafür beißen musst, kann sich das im Charakter niederschlagen. Bei uns blieben bei Hermann Gerland noch einige auf der Strecke, die in der Jugend Tore ohne Ende geschossen hatten. Heute hätte es da viel eher geheißen: Gleich direkt zu den Profis! Aber die Wahrheit ist doch: Die Anzahl der echten Supertalente ist auch heute begrenzt. Genau wie früher.

Niedermeyer: "Bei Gerland habe ich das Profisein gelernt"

Zu Gerland hat jeder Anekdoten. Sie auch?

Niedermeier: Natürlich. Mehrere sogar. Ich weiß zum Beispiel noch, in meiner ersten Saison bei ihm, damals Regionalliga: Wir waren Tabellenführer, siegten in Pfullendorf 1:0. Das Spiel war sicher nicht das Gelbe vom Ei, aber wir Spieler waren alle stolz. Nicht zuletzt Jan Mauersberger und ich, wir hatten in der Innenverteidigung alles abgeräumt. Nur: Das, was wir alle da geboten hatten, war nicht der Anspruch des „Tigers“. Er ließ es sich dann nicht nehmen, unsere Euphorie gleich am Tag danach zu bremsen: Straftraining. zig Läufe ohne Ball. Er hatte sich sogar bei Pfullendorfs Trainer für unsere Leistung entschuldigt. Als junger Spieler stehst du dann da und denkst: Tabellenführer, Straftraining, das ist ein komischer Mix. Aber das Entscheidende ist ja: Hermann Gerland hatte das große Ganze im Sinn.

Beliebtes Stilmittel bei ihm: Der Cooper Test.

Niedermeier: Oh ja, den mochte er gern. Normal sind das, glaube ich, 3000 Meter in zwölf Minuten. Beim „Tiger“ waren es aber immer 3200 Meter. Wer den Test nicht schaffte, musste ihn am Tag danach wiederholen. Und das ging so lange, bis man ihn geschafft hat.

Wie oft mussten Sie dazu antreten?

Niedermeier: Ich habe es beim ersten Mal geschafft. Auf die Sekunde genau ins Ziel gestolpert. Da brannte die Lunge. Ja, Gerland hat uns schon beigebracht, immer alles zu geben. Auch bei Schnee, das ist noch so eine Geschichte…

… Erzählen Sie!

Niedermeier: Als Hallenturniere eine Zeit lang so in Mode waren, live im Fernsehen kamen, haben wir mal an einem Turnier mit den Profis teilgenommen. Eine Woche vor Start unserer Rückrundenvorbereitung. In der Vorrunde war Schluss, es war nicht so verwunderlich, wir hatten nur einmal kurz trainiert. Eigentlich war am Tag danach wieder Urlaub, wir hatten ja noch eine Woche. Aber Gerland ließ uns alle antanzen. Auf dem Platz lagen 20 Zentimeter Schnee, die Hälfte von uns hatte eigentlich Flüge in die Sonne gebucht – aber wir mussten Pfostenläufe machen. Spaßig war das nicht. Aber bei ihm habe ich Profisein gelernt.

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Interview: Hanna Schmalenbach

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